MusicManiac Top 10

MusicManiac Top 10 - Die besten Videos

Passend zum gerade stattfindenden Ausritt in die Welt der Soundtracks gilt es sich diesmal auch mit den Top 10 den bewegten Bildern zu widmen. Und weil es dank MTV irgendwann schick wurde, ähnlich wie vor Ewigkeiten die Beatles und Queen an die Musik mit einem kleinen Video noch eine Kunstform dranzubasteln, verbleibt nach Jahrzehnten ein gigantischer Pool mehr oder weniger kreativer Beiträge zum Musikfernsehen. Manche wurden Legende - Sledgehammer -, manche waren einfach nur zum Speiben - Candy Shop - und manche brauchten beides nicht, um Eindruck zu machen. Genau um die geht es diesmal, ein paar haben es nämlich fertig gebracht, mit ihrem Video genauso viel oder gar mehr auszusagen als mit dem eigentlich beworbenen Song dahinter.


 

10.

 

Another Brick In The Wall Part 2

 

Pink Floyd

1982

 

Entgegen obiger Ansage wird der Vorhang zuallererst doch für eine kleine Legende gelüftet. Und geschummelt wird auch gleich noch. Roger Waters' ausuferndes Monsterprojekt "The Wall", für einige großspurige Perfektion, für andere der Anfang vom Ende Pink Floyds, hat sich vor allem dank Another Brick In The Wall und dessen zweitem Teil ins Gedächtnis gebrannt. Während aber vielen dabei wohl die Erinnerung an im Stechschritt marschierende Hämmer einschießt, also die an das Originalvideo, hat sich die Umsetzung im dazugehörigen Film 1982 weit eher der Perfektion angenähert. Ohne steile Comic-Sequenzen, dafür mit einer Stimmung irgendwo zwischen 'Dead Poets Society' und 'Brazil', die in knapp sechs Minuten für einen genialen Rebellionssong sorgt. Trotz noch einmal zu alter Stärke findender Performance der Band gehört da ein gehöriger Anteil auch dem Video.

Highlight: Der Gänsemarsch der verstümmelt gesichtslosen Schüler, er könnte im falschen Moment auch für Albträume sorgen.


 

9.

 

Sober

 

Tool

1993

 

Ein Jahrzehnt später betritt eine Band die große Bühne, die in ihrer präpotenten, überbordend durchgeplanten und, naja, nennen wir es selbstsicheren Art den Prog-Helden Konkurrenz macht. Könnte auch damit zu tun haben, dass Tool mit ihrem von Wirrungen durchzogenen Metal zeitweise mehr Prog sind als Floyd. Und weil alles perfekt sitzen muss, sind auch die Videos fast durch die Bank kryptische Werke voll von düsterer Symbolik, Horrorfilmaura und der durch die Musik eingeflößte Dynamik. Die Auswahl fällt da schwer, denn atmosphärische Momente beschert das oft, doch in Wahrheit ist es schon ihre zweite Single Sober, die die markante Stop-Motion-Optik am besten einfängt. Mehr Dunkelheit als Licht durchzieht das Video, gespentische, kaum definierbare Kreaturen, angefangen beim entstellten Protagonisten, zeigen sich und sorgen für viele Fragen und viel Beklemmung.

Highlight: Das Intro voll von für sich unspektakulären, letztlich aber wirkungsvollen, kurzen Blicken in die gesamte Szenerie.


 

8.

 

Land Of Confusion

 

Genesis

1986

 

Ganz wichtig, hier sollte eigentlich Jesus, He Knows Me stehen. Weil aber die EMI-Trotteln nur irgendeine neue Version des Videos ohne Phil Collins' genialen eröffnenden Monolog - also den besten Part - auf YouTube zulassen, verbleibt nur der Blick auf eine etwas ältere Sternstunde der spaßigen Genesis-Ära. Die ist ehrlicherweise nicht minder schlecht, immerhin bedeutete Land Of Confusion über fünf Minuten Spitting Image. Der in Wahrheit bissige Kommentar zu Reagan, der im Synthie-Gewitter ein bisschen verloren geht, kommt durch dieses Video auf die allerbeste, weil humorvollste Art wieder zum Vorschein. Voll von Insider-Gags und solchen, die kein Vorwissen bedürfen, schreit die ganze Sache zwar optisch 80er wie sonst nur Prince- oder Wham-Videos, brennt sich dafür aber auch wirklich im Gedächtnis ein, ohne dass man sich dafür schämen müsste.

Highlight: Es gibt viel zu sehen, immerhin auch einen Collins in zweifacher - eigentlich sogar dreifacher - Ausführung, aber irgendwie toppt nichts das geniale, vom Blitz gebrutzelte Küken.


 

7.

 

Ich Will

 

Rammstein

2001

 

Ok, da gibt's vielleicht Erklärungsbedarf. Rammstein ist nicht jedermanns Sache, allen voran musikalisch. Doch unter dem Motto 'the bigger, the better' sind immerhin einige Videos entstanden, die sich vor allem auch durch ihre Verschiedenheit auszeichnen. Und zwischen übersteigerter Epik und gewöhnungsbedürftigem Humor tummelt sich auch das Video zu Ich Will. Gut, die mediengeilen Bankräuber sind weniger episch, doch neben der stilistisch perfekten Symbiose aus Musik und Filmischem bleibt einem vor allen ein genial inszenierter Seitenhieb auf die eigene Band, trieft doch quasi jede Szene nur so vor Schwachsinn. Trotzdem nicht schmerzhaft dumm, denn der Witz steckt in manchem Detail, allen voran der Aufmachung der Band in Smoking und mit Frisuren zum Weglaufen - sogar 2001 waren die zum Weglaufen. Blöderweise gibt's auch da ein paar Problemchen mit dem Finden auf Youtube, deswegen das Video hier nur mit spanischen Untertiteln. Wer irgendwann Lateinamerika besuchen will, kann mit den gewonnen Sprachkenntnissen aber sicher wunderbar viel anfangen.

Highlight: Andere verstecken Bomben in Koffern, platzieren sie geschickt, Rammstein binden einfach dem schmächtigen Keyboarder ein beeindruckend überdimensioniertes Modell um.

 

Edit: Das offizielle Video gibt's jetzt doch wieder auch auf dem YouTube-Kanal von Rammstein, also wird nichts aus dem Spanisch-Unterricht.


 

6.

 

All Is Full Of Love

 

Björk

1999

 

Wir kehren zurück in ernstzunehmendere Gefilde. Preisgekrönt ist als Begriff für Chris Cunninghams außergewöhnliches Video zu All Is Full Of Love fast schon zu wenig. Kaum ein anderes Musikvideo ist je so in den Himmel gelobt worden und womit? Mit Recht! Passend zu Björks musikalischem Understatement folgt auch das futuristische Filmchen minimalistischen Pfaden. Es passiert nicht viel, doch die Inszenierung des unmenschlichen Liebespaares samt mutiger Kussszene im Refrain füllt ein Vakuum gerade so sehr aus, dass man nicht ungerührt zurück bleibt. Allein der in gemächlichem Tempo gezeigte Detailreichtum, der sich in jeder perfekten Lichtspiegelung zeigt, ist es wert, das Video als Kunstwerk zu bezeichnen, vielleicht ein größeres als der eigentliche Song.

Highlight: Gibt's keines, denn diese drei Minuten sind zu geschlossen, zu ausgefeilt und ausgefüllt, um wirklich spezifisch etwas herauszupicken.


 

5.

 

Pick Up The Phone

 

The Notwist

2005

 

Deutschlands Elektronik-Kombo bringt einen im ersten Moment wirklich schwierigen Mix vor. Denn die karge, monotone Unnatürlichkeit der Musik verträgt sich, möchte man meinen, nur bedingt mit der niedlichen Optik des Videos. Doch die an sich unglaublich einfach gestrickte Sehnsuchtsstory wirkt durch diese unorthodoxe Kombination vollendet, wie es die beiden Teile getrennt nie sein könnten. Das kindliche Stop-Motion-Feeling mutiert auf die Art und sorgt für einen berührenden Ultra-Kurzfilm. Perfekt dargestellte verlorene Traurigkeit und Einsamkeit, die zwar im Open End nicht verschwindet, aber zumindest mit positivem Touch endet, damit die hoffnungslos Hoffnungsvollen auch etwas davon haben.

Highlights: Die schizophrene Episode zu Beginn, die in Wahrheit noch gar nichts vom eigentlichen Songthema verrät.


 

4.

 

Wiener Blut

 

Falco

1988

 

Tja, er musste eben hier herein. Das heimische Produzententeam DoRo hat für Falco zu oft für erinnerungswürdige Musikvideos gesorgt, doch mit dem Titeltrack zu seiner fünften LP haben schräger Humor und geniale Low-Budget-Optik einen ultimativen Höhepunkt erreicht. Falcos Kritik an Wiens verhaberter Politik wird so zu einer LKW-Ladung großartig lächerlicher Szenen, bei denen sich wirklich nur mehr die Frage stellt, welche denn nun die schwachsinnigste ist. Während der Falke fast ausnahmslos alle im Video irgendwann irgendwie zum Mitsingen bringt, türmt sich allein durch das grenzwertige 'Styling' eigentlich eh aller zu sehenden Figuren genug Stoff zum Wegbrechen. Die Asse im Ärmel sind dahingehend offenbar unerschöpflich, allein Falco selbst sorgt im Napoleon-Outfit, mit Fisch-Krawatte und einem unfassbar abgeschleckten Look - Jahre später von Haiders Buberl-Partie auf die Spitze getrieben - für ausreichend Fassungslosigkeit.

Highlight: Man werfe einen Blick auf Falcos jubelnde, tanzende Entourage und wird bald merken, die Billa-Sackerl schauen heute eigentlich noch genauso aus wie damals.


 

3.

 

Hurt

 

Johnny Cash

2003

 

Es dürfte Cash nicht bewusst gewesen sein, was sein letztes Musikvideo eigentlich alles aussagt. Dafür war der 'Man in Black' gesundheitlich wohl bereits zu angeschlagen. Genau das sorgt aber in dieser Collage für eine unbeschreiblich emotionale Performance, die letztlich nicht viel mehr als einen immer noch irgendwie aufrecht stehenden, aber unübersehbar gebrochenen Mann zeigt. Zittrige Stimme, zitternde Hände, ein ins Leere gehender Blick voll von Schuldgefühlen, umringt von all dem, was ihm das Füllhorn ausgegeben hat. Perfekt vielleicht, vielleicht auch nicht, berührend aber ohne jeden Zweifel. Die wirkungsvoll eingestreuten Bilder vergangener Tage kommen da nicht mit, sorgen aber spätestens gegen Ende für die möglicherweise nötige Dramatik, die das anschwellende Finale braucht.

Highlight: Jede Sekunde, in der der vom Leben gezeichnete Cash im Bild ist, ist ein Gewinn, doch selbst da ragt das eindrucksvolle Bild von ihm beim Verschütten des Weins, begleitet von der Zeile "And you can have it all, my empire of dirt", heraus.


 

2.

 

Sugarbread

 

Soap&Skin

2013

 

Der reinste Horror. Nein, wirklich, so in etwa ist Sugarbread. Die flehenden Schreie zu Beginn lassen noch die meisten 'Gruselstreifen' blass wirken, werden abgelöst von purer Epik, die sich irgendwo in imperialer, alles beherrschender Kälte wiederfindet. Dazu ein passendes Video zu gestalten klingt erst einmal leichter, als es ist. Doch wem auch immer die Idee zu verdanken ist, das Konzept könnte kein besseres sein. Es sind auf den ersten Moment wüst zusammengewürfelte Bilder, Ausschnitte aus Schwarz-Weiß-Filmen, für sich genommen banales Filmmaterial aus Wissenschaft und Technik. Doch die düstere Aura des Songs überträgt sich schnell, insbesondere dank des rasanten, penibel auf jeden Ton abgestimmten Schnitts. So wird das Video zu einer surrealen Erfahrung, die für nicht viel anderes als Beklemmungsgefühle sorgen kann.

Highlight: Der überraschend einsetzende Bruch mit dem Intro ist so perfekt inszeniert, es ginge einfach nicht besser.


 

1.

 

Breaking The Habit

 

Linkin Park

2004

 

Der Sieg geht also an einen Underdog. Kein MJ, kein Gabriel, nicht mal a-ha, sondern einfach nur Linkin Park. Wobei die Abqualifizierung als 'einfach nur' Linkin Park in Anbetracht dieses Videos reichlich ungerechtfertigt erscheint. Angeführt von Turntablist und Regisseur Joe Hahn holte man sich damals Hilfe aus Japan, um die elektronische Suizid-Ballade bildgewaltig zu unterstützen. Das Ergebnis ist das seltene Bild eines Musikvideos in Anime-Optik. Der westliche Einschlag ist gar nicht nicht zu merken, nichtsdestoweniger liegt im Gezeichneten vor allem dank des unglaublich starken Schnitts und Zooms eine beeindruckende Tiefe. Stilistisch bewusst karg gehalten, ist von Schönheit im Sinne eines Studio Ghibli keine Rede, dafür sind die häufigen Ultra-Close-Ups so perfekt düster und detailreich, dass es nur unter die Haut gehen kann. Dafür sorgen die ohnehin stark durchinszenierten Geschehnisse in der dystopischen Szenerie aber so oder so, auch wenn es den überlangen Auftritt der Band gegen Ende nur bedingt gebraucht hat.

Highlight: Wozu ein einzelnes auswählen? Aber wenn's schon sein muss, dann müssen die Stichworte 'zerbrochener Spiegel' und 'I'm nothing' reichen.


Schlusswort:

So, ein jähes Ende also jetzt, zumindest listentechnisch. Obwohl aber jetzt eigentlich die Nummer 1 feststehen sollte, der übliche Verweis auf die 'Leider nicht'-Fraktion, die den Einzug gerade so verpasst hat. Und da gibt's immerhin Namen wie Gorillaz (Feel Good Inc.), blink-182 (First Date), White Stripes (Blue Orchid) oder aber Marilyn Manson (The Beautiful People). Trotzdem war's hoffentlich ein unterhaltsamer Schwenk über diese weite, weite, weite Landschaft der filmischen Musikbegleitung, vielleicht war ja sogar ein alter oder neuer Favorit dabei. Wenn nicht, dann schleunigst her damit ein bisschen weiter unten oder einfach die Liste in Stücke reißen. Das geht auch. Bis dahin mit bestem Dank

 

Kristoffer Leitgeb, inkompetente Urlaubsvertretung