A MusicManiac's Top 500 Songs

Nach fast acht Jahren als MusicManiac und noch ein paar mehr der Beschäftigung mit Musik wird es Zeit für einen unzureichenden Versuch eines musikalischen Fazits. Natürlich kommt es, typisch für diesen MusicManiac, in ausufernder Listenform und kürt die verwegene Zahl der 500 als beste befundenen, liebgewonnensten und geschätztesten Songs.
Das eher irrsinnige Ausmaß der Liste, die stilistische Bandbreite der Songs darin und die Wankelmütigkeit im Urteil sorgen dafür, dass auch alle Sorgfalt bei der Erstellung nichts daran ändert, dass sie weder vollständig, noch für mich als Ersteller ultimativ zufriedenstellend oder richtig wirkt. Um den Titel der Liste und ihre Aussagekraft noch weiter zu untergraben, sei auch gleich angemerkt, dass sich unter viele, viele wirkliche Songs auch einige klassische Kompositionen und Soundtrackstücke mischen und ihren wohlverdienten Platz bekommen.

 

Deswegen sei gesagt, dass man diese Liste schon ein bisschen, aber tunlichst nicht zu ernst nehmen darf, sondern man viel eher ein bisschen stöbern, die Musik genießen, Spaß haben, überrascht sein, sich wundern sollte. Für Aufregung, Fragen zu meinem Geisteszustand, Beschwerden über die einen Songs und Jubelstürme wegen anderer ist aber natürlich trotzdem immer in den Kommentaren Platz.

Also dann, rein in Part 4 der unendlichen Liste!

 


425.

 

The Godfather Waltz

 

Nino Rota

 

The Godfather
1972

Einer der legendärsten Momente des Films wäre wohl um ein gutes Stück weniger legendär geworden, hätte nicht Nino Rota seine Musik dazu beisteuern dürfen. Erst nach hartem Kampf durch Francis Ford Coppola durfte der Soundtrack Soundtrack sein und Rotas elegante und doch irgendwie rustikal italienische Arbeit verhalf dem Paten und seiner Familie zu einer ungeahnten Wirkung auf der Leinwand. Gravitationspunkt all dessen ist der Godfather Waltz in jener Form, in der ihn die Main Titles bieten. Mit langem, einsam-majestätischem Trompeten-Beginn, der szenisch durch tiefe Klavieranschläge unterbrochen wird und zuerst in einem ähnlich anmutenden Cello-Part mündet und erst dann in den allseits bekannten Walzer übergeht, der mit seiner wenig aufreizenden Instrumentierung umso stärker wirkt.

424.

 

Nutgiin Zamd

 

Egschiglen

 

Gereg
2007

Musik aus der großteils unbekannten Ferne hat zwar nicht immer, aber doch oft mit der eigentlich unfairen Aufgabe zu kämpfen, einem dieses Ferne atmosphärisch und musikalisch einigermaßen näherzubringen und ihm zu entsprechen. Selbstverständlich trifft das nur dann zu, wenn die betreffenden Musiker sich auch in irgendeiner Weise traditionellen bzw. prägenden Klängen ihrer Heimat widmen, im Falle des mongolischen Ensembles von Egschiglen dürfte das allerdings hinreichend erfüllt sein. Und die Mannen aus Ulaanbaatar, allesamt am dortigen Konservatorium ausgebildet, haben wenig Probleme damit, mit ihren traditionell mongolischen Instrumenten etwas zu kreieren, das gleichzeitig die mongolische Landschaft vor einem erscheinen lässt, gleich noch ein paar mittelalterliche mongolische Reiter mitbringt und dann doch wieder zeitlos erscheint. Zumindest kann man das dem instrumentalen Kunststück Nutgiin Zamd bescheinigen, das atmosphärisch alles richtig macht.

423.

 

Becoming

 

Pantera

 

Far Beyond Driven
1994

Darf's ein bisschen mehr sein? Diese Frage drängt einen zwar geradezu zu einem dankbaren Ja, das Ergebnis kann aber dann doch manchmal ein bisschen zu viel des Guten sein. Bei Pantera war es nach ihrem Meisterstück Vulgar Display Of Power auf dem Höhepunkt mit Nachfolger Far Beyond Driven eigentlich zu viel von allem, insbesondere der schlichten Härte. Nichtsdestotrotz ist mit Becoming ein Song gelungen, der die abgehackte, songgewordene Brutalität, die offenbar das Ziel gewesen zu sein scheint, in einer nahezu unwiderstehlichen, absolut kompromissfreien Art verkörpert. Ein bisschen abgewatscht fühlt man sich danach zwar, aber auf die gute Art...

422.

 

Feel That Rain

 

Jimi D.

 

Fisherman's Son
2009

Es braucht nun Entspannung und wo käme diese eher her als aus... Österreich? Nun ja, soll sein. Selbst mit latentem Reggae-Unterton geht das hierzulande, insbesondere die Steiermark war ja dereinst ein durchaus reichhaltiger Fundus entsprechender Musiker. Jimi D., der nunmehr seit Jahren unter bürgerlichem Namen als Chris Beer musiziert, war damals gerade den Kurzzeitberühmtheiten von Rising Girl entwachsen und erstmals auf Solo-Terrain. Das Debütalbum war rundum gelungen und bot mit Feel That Rain einen Song, der in seiner entspannten und doch latent wehmütigen Art nicht nur die Aura der LP einfängtn, sondern generell eine erstklassige musikalische Kleinigkeit ist.

421.

 

Praying

 

Kesha

 

Rainbow
2017

Das Dollarzeichen im Namen hinter sich und künstlerisch wie persönlich hinreichend emanzipiert, um musikalische Verbrechen der Vergangenheit angehören zu lassen, war Keshas Comeback ein auf vielen Ebenen sehr überraschendes. Allen voran kann man das über die musikalische Ausrichtung und Qualität sagen, die im Falle von Leadsingle Praying eine bemerkenswert gesungene, von Gospel und Soul durchzogene Ballade prägen durfte. Vorbei die Zeiten von Autotune und grässlicher Elektronik, genauso die stumpfsinnigster Lyrics. Textlich eine großteils wutbefreite, stattdessen selbstsichere Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit und ihrem früheren Produzenten Dr. Luke, ist es insbesondere stimmlich ein Meilenstein, der erst kurz vor Ende des Songs in einem plötzlichen Sprung in wirklich höchste Höhen vollendet wird.

420.

 

De Oidn Leit

 

Wolfgang Ambros

 

Alles Andere Zählt Net Mehr...
1972

Wolfgang Ambros war einmal jung. Und weil das so war, tat er damals das, was nahezu alle jungen Menschen irgendwann einmal machen: Er arbeitete sich ein wenig an den älteren Generationen ab. Weil Ambros aber gleichzeitig in den 70ern ein, man muss es Österreichisch ausdrücken, verdammt leiwaunder Liedermacher war, gelang ihm das mit De Oidn Leit auf stärkste Art. Zwar besticht die Stimme am Debüt noch mehr als in allen Jahren danach durch latente Tonlosigkeit, dafür ist der Text eine wahre Perle - ein bisschen hinterfotzig, ein bisschen dreist, ein bisschen nah an der Wahrheit dran. Vor allem steckt da auch ein Hauch Zeitlosigkeit drinnen, wenn auf die einleitenden Worte "Zu eanara Zeit hätt's des ned geb'n" ein latent sarkastisches Plädoyer für die Alten folgt und deklamiert wird, man solle doch bitte alles machen, nur bitte ja die alten Leut' in Ruhe lassen.

419.

 

Main Title Theme

 

David Byrne

 

The Last Emperor
1987

Ein Epochalwerk wie "The Last Emperor" verdient sich einen entsprechenden Soundtrack und hat ihn auch bekommen. Dass David Byrne dabei mitwirken durfte, ist verdammt untypisch, schadete aber der latent fernöstlichen, klassisch chinesischen Ausprägung der Musik nicht im Geringsten. Byrne durfte gar den Main Title Theme komponieren und so die ersten Minuten des Films musikalisch unterlegen. Das gelang so außergewöhnlich gut, dass der Komposition mit ihrer reichhaltigen Percussion und der dominanten Einlage der Erhu sogar der Status als Trumpfass des Soundtracks gebührt, weil sie es schafft, gleichermaßen verspielt, mächtig, nahezu etwas märchenhaft und definitiv dem chinesischen Herrschersitz würdig zu klingen.

418.

 

You're Gonna Go Far, Kid

 

The Offspring

 

Rise And Fall, Rage And Grace
2008

Es sollte ein latenter Stilbruch werden, mit dem The Offspring 2008 zum achten Mal in voller Länge zu hören waren. Die LP geriet unter Anleitung von Bob Rock glatter und weniger punkig denn je, vergraulte Fans, sorgte für Aufschreie und war gleichzeitig kaum einem Kritiker größeres Lob wert. Schade ist das, denn die LP war der letzte Versuch der Band, aus ihrer zunehmend ausgelutschter wirkenden Nische auszubrechen und sich insbesondere eher dem Ernst hinzugeben, und als solches durchaus erfolgreich. Den größten Eindruck hinterließ dennoch Goldsingle You're Gonna Go Far, Kid und damit ein Track, den insbesondere sein wuchtiger Beat und der zündende Refrain trägt, der jedoch über die Jahre überdauernden Zeile "Dance, fucker, dance!" wenig Inhalt mitbringt. Es soll so sein, wenn das Ganze musikalisch in einer bemerkenswerten Frische daherkommt und die nicht endenwollende Serie leichtgewichtiger Erfolgssingles der Band auf einen qualitativen, weil eben nicht plakativ lustigen Höhepunkt bringt.

417.

 

L'Amore È Femmina (Out Of Love)

 

Nina Zilli

 

L'Amore È Femmina
2012

Der Song Contest, wir alle lieben ihn. Also schon ein bisschen, so irgendwie, vereinzelt, wenn er nicht gerade lächerlich ist, also eigentlich eh nie. Schwieriges Terrain... Dennoch geschieht es unerklärlicherweise, dass sich wirklich gute Musikerinnen zu dieser Veranstaltung verirren. Insbesondere Italien hat sich da nach einer langen Absenz und dem Wiedereinstieg im Jahre 2011 sehr positiv hervorgetan und sich zeitweise mit wirklichen Perlen um den Sieg beworben. Dafür hat es zwar erst kürzlich mit dem musikalisch starken, visuell bedenklichen Hard Rock von Måneskin gereicht, davor hat es aber bereits besser geklungen. So auch 2012, als die Italiener plötzlich ihre ganz eigene Amy Winehouse präsentierten, die mit unwiderstehlich erdiger Stimme und direktem Draht zum Motown, dem Pop der 60er und einem Hauch von Rock ein paar herrliche Pop-Minuten fabriziert hat.

416.

 

When Your Heart Stops Beating

 

+44

 

When Your Heart Stops Beating
2006

Während Tom DeLonge gerade dabei war, den Grundstein für sein eigenes, nie zu wirklicher Größe gekommenes  Monument zu legen, suchten die Überreste von blink-182 nach einer Möglichkeit, doch irgendwie weiter blink-182 zu sein. Die Übung gelang, auch wenn man sich mit neuem Gitarristen und Mark Hoppus als alleinigem Frontmann +44 nannte. Das einzige daraus entstandene Album war purster Pop Punk, der zwar phasenweise den textlichen Ernst und das Erwachsenendasein für sich entdeckt hatte, sich aber nur ein einziges Mal wirklich voll auszahlte. Der Titeltrack des Albums musste es als Leadsingle und kompromisslos leichtgewichtige, aber mit absolut unwiderstehlicher Hook und herrlich lockerem Riff gesegnete Vorstellung richten. Die klangliche Revolution war abgesagt, die Evolution auch, aber ein perfektionierter Auftritt in bekannter Manier soll nicht stören.

415.

 

Kashmir

 

Led Zeppelin

 

Physical Graffiti
1975

Ich werde das Gefühl nicht los, dass mit Physical Graffiti der Punkt erreicht war, wo es ein bisschen zu viel wurde. Nicht nur wegen 83 Minuten Länge, sondern auch weil die Ideen ausschweifender, die Umsetzung pompöser und cineastischer wurde und darüber doch merklich der Zauber der Perfektion, der das titellose Meisterwerk der Band umgeben hat, verloren ging. Andererseits war von dem schon am knackig-kurzen Vorgänger wenig zu sehen und die zunehmenden Ausschweifungen brachten immerhin auch etwas wie Kashmir hervor. Das ist schwierig anzuhören, weil es einen etwas ratlos zurücklässt ob der Intention und des Inhalts. Dennoch ist es ein imposantes Meisterstück der progressiven Sorte, dem es gelingt, alle erdenklichen Facetten der Band in perfekt klingender Form zu vereinen und sie sehr lose, aber doch irgendwie mit dem legendären Streicherpart zu verbinden. Ein bisschen mehr Bonham-Power an den Drums dürfte es gern geben, aber man darf schon auch einfach nur etwas beeindruckt sein.

414.

 

Seven Nation Army

 

The White Stripes

 

Elephant
2003

So schwierig es auch war, dieses Duo mit dem für exzentrische, ausschweifende Einlagen bekannten Frontmann, ist ihnen immerhin eine der großen Hymnen der 00er-Jahre gelungen. Und an der führt letztlich kein Weg vorbei, allein schon wegen dieser perfekt zurechtgebogenen Gitarre, deren unverkennbarer Riff einen Bass so gut imitiert, dass die Verwechslungsgefahr groß ist. Mit Meg Whites monotonem Drum-Stampfen dazu ist das eine magische, hypnotische Kombi, die mit Jack Whites lautem Ausbruch an seiner Gitarre im Refrain den perfekten, manischen Counterpart findet. Traditionellem White-Stripes-Minimalismus in der Instrumentenwahl zum Trotz ist dann auch schon alles beieinander, was man sich wünschen kann.

413.

 

The Strength Of The Righteous

 

Ennio Morricone

 

The Untouchables
1987

Einmal noch wird der Filmmusik in diesem 25er-Paket gehuldigt. Ennio Morricone darf erneut, diesmal nicht im Western-Milieu, sondern für einen Abstecher in die Zwischenkriegszeit und die dortigen Mafiajäger. Während viel an diesem Fall gut und doch ein bisschen zu sehr 80er ist, widersteht Morricone dieser Schwäche und liefert mit The Strength Of The Righteous als zentrale Komposition etwas wahrlich Großartiges. Mit den alles beherrschenden, unheilvoll drückenden Klavierakkorden zum Anfang, den Pistolenschüssen ähnelnden Drums, die phasenweise von einem wuchtigen Beat ersetzt werden, und dieser angespannten Mischung aus Streichern und Mundharmonika findet er die perfekten Zutaten für etwas, das kurz und höhepunktslos ist, aber einen dennoch mitnimmt und klanglich begeistert.

412.

 

There's More To Life Than This

 

Björk

 

Debut
1993

Björk hatte immer schon etwas für weniger konventionelle Klänge über und da überrascht es nur bedingt, dass There's More To Life Than This zwar vielleicht musikalisch als einer ihrer straightesten Dance-Pop-Momente dasteht, gleichzeitig aber als Liveaufnahme aus der Toilette des Milk Bar Clubs heraus aufgenommen wurde. Dementsprechend eigenwillig ist die Sache klanglich. Was der Track aber vor allem hergibt, ist neben einer der verspieltesten Darbietungen Björks vor allem ein unglaublich lebendiger, ruheloser Sound, der dem Dancefloor-Charme des Songs so gerecht wird, wie es nur geht.

411.

 

the last great american dynasty

 

Taylor Swift

 

folklore
2020

Während sich offenbar die halbe (Kritiker-)Welt schon lange sicher war, dass in Taylor Swift eine der besten Songwriterinnen unserer Zeit steckt, war mir das immer ein bisschen zu viel der Ehre für den Popstar unter den Popstars unserer Tage. Letztlich musste aber auch ich einknicken, nachdem 2020 eher aus dem Nichts folklore und damit ein, den pandemischen Einschränkungen geschuldet, für Swift gänzlich untypisches Album veröffentlicht wurde. Hauptsächlich mit Aaron Dessner, seines Zeichens Teil von The National komponiert und konzipiert, ist es eine weit ruhigere, kaum glitzernde und deutlich nachdenklichere Seite der US-Amerikanerin. Die kommt mitunter so gut, dass man es kaum wahrhaben will. So auch bei the last great american dynasty, das ohnehin bereits mehr Lob als nötig von allen Seiten einstreifen durfte. Klanglich unfassbar geschmeidig und dank der leichten, an Radiohead angelehnten Electronica-Elemente dennoch pulsierend, ist es ein gesanglich und textlich meisterlicher Auftritt Swifts, der gleichermaßen atmosphärisch wie humorvoll und mit einem Hauch gesellschaftlicher Kritik besticht.

410.

 

Avalanche

 

Leonard Cohen

 

Songs Of Love And Hate
1971

Leonard Cohen war vom ersten Moment an stark genug, um eigentlich gar nichts an seinem künstlerischen Dasein ändern zu müssen. Folgerichtig ist seine dritte LP eigentlich auch genauso wie die beiden vorangegangenen, wohl nur etwas düsterer. Avalanche ist dahingehend ein treffender Einstieg, ist doch trotz minimalistischer Auskleidung ein durchgehende, schwelende Spannung spürbar. Dass ein Paarlauf von akustischen Gitarren und Cohens charakterstarker, tiefer Stimme mit ein paar szenisch eingestreuten Streicherklängen Großartiges hervorbringen kann, ist ohnehin bekannt, dass es bei einleitenden Zeilen wie "I stepped into an avalanche / It covered up my soul" passiert, ist nahezu gesichert.

409.

 

Tannhäuser / Derivè

 

Refused

 

The Shape Of Punk To Come
1998

Zwar sind sie dem Albumtitel und ihren musikalischen Wurzeln nach definitiv dem Punk zuzuordnen und da auch noch eher im Hardcore-Eck daheim. Einer ihrer größten Momente kam dann aber doch mit einem Stück, das schon fast progressive Züge mitbringt. Dem Titel zum Trotz sind es eigentlich drei Teile, aus denen sich Tannhäuser / Derivè zusammensetzt. Was mit einer epischen Kombination aus Streichern und drückend kargen Riffs beginnt, mutiert alsbald zu einem atmosphärischen Hardcore-Kraftakt, in dem dramatische Lautstärke-Exzesse und manisches geschrieene Zeilen auf schwergewichtige, langgezogen schwelende Gitarrenpassagen treffen. Bis, ja bis das irgendwann vorbei ist und als Grande Finale fast Jazz-Stimmung aufkommt, wenn plötzlich der Kontrabass gezupft wird und Melodica und Violinen dazu einsetzen.

408.

 

Georges Street / The Tartare Frigate

 

Rodrigo Y Gabriela

 

re-Foc
2002

Diesmal ist es tatsächlich ein Zweiteiler. Die bereits in der Liste verewigten Rodrigo Y Gabriela waren auf ihrem Debüt noch weniger dem Rock zugewandt als in späteren Jahren, boten mit ihren akustischen Gitarren stattdessen etwas, das in der ersten Hälfte Latin in Erinnerung ruft, in der zweiten Hälfte dagegen mit dominanter, gehetzter Violine fast eher osteuropäisch anmutet. Beides ist jedenfalls dynamisch, lebhaft, anmutig und ohne jeglichen spürbaren Ballast eine Freude für die Ohren.

407.

 

Borne On The FM Waves Of The Heart

 

Against Me! feat. Tegan Quin

 

New Wave
2007

Bei den Folk Punkern von Against Me! trat der Punk gegen Ende der 00er-Jahre öfter als zuvor in den Hintergrund. New Wave profitierte so von einer abgerundeten Ausgewogenheit, die die Alben der Band sonst schwer bieten konnten. Unter anderem war so auch Platz für eine kurz zuvor noch undenkbare Power-Ballade mit Sängerin Tegan Quin von Tegan & Sara. Die klingt dank der kernigen Stimme von Laura Jane Grace, damals noch Thomas James Grace, und Quin als hellem, weichem Gegenpart verdammt stimmig, bleibt musikalisch auf wohltuende Art zurückhaltend und findet trotzdem Platz für einen energischen Ausbruch in der zweiten Songhälfte. Das Ergebnis ist definitiv nicht der Paradesong der Band, aber eine ihrer stimmigsten Performances.

406.

 

The Beautiful People

 

Marilyn Manson

 

Antichrist Superstar
1996

Es war die Zeit des Industrial Metal und somit auch jene von Marilyn Manson, der sich in seiner exzentrischen, provokanten, bewusst überinszenierten Art in das allgemeine Gedächtnis einhämmerte und Grenzen auszureizen wusste, wie wenige in diesen Tagen. The Beautiful People war inmitten dessen der kommerzielle Durchbruch und dank seiner fast in militärischer Gangart vorangetriebenen Rastlosigkeit, dank der angespannten Verzerrungen der Gitarren, dank des montonen Dröhnens der Riffs im Refrain und natürlich zuvorderst dank eines manischen Marilyn Manson als dezent gruselige Fronterscheinung am Mikrofon ein Volltreffer auf allen Ebenen. Neben einem energischen, diffus gesellschaftskritischen Metal-Track blieb da sogar Zeit für eines der denkwürdigsten Videos aller Zeiten.

405.

 

No One Is There

 

Nico

 

The Marble Index
1968

Wenn man ein Album wie Desertshore aufnimmt und das dann nicht das kargste ist, was man fertiggebracht hat, ist das vielleicht schon irgendwie bedenklich. Auf Nico trifft es jedenfalls zu, ist doch The Marble Index zwar eindeutig schwächer als sein Nachfolger, aber eben auch umso trister, einsamer, gespenstischer. No One Is There kommt dabei zwar immerhin ohne die schrillen Klänge des Harmoniums aus, ist mit John Cales fast mittelalterlich anmutendem Streicherarrangement aber nicht weniger drückend. Reduziert auf die Streicher, Nicos Stimme und sonst spürbar rein gar nichts, ist es eine eigentlich surreale Darbietung, offensichtlich romantisch angehaucht, das aber in einer derart freudlosen, eisig kalten Form, dass man sich dem Schauspiel kaum schadlos aussetzen kann.

404.

 

Grotesksong

 

Die Ärzte

 

13
1998

Hach, die Ärzte. Immer für einen Gassenhauer für die Ewigkeit gut, fast nie für ein ordentliches Album. 13 war ordentlich, mehr dann irgendwie auch nicht, wartet aber immerhin mit einzelnen Momenten der unbestreitbaren Genialität. Natürlich entspringen sie dem kranken Hirn des Farin U., der sich im Grotesksong in genialer Manier an diesen elendigen Umwelt- und Tierschützern abarbeitet, ihre verweichlichten Gesänge und Proteste in bewusst ähnlicher Machart anprangert, bis irgendwann tatsächlich noch harte E-Gitarrenriffs ins Spiel kommen dürfen und die Tirade etwas wütender fortgesetzt wird. Dass Farin selbst diverse Umweltschutzorganisationen unterschätzt, entlarvt den Song als nicht allzu ernst gemeint - wie untypisch für die Ärzte.... -, nimmt ihm aber definitiv nichts von seinem Humor und der pointierten Seitenhiebe in alle Richtungen.

403.

 

Pennyroyal Tea

 

Nirvana

 

MTV Unplugged In New York
1994

Grunge-Held hin oder her, war Kurt Cobain dann am nächsten dran an der Emotion, wenn er einfach nur mit der akustischen Gitarre dagesessen ist und mit seiner brüchigen Stimme ohne Rücksicht auf Verluste und ohne jeden Schnickschnack alles rausgelassen hat. Nachweislich ist das nur beim berechtigterweise berühmten und verehrten Unplugged-Konzert geschehen, das Nirvana kurz vor Cobains Tod für MTV aufgenommen haben. Während da auch vereinzelt beim Unplugged-Part geschummelt wurde, personelle und instrumentelle Unterstützung eingebaut wurde, waren die unter die Haut gehenden Momente jene, in denen alles auf Cobain schauen musste. So wie bei der von ihm komplett allein dargebotenen Version von Pennyroyal Tea, die hier so ungeschönt, roh und fast einsam wirkt, dass es beinahe schwer ist, sie anzuhören.

402.

 

How To Fight Loneliness

 

Wilco

 

Summerteeth
1999

Die vielfach gefeierten Alternative-Indie-Rocker von Wilco haben kurz vor Ende des 20. Jahrhunderts auf Summerteeth einen Song versteckt, dessen große Leistung wohl in seiner relativen Unscheinbarkeit im Zusammenspiel mit dem erstklassigen Text besteht. Zweifelsfrei behände instrumentiert und mit Klavier und Mellotron stark akzentuiert, ist es im Kern ein gemächlicher, zurückgelehnter Trab. Immens aufgewertet wird er aber durch seine zynischen, bissig sarkastischen Zeilen über die besten Methoden gegen das Alleinsein, aus denen insgesamt purer, fast depressiver Verdruss und wenig versteckte Gesellschaftskritik sprechen.

401.

 

Stereotypes

 

Blur

 

The Great Escape
1995

Zwar waren Blur Mitte der 90er in Großbritannien ganz oben und kämpften gegen Oasis um den Britpop-Thron, das dafür in den widerwillig angenommenen Kampf geschickte Album klingt nur so überhaupt nicht danach. The Great Escape ist, verglichen mit den Vorgängeralben und auch ganz generell, abweisend, oftmals von Zynismus und einer gewissen sozialen Müdigkeit geprägt. Vollkommen im Einklang damit eröffnet Stereotypes das Album mit einem hemmungslos kratzigen Riff, einem kaum auf Harmonie ausgelegten Sound und einem textlichen Angriff auf das idyllische Vorstadtleben und die damit verbundenen titelspendenden Klischees. 


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