Wirre Worte

Die Kritik

Es ist einem gegebenen Anlass zu verdanken, dass hier urplötzlich Geschreibsel steht, das in Form und Inhalt nicht dem handelsüblichen MusicManiac-Review entspricht. Mir als so quasi Denker der Nation - ein bisher im Verborgenen gebliebener Titel - reicht in manchen Momenten eigentlich schon ein Satz, um eine Welle der Assoziationen und einen zum im besten Falle einen philosophischen Disput imitierenden inneren Monolog in mir in Gang zu setzen. So auch heute, als mir ohne böse Absicht und nicht zum ersten Male die nicht gerade unberechtigte Frage entgegenkam, warum sich denn manche gerade in der Kunst erlauben, bewerten zu wollen, was gut und was schlecht ist. Gut, dieser Frage, die ihre Antwort irgendwie vorweg zu nehmen scheint, ist an sich wenig hinzuzufügen und doch kommt sie etwas simpel daher. Unter anderem deswegen und weil es in den Finger juckt hier ein Stream of consciousness zur Frage, was denn die Kritiken in der Kunst, vor allem aber meine hier, überhaupt soll.

 

Zuallererst, ja. die Kritik im Sinne absoluter Bewertungen ist in der Kunst natürlich wertlos, weil die Kunst nur insofern in absoluten Maßstäben zu messen wäre, sofern sie sich nach den Prinzipien von Logik, Rationalität und Arithmetik bewerten lässt. Dass das unmöglich ist, weil eben Kunst und insofern a) Ausdruck des Schaffenswillens einer oder mehrerer beteiligter Personen und b) eigentlich dazu gedacht, innere Prozesse in den Kunstkonsumenten auf emotionaler oder gedanklicher Ebene hervorzurufen, sei also vorangestellt.

 

Und trotzdem hier eine Kritik an der Kritik an der Kritik in der Kunst: Die Ansage, keiner solle glauben, er könne so einfach bewerten, was denn in Musik, Film, Theater, Malerei, etc. nun gut oder schlecht ist, stimmt zwar nach obigen Prinzipien. Er hat aber natürlich auch einen antielitären Gehalt, der sinngemäß sagt, da soll sich keiner für so wahnsinnig wichtig oder g'scheit oder wissend halten, dass er anderen vorschreibt, was die von Kunst zu halten hätten. Das ist nobel, übersieht aber den einen Aspekt, dass auch ein kompletter Verriss vom Autor nie und nimmer als absolute Wahrheit verfasst worden sein muss. Ich hätte zum Beispiel selbst in dem Fall, dass ich im Lichte eines Albums die Sinnfrage aufgeworfen habe, damit nicht unbedingt gleichzeitig gemeint, dass das für jetzt und alle Zeit Allgemeingültigkeit haben muss. Natürlich ist es aber an und für sich so, dass wohl ein jeder Kritiker - so auch ich - glaubt, dass das, was er da zusammenbastelt Hand und Fuß hat oder aber zumindest die richtige Stoßrichtung besitzt. Dass dem so ist, ist allein deswegen klar, weil im Normalfall das ganze Leben, immerhin aber jede Meinungsäußerung danach funktioniert. Es sagt ja keiner seine Meinung und glaubt gleichzeitig, die von dem Typen fünf Meter weiter wäre eigentlich die richtige, während die eigene kompletter Schwachsinn ist. Also möglicherweise schon, aber mir sei dann erlaubt, den Geisteszustand desjenigen zu hinterfragen. Da verhält es sich natürlich trotz allen Wissens um die Subjektivität der Kunst bzw. des Kunstgeschmacks dort nicht anders. Was mir gefällt, hat natürlich per definitionem für mich seine Richtigkeit, während das, was als kompletter Müll betrachtet wird, wohl kaum das gleiche Gütesiegel bekommt. Das spricht dem noch nicht generell die Daseinsberechtigung ab, ein Wunsch nach dem Verschwinden der Barbara Karlich Show, der Farbe Neongelb in der Modebranche oder des Crazy Frog - wenigstens das wäre geschafft! - kann aber durchaus damit verbunden sein.

 

Daran schließen zwei weitere Dinge an: Zum einen ist es eine nette, aber bei ehrlicher Selbstreflexion für die allermeisten wohl schwer haltbare Idee, man selbst würde nicht bewerten und das zumindest gedanklich in absoluten Maßstäben tun. Kaum einer formuliert in seinem Kopf den Satz "Das finde ich scheiße." Viel eher ist, was scheiße ist, dort oben auch einfach scheiße. In der Kunst bleibt die Generalisierung dieser Meinung halt aus, weil einfach keine rationalen Argumente dafür da sind. Die Meinung in Worte zu fassen und damit vielleicht auch auf einer komplett unbekannten Website hausieren zu gehen, ist damit allerdings nicht vom Tisch.

Zum anderen ist der Standpunkt, dass doch Kritiker keine Allgemeingültigkeit in ihrem Geschreibsel suchen sollten, einer, der eigentlich immer nur bei negativer Kritik kommt. Gut, alles andere wäre aus Sicht der Kosten/Nutzen-Rechnung hirnrissig. Aber eben konsequent. Wer negative, veröffentlichte Kritiken als wertlos und nichtig abtut, die doch ja keine Meinung anderer Leute bilden sollten, wird gleiches auch für positive gelten lassen müssen. Das heißt aber dann, sie nicht unbedingt auf der eigenen Facebook-Seite, in Werbungen oder sonstwo groß auszuhängen und damit hausieren zu gehen, dass einen ja XY gut findet. Weil der sollte ja eigentlich auch keine Meinung irgendwelcher Leute beeinflussen. Die Kritik daran, dass Rezensionen jeglicher Art sich das Recht herausnehmen, quasi für andere zu bewerten, was gut und was schlecht ist, bedeutet in Wirklichkeit den Ruf nach einer komplett vorurteilsfreien Herangehensweise an das jeweilige Produkt. Auch das ist nobel, hält aber der Realität nicht stand, weil wir alle nach Hilfsmitteln suchen, um im offensichtlichen Überangebot an möglichen Zeitvertreiben auszuwählen, welcher jetzt lohnt, die eigene Zeit dafür zu opfern. Gilt für jedes Computerspiel, gilt für jeden Sport, gilt für jede Band. Damit ist aber der neutrale Zugang in Wahrheit auch schon dahin, weil davor immer Interesse bestehen muss, das allein schon einem Wohlwollen entspricht.

 

Jetzt zu dem eigentlich ursprünglichen Punkt, der sich in meinem Kopf zusammengesetzt hat und den antielitären Gedanken von oben betrifft. Kritikern sinngemäß vorzuwerfen, sie würden sich erlauben, etwas in gut und schlecht zu unterteilen, obwohl ihnen das gar nicht zusteht, impliziert, diese würden sich damit auf ein Podest und ihre Meinung über die anderer stellen, während sie die eigentlichen Künstler runtermachen. Der letzte Satzteil sei dahingestellt, aber dass es Leute gibt, deren Meinung gehört wird, während die anderer im Nichts verhallt, liegt in der Natur der Sache, weil wir Menschen auch untereinander selektieren und zwar immer und überall. Wäre dem nicht so, müsste das Geschwafel von HC Strache für mich den gleichen Wert haben wie das von Albert Einstein. Natürlich hat jeder, der sich Kunst nähert, auch das Recht, eine Meinung zu haben. Und natürlich ist es immer nur eine Einzelmeinung. Aber unabhängig davon, ob die Plattform, die manchen Reviewern geboten wird, ihnen auch wirklich zusteht und ihr Einfluss gerechtfertigt ist, geht natürlich auch dem eine Meinungsselektion voran. Sprich: Dem Typen, der sich seit Jahren eingehend mit der Materie befasst, wird natürlich eher zugetraut, Kunst einzuschätzen und sie zu bewerten, als dem, der das in losen Halbsätzen und ohne jeglichen Inhalt tut. Natürlich gibt es auch die, die sich seit Jahren mit der Materie befassen und trotzdem inhaltslos dahinschreiben, aber die sind ein anderes Kapitel. Auf alle Fälle haben Meinungen auch in der Kunst unterschiedliches Gewicht, weil sie unterschiedlichen Wissenständen und Erfahrungswerten, auch unterschiedlichen Denkleistungen dahinter entsprechen. Wenn das Urteil über ein Album vom einen "Des g'foit ma." ist, der andere aber länglich Form und Inhalt in allen Facetten zu beleuchten und zu bewerten versucht, sind beides legitime Meinungen, aber eine ist hilfreicher und eher ernst zu nehmen. Dass es trotzdem nur Meinungen sind, nach subjektiven Maßstäben geformt und gefiltert, ist gleichzeitig natürlich vollkommen klar und muss nicht sonderlich herausgehoben werden. Aber auch in der Kunst können Meinungen, die entsprechend Unterfutter haben, überzeugen.

 

Zu sagen, es wäre falsch, Kunst in gut und schlecht zu unterteilen, trifft allerdings doch einen sehr wunden Punkt von Reviews aller Art: Sie sind im Kern wertlos, weil sie in den allermeisten Fällen an der Intention von Kunst vorbeigehen. Wenn Kunst etwas im Konsumenten hervorrufen will - sei es Lachen, Weinen, Nachdenken oder sonstwas -, entfällt eine Objektivierung schon einmal von der ersten Sekunde an, weil wir damit von subjektiven Erfahrungen sprechen, die in keinen generalisierbaren Qualitätsmaßstäben messbar sind. Ich kann die Qualität eines Emotionsausbruchs zwar für mich definieren, aber ihn schwer auf den Rest der Welt übertragen. Insofern kann man folgerichtig schon sagen, dass der Wert von Kunst am Zuspruch des Publikums messbar ist. Das ist ein für jeden Kritiker grausamer Gedanke, aber auch mancher Alltagsmensch dürfte erschauern bei der Erkenntnis, dass dann Andreas Gabalier Österreichs größter aktiver Musiker ist und die wertvollsten Beitrage zur Musikwelt aktuell von Taylor Swift oder Ed Sheeran kommen. Aber es sind nun einmal die, die die meisten Menschen auf ihrer Seite haben.

 

Vielleicht führt mich das an einen Totpunkt des Gedankenstroms, weil er damit zwar nicht unlogisch, aber elendiglich unbefriedigend endet. Vielleicht könnte man für ein versöhnliches Ende sagen, dass es generell keinen Grund gibt, Kunst überhaupt qualitativ zu bewerten. Sehr sicher müsste man dann aber auch sagen, dass wir es trotzdem alle tun. Jeder von uns, der mit Kunst in Berührung kommt, wird in Windeseile für sich entscheiden, ob er das gut oder schlecht findet. Er wird wahrscheinlich nicht erwarten, dass der Nächste, der das macht, genauso urteilt. Aber er wird es wohl für richtig halten, wenn genau das passiert. Kritiker sind da auch nicht anders als andere Leute. Ich zumindest erwarte mir nicht, dass mir irgendwer zustimmt, wenn ich ein Album verreiße oder in den Himmel lobe. Schon gar nicht erwarte ich mir Zustimmung, weil ich mich als Reviewer hinstelle. Aber Meinungen sind da, bei jedem von uns, manche formulieren sie eben aus und bringen sie unter die Leute, manche werden sogar dafür bezahlt und manche sind so gut darin und können ihre Meinungen über längeren Zeitraum so gut argumentieren, dass man ihnen und ihren Auswürfen mehr Vertrauen oder immerhin Respekt entgegenbringt als anderen. Mehr können Kritiker nicht, mehr wollen die meisten wahrscheinlich auch nicht, selbst wenn sie in ihren Reviews keinen Raum für dauernde Relativierungen lassen. Die wären sonst auch ganz scheiße zu lesen und würden einem den letzten Glauben an die absolute Richtigkeit der eigenen Meinung nehmen. Wer will mir sowas schon zumuten?