A MusicManiac's Top 500 Songs

Nach fast acht Jahren als MusicManiac und noch ein paar mehr der Beschäftigung mit Musik wird es Zeit für einen unzureichenden Versuch eines musikalischen Fazits. Natürlich kommt es, typisch für diesen MusicManiac, in ausufernder Listenform und kürt die verwegene Zahl der 500 als beste befundenen, liebgewonnensten und geschätztesten Songs.
Das eher irrsinnige Ausmaß der Liste, die stilistische Bandbreite der Songs darin und die Wankelmütigkeit im Urteil sorgen dafür, dass auch alle Sorgfalt bei der Erstellung nichts daran ändert, dass sie weder vollständig, noch für mich als Ersteller ultimativ zufriedenstellend oder richtig wirkt. Um den Titel der Liste und ihre Aussagekraft noch weiter zu untergraben, sei auch gleich angemerkt, dass sich unter viele, viele wirkliche Songs auch einige klassische Kompositionen und Soundtrackstücke mischen und ihren wohlverdienten Platz bekommen.

 

Deswegen sei gesagt, dass man diese Liste schon ein bisschen, aber tunlichst nicht zu ernst nehmen darf, sondern man viel eher ein bisschen stöbern, die Musik genießen, Spaß haben, überrascht sein, sich wundern sollte. Für Aufregung, Fragen zu meinem Geisteszustand, Beschwerden über die einen Songs und Jubelstürme wegen anderer ist aber natürlich trotzdem immer in den Kommentaren Platz.

Also dann, rein in Part 3 der unendlichen Liste!

 


450.

 

Ungarischer Tanz Nr. 5

 

Johannes Brahms

 
1869

Da ist sie, eine dieser klassischen Kompositionen, die ja eigentlich in einer solchen Liste gar nichts verloren hat, sich aber trotzdem irgendwie reingeschummelt hat. Nachdem mein tatsächliches Wissen über das klassische Musizieren beinahe  endet, bevor es beginnt, werde ich einen Teufel tun und mich in inkompetentester Weise über die kompositorischen Kunstgriffe des Johannes Brahms äußern. Dass Brahms geglaubt hat, sich mit seinen 21 Tänzen der ungarischen Volksmusik zu widmen, dabei aber hier und da und auch bei seinem berühmtesten, dem fünften ungarischen Tanz, wohl unwissentlich auf die Arbeit fremder Komponisten der gleichen Ära zugriff, tut jedenfalls der Qualität der Stücke und insbesondere dieses einen Tanzes keinen Abbruch. Dem geschwinden Galopp mitsamt radikalem Tempobruch ist wegen seiner sonnigen, leichten, dynamischen Machart einfach nicht zu entgehen.

449.

 

Orion

 

Rodrigo Y Gabriela

 

Rodrigo Y Gabriela
2006

Im Original ist es eine der von Fans und Kennern verehrtesten Darbietungen von Metallica, die jedoch mir nie so ganz bekommen ist, wohl weil instrumentale Metalstücke selbst in ihrer sphärischsten und beschlagensten Form keine sonderliche Wirkung entfalten. Warum es dann ausgerechnet den beiden Mexikanern mit ihren akustischen Gitarren gelingt, die gleiche Komposition zwar genauso instrumental zu halten, sie aber umso atmosphärischer, dynamischer und kurzlebiger zu gestalten, ist ein Rätsel von höherem Rang. Gelungen ist es jedenfalls, weil die Neuauflage von Orion wenig überraschend nicht annähernd so drückend gerät, auch nicht einmal an einer irgendwie gearteten stampfenden Trägheit anstreift. Stattdessen trifft locker-leichter Latin-Charme auf die insbesondere in den Percussion-Phasen immer noch spürbare Schwere des Originals und eine großartig sphärische zweite Songhälfte.

448.

 

Devil's Dance Floor

 

Flogging Molly

 

Swagger
2000

Ich glaube mich zu erinnern, dass das hier der erste Song dieser edlen Barden war, der mir begegnet ist und der auch sogleich gehörig Eindruck hinterlassen hat. Auf dem ohnehin starken Studiodebüt der Band ist es immer noch eines der Paradestücke, das den folkigen Pub-Punk von Flogging Molly so gut verkörpert wie nur ganz, ganz wenige andere in ihrem Kanon. Folglich ist die Sache textlich etwas leichtgewichtiger als ihre stärksten Minuten, dafür aber um nichts weniger energiegeladen und gesegnet mit diesem perfekt harmonischen Arrangement, in dem Akkordeon, Flöten und die Mandoline den knackigen Riffs und den wuchtigen Drums das gewisse Etwas verleihen, auf dass selbst die Tanzfaulsten kaum bewegungslos bleiben können.

447.

 

Welcome To The Occupation

 

R.E.M.

 

Songs For A Green World
2011

Es wird eine der ganz wenigen Liveperfomances in dieser Liste bleiben, was wohl genauso sehr Aussage über deren Qualität als auch über meine Skepsis diesen gegenüber ist. Da ist es jedenfalls umso mehr Adelung, dass R.E.M. es mit diesem kleinen, feinen Song dennoch geschafft haben. Zu verdanken ist das selbstverständlich dem selbst im erst Jahrzehnte später offiziell veröffentlichten Bootleg-Live-Gewand unbestritten endlos harmonischen Gesamtpaket, das die Band rund um Michael Stipe immer ausgemacht hat. Es wurzelt aber noch umso mehr in einer ihrer zu Document-Zeiten so deutlichen Stellungnahmen zum politischen Zeitgeschehen, dem gerade in den Reagan-Jahren wieder aufflammenden US-amerikanischen Imperialismusgedanken und den inflationären Einflussnahmen auf das politische Geschehen insbesondere in Lateinamerika. Weniger direkt als weniger später bei Orange Crush, hat man es hier mit einem der glänzendsten Beispiele für einen Michael Stipe zu tun, der gleichzeitig seinen immerwährend vagen, vielsagenden Texten nicht ganz abschwören will und dennoch sagt, was zu sagen ist.

446.

 

Fake My Own Death

 

Sum 41

 

13 Voices
2016

Knapp dem Tod entronnen oder ihm nach Leber- und Nierenversagen zumindest nahe genug, um dem Alkohol zu entsagen, war Deryck Whibley nach persönlich und musikalisch turbulenten, sehr durchwachsenen Jahren auf dem Pfad der Besserung. Und da tut es gut, wenn außerdem noch der ehemalige Garant für erstklassige Riffs, Dave Baksh, an der Leadgitarre zurückkehrt und man sich nicht in pseudo-theatralischen, mehrteiligen Suiten oder ähnlichem Pomp ergeht, sondern einfach ein bisschen drauflos schrammelt. Wie in den guten, alten Tagen. Beinahe zumindest. Deswegen war Fake My Own Death trotz etwas störrischer Produktion insbesondere auf gesanglicher Ebene immer noch ein zündendes Comeback und eine Rückkehr, wie sie kaum noch zu erwarten gewesen wäre. Kompromisslos, direkt und schnörkellos, dafür mit aller zur Verfügung stehenden Power.

445.

 

City Lights

 

Blanche

 

City Lights
2017

Womöglich ist es am beeindruckendsten, dass es der belgischen Singer-Songwriterin tatsächlich gelungen ist, mit einer derart tonlosen Gesangsperformance einen derart starken Song zu formen. Aber ihr monotoner, beinahe apathischer Auftritt paart sich perfekt mit dem unterkühlten, sterilen Elektronik-Pop, der City Lights letztlich geworden ist. Die daraus resultierende Atmosphäre ist zweifelsfrei kryptisch, aber deswegen umso eindringlicher und kommt auch im Refrain ohne große, exzentrische Ausschweifungen aus. Stattdessen bleibt, von der kurzen, stimmlich hohen Bridge abgesehen, alles im Einklang, auf mehreren Ebenen.

444.

 

Epic Holiday

 

Angels & Airwaves

 

Love
2010

Wenige musikalische Projekte wecken in mir so sehr den Drang, eine kleine Tirade über Beweggründe, Fehleinschätzungen, Geschmacksverirrungen und personelle Defizite zu starten wie Angels & Airwaves, dieses Kind des schwierigen Geistes von the one and only Tom DeLonge. Immer auf der Suche nach dem besten Rock seit Jahrzehnte und der Musik, die Generationen prägt, ist er dann doch irgendwie immer bei pathetischem, aufgeblasenem Synth-Pop-Rock gelandet, der seltenst so etwas wie tatsächlich ernstzunehmende Substanz offenbart hätte. Als inhaltlich reichhaltig geht nun Epic Holiday mit absoluter Sicherheit genauso wenig durch und doch ist es in seiner sonnigen Art mit der erstklassigen Hook das Paradebeispiel dafür, was DeLonge kann, nämlich vereinzelt ziemlich erstklassige Popsongs zu schreiben. Und weil das hier sogar mit einem relativen Mangel an Pomp, Glanz und Glorie in kitschigster Form passiert, darf man doch einmal sehr genussvoll dieser Band zuhören.

443.

 

Cold Case Love

 

Rihanna

 

Rated R
2009

Selbst das von allen Seiten gefeierte ANTI war vor ein paar Jahren nicht stark genug, um Rihanna wirklich als eine großartige Künstlerin erscheinen zu lassen, die ihre vielen Schwächen hinter sich gelassen hätte. Jahre vorher war das noch etwas weniger der Fall und doch war Rated R imposant, weil es phasenweise eine spürbar emotionale Aufarbeitung ihrer eigenen persönlichen Probleme zur damaligen Zeit war. Gipfel dessen war Cold Case Love und damit ihre wohl bis heute stärkste Ballade, die sich zwar in der zweiten Songhälfte mit lauten Claps und wuchtigem Beat die Hip-Hop-Avancen nicht verkneifen kann, selbst dann aber immer noch eine leidenschaftlich gefühlvolle Vorstellung ist. Auch wenn dem nicht so wäre, die erstklassige Eröffnung des Songs mitsamt Rihannas lange Zeit überzeugendster gesanglicher Darbietung baut schon genug Kredit auf, um nahezu alles Nachfolgende mitzutragen.

442.

 

Amazed

 

The Offspring

 

Ixnay On The Hombre
1997

Seit Jahren ist er bei mir im Sinken, der Stern dieser nunmehr heftig gealterten Pop-Punk-Helden der 90er. Und dennoch sind The Offspring in meinen Gefilden immer noch die mit Abstand besten all jener, die dem Genre in den 90ern entstiegen sind. Ein Argument von vielen für dieses Urteil: Amazed. Nachdem der Grunge bereits mehrere Jahre Vergangenheit war, stattdessen Anstalten machte, in seiner "Post"-Form grässlich zu klingen, ließen die Kalifornier entsprechende Einflüsse noch nicht ganz außen vor und gaben eine textliche etwas oberflächliche, aber vielleicht auch deswegen in ihrer geradlinigen Schnörkellosigkeit höchst eindringliche Vorstellung, die trotz ihrer Mid-Tempo-Gangart und der spärlichen Strophen nichts an nötiger Energie vermissen lässt.

441.

 

Pink Moon

 

Nick Drake

 

Pink Moon
1972

Einer der allergrößten Großmeister des einsamen, melancholischen Folk darf natürlich in dieser Liste nicht fehlen. Während das finale Album des Nick Drake in seiner kargen Form beinahe schon eine Absage an manche seiner Stärken darstellt, ist es immer noch oft genug beeindruckende Arbeit eines erstklassigen Singer-Songwriters. Der Titeltrack gehört definitiv zu diesen Momenten, ist mit Drakes seidenweichem Gesang und den hellen, spärlich verteilten Klavierklängen genauso romantisch angehaucht, wie es dank der puristischen Machart eine erdrückende Schwere mitbringt, die das ganze Album prägt und ein bisschen das nahende Ende vorwegzunehmen scheint.

440.

 

Hollow

 

Pantera

 

Vulgar Display Of Power
1992

Auf dem Zenit der Härte und der eigenen Qualität angelangt, waren Pantera selbstverständlich auch souverän genug, um eine verdammt starke Ballade zu zimmern. In der treffen karge, atmosphärische Passagen und eine von Phil Anselmos melodischsten, ruhigsten Performances einerseits auf die damals zur Trademark der Band gehörenden, erdrückend schweren, wuchtigen Riffs von Dimebag Darrell und knüppelharte Drums. Das Gemisch macht anfangs Schwierigkeiten, wird aber irgendwann gerade wegen seiner bipolaren Machart und des harten Bruchs zur Songmitte zu einem der großen Highlights im Kanon der Band.

439.

 

Auf'm Bahnhof Zoo

 

Nina Hagen Band

 

Nina Hagen Band
1978

Das Enfant Terrible des deutschen Rock, Nina Hagen, war vor allem mit der nach ihr benannten Band zum Ende der 70er eine Lichtgestalt und trotz nur sporadischer musikalischer Überschneidungen die unumschränkte Königin des deutschsprachigen Punk. Die musikalische Vielfalt, die provokanten Texte, die exzentrischen, ausschweifenden gesanglichen Auftritte Hagens - eine herrliche Melange. Am besten gelang sie bei Auf'm Bahnhof Zoo, dessen funkiger Unterton nach dem spacigen Intro umgehend zündet und sich perfekt mit Hagens abgehackt-hartem Sprechgesang und den plötzlichen Oktavensprüngen verträgt. So gibts dann keine Klagen, auch weil man an der Gitarre, am Bass und am Keyboard gleichermaßen mit starken Eindrücken versorgt wird.

438.

 

Creeping Death

 

Metallica

 

Ride The Lightning
1984

Auf der LP, die wohl in alle Ewigkeit Metallicas größter Wurf bleiben dürfte, kann man sich an den meisten Songs schwer satthören und wird in nahezu allen davon einige klangliche Gustostückerl finden. Und dennoch gibt es den einen oder anderen Höhepunkt der Höhepunkte. So auch Creeping Death, das in ähnlichem Maße wie der Titeltrack oder Fight Fire With Fire die kompromisslose Härte des Albums verkörpert, gleichzeitig aber als Nacherzählung der zehn Ägyptischen Plagen ein textlicher ist, der jeden Tempobruch, jedes Solo und jede Abkehr vom starken Main Riff ideal setzt und atmosphärisch ausnutzt, um ein durchdringendes, düsteres Epos zu schaffen, das trotzdem nie von Härte und Tempo ablässt.

437.

 

This Charming Man

 

The Smiths

 

The Smiths
1984

Selten war eine Band schon mit ihrem Debüt dem Gipfel so nahe gekommen wie die Smiths mit ihrem. This Charming Man trägt seinen Teil dazu bei, obwohl es ursprünglich gar nicht auf der zuerst veröffentlichten britischen Version zu finden war, erst auf der US-Version und dem Kassettenrelease einen hochverdienten Platz bekam. Schon kurz davor war der Song eine zum Durchbruch verhelfende Single und so nebenbei das erste Paradebeispiel des Smiths'schen Jangle Pop mit einer der lockersten, tanzbarsten Rhythm Sections ihres Bestehens, vor allem aber natürlich Johnny Marrs unwiderstehlichen, hellen Gitarrenriffs. Und auch Morrissey war schon Morrissey, textlich immer ein bisschen übermäßig romantisch, übermäßig süßlich und gesanglich butterweich unterwegs. Alle Zutaten beisammen, die es bei den Smiths braucht.

436.

 

Revolver

 

Rage Against The Machine

 

Evil Empire
1996

Als mit die ersten Vertreter dessen, was später einmal als Nu Metal bekannt werden sollte, waren Rage Against The Machine durchgehend eine Band, die von wütendem, unverblümtem Angriff auf den Status Quo durch Frontmann Zach de la Rocha genauso geprägt war wie von ihren mächtigen, funkig angehauchten Riffs und den kraftvollen Basslines. Im Falle von Revolver paarte sich all das noch dazu mit ungewohnt minimalistischen Strophen, in denen sich alles auf den großen klanglichen Ausbruch vorzubereiten scheint. Das ist auch dank de la Rochas Stimme beklemmend, gleichzeitig aber auch der ideale Wegbereiter zu einem brachialen Spannungsabbau im explosiven Refrain. Und wäre all das nicht schon genug, weicht die übliche Kritik am Wirtschaftssystem und an der Politik plötzlich einem schmerzhaften Blick auf eine Missbrauchsbeziehung, der noch ungleich emotionaler wirkt als nahezu alles andere, was die Band geliefert hat.

435.

 

Wilderness

 

Joy Division

 

Unknown Pleasures
1979

Die Herren der depressiven Finsternis werden noch öfter Einzug in diese Liste finden und sie eröffnen mit Wilderness und also mit einem düsteren, martialischen Blick auf Geschichte und Wirken der Religionen. Wie es sich für die Briten gehört, ist das Um und Auf dessen Ian Curtis' gefühlskalter, autoritärer Gesang und die unwirtliche klangliche Szenerie, die unter Martin Hanetts Führung enstanden ist. Entgegen manch anderem Track auf dem Debüt der Band, der noch auf die punkige Vergangenheit schielt, ist Wilderness da trotz der unaufhaltsam dahinrollenden Drums in seiner schwergewichtigen Machart schon eher dem erdrückenden, endzeitlichen Atmosphäre verpflichtet, die Joy Division in ihren eindringlichsten Minuten ausgemacht hat. Und da gibt es dann kein Entkommen mehr, wenn die Band in diese Richtung schreitet.

434.

 

Toxicity

 

System Of A Down

 

Toxicity
2001

Auch nach 20 Jahren immer noch ein Genuss der bizarreren, beklemmenderen Art, Serj Tankians erratischen Gesängen zwischen tiefen Growls, sanften Serenaden und hektischem, sich überschlagendem Rap zuzuhören, während im Hintergrund Daron Malakian seine Gitarrenwände hier, die die melodischen Zupfer da auffährt. Selten wurde das so effektiv und makellos zelebriert wie beim Titeltrack ihres besten Albums. Würde der drastische Wechsel zwischen den ruhigen Strophen und Kraftakten im Refrain nicht schon im Intro angekündigt, man ließe sich fast einlullen von den zwar schon ein bisschen unheilvollen, aber doch verdammt geschmeidigen Klängen. Passiert aber sowieso nicht, die wuchtigen Klänge kommen schnell genug und zwar genau dann, wenn sie gebraucht werden. Wie alles im Song.

433.

 

Demons

 

Chelsea Wolfe

 

Ἀποκάλυψις
2011

Die weniger heimeligen Klänge reißen vorerst nicht ab. Etwas anderes kann es aber auch nicht spielen, wenn ein wenig Chelsea Wolfe gehuldigt wird. Die hatte in ihrer Karriere selten bis nie Platz für positive Emotionen und optimistische Klänge und war auch in ihren frühen Tagen trotz ausbaufähiger Finesse dazu in der Lage, einen mit ihren abweisenden Sounds komplett zu vereinnahmen. Mit Demons gelang das ganz besonders, ist doch der Track mit seinen voluminösen Tribal Drums und dem rauen Geschrammel an der Gitarre ein einziges musikalisches Brodeln. Inmitten dessen macht sich Wolfe, teilweise auch mehrstimmig, in klassischer Lo-Fi-Manier eher nicht vordergründig, sondern mittendrin und in dumpfer Filterung breit. Das multipliziert aber den Effekt, lässt den Track umso unzugänglicher und verrohter klingen und macht ihn zum Prunkstück dessen, was manche zu "Doom Folk" getauft haben.

432.

 

All I Need

 

Radiohead

 

In Rainbows
2007

Die durchaus als einigermaßen stark zu bezeichnende Diskographie von Radiohead fordert ja hitzige Diskussionen darüber, was denn nun ihr bestes Album sein soll, geradezu heraus. Und während sich andere streiten, ob es denn nun OK Computer oder doch Kid A ist, sage ich seelenruhig, dass es definitiv In Rainbows sein muss. Unter anderem deswegen, weil auf dieser für die Band so locker wirkenden, organischen, luftigen LP auch die ziemliche Antithese zu diesen Eigenschaften ein herausragender Track ist. All I Need ist eine grenzenlos schwermütige, vor allem anfangs von dissonanten Synths geprägte Sehnsuchtsballade, die musikalisch nur bedingt ins Schema des Albums passt, jedoch in puncto unverstellter, spürbarer Emotion wiederum genau der LP entspricht. Weil dazu das Arrangement als zunehmende, kleinteilige Collage genauso stark wirkt, ist es einer von vielen Höhepunkten auf dem Album.

431.

 

Come Together

 

The Beatles

 

Abbey Road
1969

Persönlich war es nicht mehr so wirklich etwas mit der Harmonie bei den Beatles, als zum krönenden Abschluss der 60er Abbey Road entstand. Umso absurder ist es, dass trotz spürbarer Animositäten, auseinanderdriftender künstlerischer Vorstellungen und relativ isolierter kreativer Prozesse dennoch ein Album entstehen konnte, auf dem einige Songs so unfassbar harmonisch, klanglich so perfekt abgestimmt und in geschmeidigster Präzision produziert klingen wie Come Together. Die Beatles hatten Songs zu bieten, die emotional eher ansprechen konnten, rein akustisch bietet wenig ein solch bis zum letzten Ton abgerundetes, ausgefeiltes und schlicht makelloses Erlebnis wie Come Together. Ein Lennon in seiner coolsten Form, das großartige Rhodes Piano und göttliche Gitarrenklänge im Outro, schon ist alles würdig und recht.

430.

 

Behind The Wheel

 

Depeche Mode

 

Music For The Masses
1987

Es hat doch einige Zeit gedauert, aber irgendwann waren Depeche Mode an dem Punkt, wo fast alles zusammengepasst hat. Behind The Wheel fällt genau in diese Zeit und ist auch ein archetypischer Song der Briten in ihrer besten Phase. In seiner getriebenen Art und mit Dave Gahans tiefer Stimme gelingen ein paar durchgehend ungemütlich, etwas beklemmende Minuten, die aber nichtsdestoweniger gleichzeitig einen nicht zu entfliehenden Ohrwurm bedeuten, der mit einer erstklassigen Synth-Hook gesegnet ist. Das ist eine duale Stärke, die den Briten und ihrem synthetisierten Rock kaum einer so schnell nachmacht und die, wenn man sich auf das nötige Mindesttempo besonnen hat, zum Ende der 80er auch ziemlich durchgehend funktioniert hat.

429.

 

Lookin' Out My Back Door

 

Creedence Clearwater Revival

 

Cosmo's Factory
1970

Die großen Helden des Swamp, die in Wirklichkeit nie etwas mit dem Swamp am Hut hatten. Dass man sich dennoch so überzeugend und wirkungsvoll als klassische Südstaatenband behaupten konnte, ist eigentlich umso bemerkenswerter. Jedenfalls sind dem ein paar Songs für die Ewigkeit entsprungen, die sich auf Cosmo's Factory wohl dichter gedrängt haben als auf all ihren anderen Alben. Lookin' Out My Back Door gehört dazu, weil der Sound in Anlehnung an den Bakersfield Sound an lockerer Frische nicht zu überbieten ist, die von John Fogerty in seiner gewohnt überzeugenden Art gesungenen Zeilen verspielt-friedlich trippig daherkommen und selbstverständlich in gewohnter Manier ein unwiderstehlicher Drive das ganze musikalische Gespann von der ersten bis zur letzten Sekunde durchzieht.

428.

 

Ghost On The Dance Floor

 

blink-182

 

Neighborhoods
2011

Von der kurzen, turbulenten Wiederauferstehung des um die Jahrtausendwende den Pop Punk dominierenden Trios ist eigentlich nicht viel übrig geblieben außer einmal mehr etwas böses Blut und ein Album, bei dem niemand wirklich behaupten können wird, dass es das unbedingt gebraucht hat. Spürbar dominiert vom Freund des sphärischen, überproduzierten Synth Rock, Tom DeLonge, war es eine zerfahrene, unausgegorene und ziemlich oft fade Angelegenheit. Zumindest ein Track verdient es sich aber, aus Bandsicht ewig in Ehren gehalten  zu werden. Ausgerechnet der Opener hatte die Fähigkeit, einen umgehend von blink-182 2.0 zu begeistern und Lust auf mehr zu machen. Weil in dem voluminösen, dickwandigen Gemisch aus geschliffenen Riffs und Synths eine beneidenswert starke Melodie steckt, darüber hinaus die Bassline ein bisschen Punch mitbringt und allen voran Travis Barker und damit der spielerische Leuchtturm des Trios in den vordersten Vordergrund gemischt wurde und mit seinen Drums viel dominiert. Das wiederbelebte stimmliche Zusammenspiel zweier kaum begabter Sänger oben drauf und eine blink'sche Sternstunde ward geboren.

427.

 

Wunderschöner Mai

 

5/8erl In Ehr'n

 

Bitteschön!
2010

Es folgt ein Kurztrip nach Österreich zu den urig benannten 5/8erl In Ehr'n, deren köstlich naturbelassener Klang zwischen Wienerlied und etwas Jazz und Blues meist in der Theorie etwas besser war als in der Praxis. Vereinzelt trafen sich beide aber ganz weit oben, so wie das bei Wunderschöner Mai passiert ist. Allen voran ist es ein großartiges Liebeslied, das sich jeden Kitsch, jede gekünstelte Zeile spart und stattdessen im erfrischenden Dialekt und mit unbeschwertem Groove ein bisschen romantische Ehrerbietung betreibt. Ein absoluter Genuss ist das zuallervorderst im rein der akustischen Gitarre gewidmeten Beginn, das zunehmend vollere Arrangement enttäuscht mit den markanten Akzenten vom Kontrabass und Akkordeon aber genauso wenig.

426.

 

Blackbirds

 

Linkin Park

 

8-Bit Rebellion!
2010

Die gar schwierige, weil qualitative unglaubliche Distanzen umspannende Karriere von Linkin Park kennt, entgegen dem Tenor relativer Geringschätzung, schon so einige Höhepunkte. Manche davon wusste die Band selbst zu Singles zu machen, andere durften nicht mal auf reguläre Studioalben. Letzteres musste auch Blackbirds erleiden, das gar nur am Soundtrack für ein der Band gewidmetes Handyspiel Platz hatte und pflichtschuldig nachträglich als Bonustrack auf A Thousand Suns gepackt wurde. Schade unter anderem deswegen, weil es dort mit Abstand der beste Song gewesen wäre. Aber auch, weil es eine eigenwillige Komposition ist, in der trotz gleichbleibenden Beats die striktestmögliche Trennung zwischen Mike Shinoda Rapparts und den von Chester Bennington gesungenen Strophen herrscht. Bennington klingt dabei hoffnungsarm wie nie, schafft das auch deswegen auch mit zurückhaltender Darbietung ziemlich eindringlich, weil er wohl damals auf seinem gesanglichen Peak angelangt war. Shinoda dagegen macht das, was er tatsächlich kann, anstatt sich singend durch den Autotune-Fleischwolf drehen zu lassen, und rappt stattdessen einfach mal.


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