MusicManiac Austro-Eck: Soap&Skin

von Kristoffer Leitgeb, am 06.09.2014

Biographie

Es gibt sie ja doch noch, diese Lichtgestalten. Jene, die mit ihrem Werk die Welt erobern, sie verändern, ihr den ganz eigenen Stempel aufdrücken. Anja Franziska Plaschg, mittlerweile besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Soap&Skin, ist keine von denen. Eine Anmaßung wäre es, sie als solche zu bezeichnen. Wenig Licht lässt die Steirerin durchscheinen, egal, ob es um ihre Musik, ihre Pressefotos oder Interviews geht. Und auch das mit dem Rest der Welt scheint ihr ziemlich wurscht zu sein, gilt sie doch als perfektionistische Einzelarbeiterin, nach Eigendefinition sogar als Kontrollfreak. Wie man sie auch beschreibt, es greift zu kurz. Was aber sicher ist: Soap&Skin ist wohl Österreichs wertvollster musikalischer Beitrag der letzten Jahrzehnte.

 

All das begann früh. Mit sieben gab's Klavierunterricht, ein paar Jahre später kam die Violine dazu. Man sieht, Plaschg ist die klassische Musik wohl näher, Beethoven oder Rachmaninow nennt sie schneller als Inspiration als modernere Interpreten. Mit 14 begann die Karriere, unter anderem dank der Entdeckung des Computers als Musikinstrument. Eine schneller Aufstieg sollte folgen, 2006, also mit gerade einmal 16, wurde der erste Song Mr. Gaunt Pt 1000 veröffentlicht, schon damals war die Resonanz beachtlich. Wenig später brach sie die Schule ab, begann ein Kunststudium und widmete sich vollkommen ihrer Musik. Vergleiche mit bekannten Größen wie Nico und Björk einerseits, Aphex Twin andererseits wurden gezogen, Erstere coverte Plaschg auch auf ihrer Debüt-EP mit dem Song Janitor Of Lunacy. Zwischenzeitlich zu viel für sie, die sich in Interviews bekannt wortkarg gibt, lange nachdenkliche Pausen einzuflechten pflegt.

 

Trotzdem wurde weiter an der Karriere geschraubt. In vier Jahren schrieb sie die Songs für ihr Debüt "Lovetunes For Vacuum", das in Österreich auf Platz 5 vorstieß, international Beachtung fand, in Wirklichkeit von jeder Seite nur Lob einheimste. Es ist in gleichem Maße beeindruckend wie bedenklich, dass die gerade 19-Jährige ein solch morbides, in Dunkelheit gehülltes Album produziert. Sie selbst argumentiert mit einer gewissen Faszination und Suche nach dem Vollkommenen, dem Tod. Getragen von ihrem Klavierspiel, zeichnet sich die LP durch die der Klassik nahestehenden Kompositionen und den eingeflochtenen elektronischen Manipulationen aller Art aus. Besonderes Augenmerk legte sie im ganzen Prozess auf ihre Eigenständigkeit. Aufnahmen gab's bei ihr Zuhause, zusammengestellt wurde ebenfalls dort und beinahe alles geschah in Eigenregie. Lediglich unter den Streichern finden sich externe Helfer, die übrige Musik, aber auch die visuelle Gestaltung und ihre Medienpräsenz lagen in der Hand der Steirerin. Auch deswegen lehnte sie Angebote von großen Plattenlabels bisher ab. Während Plaschg in der Folge mit dem Begriff 'Wunderkind' umgehen lernen musste und ihre neue Bekanntheit zu verdauen hatte, blieben die Vergleiche zu Björk und Nico auch nach dem Debüt bestehen.

 

Viel schwerer als das wog allerdings der plötzliche Tod ihres Vaters kurz nach der Veröffentlichung. Die Folge war eine tiefe Depression, ein Klinikaufenthalt und ein Fragezeichen hinter der weiteren künstlerischen Zukunft. Ein Jahr lang war sie unfähig zu schreiben und auch vieles andere fiel ihr schwer. Der kurzfristige Rückzug in die italienische Pampa war die Folge, gleichzeitig auch der Schritt zurück in das Leben als Musikerin. Der Song Vater entstand durch eine, wie sie sagt protokollartige, Aufarbeitung der Geschehnisse und im Schatten dessen war auch die Inspiration für das nächste Album wieder da. Während sie daran arbeitete, warteten auf internationalem Parkett große Namen. Leonard Cohen wollte sie als Voract für Patti Smith, John Cale bat sie mehrmals zum Velvet Underground-Tribute und ebensolches sollte sie auch mitsamt Leuten von Supergrass, Air und Radiohead machen. Gleichzeitig gab sie in 'Stillleben' 2011 ihr Schauspieldebüt.

 

All das mündete im kurzen Follow-Up "Narrow", dessen acht Tracks nur eine knappe halbe Stunde füllen. Trotzdem schaffte es die Steirerin ihren ersten deutschsprachigen Song darin zu verpacken, ihrer Stimme einen neugefundenen Nachdruck und mehr Präzision zu verleihen. Von ihr als persönlicher Befreiungsschlag deklariert, besticht das Album durch einen sortierteren, weniger experimentelleren, insgesamt aufs Wesentliche konzentrierten Sound. Die unterschiedlichen Einflüsse sind trotzdem geblieben, sowohl klassische Musik, ganz ohne Elektronik, als auch das Gegenteil haben ihren Platz. Auch der Erfolg blieb. Zwar gelangte diesmal keine Single in die heimischen Charts, gleichzeitig kletterte das Album dort an die Spitze. Nach ihrer 2013 veröffentlichten EP "Sugarbread" arbeitet sie nun am dritten Album. Wie das aussieht, dazu sagt sie selbst: "I still have no idea what is coming after, but I'm sure everything will be different." Auch da lässt Plaschg also wenig Licht durchscheinen.

 

Wertung: Egal, wie man es dreht und wendet, ganz gleich, wie man zur mysteriösen Person und dem Hang zum Morbiden steht, in der Steirerin steckt bei allem Respekt für Andere so viel Talent, Einfalls- und Ideenreichtum, sowie perfekt gearteter Perfektionismus, wie Österreich wohl in den letzten 60 Jahren nie hervorgebracht hat. Musikalisch grast sie in Wahrheit die letzten 300 Jahre ab, verbindet das klassische mit dem progressiven, Akustik mit Elektronik. All ihre Experimente mit Sound- und Gesangsmanipulationen und die düstere Welt, in die sie führt, mögen befremdlich wirken, sie verfehlen die Wirkung aber nicht.


Hörprobe #1: Boat Turns Towards The Port -

Leadsingle des Albums "Narrow"

Hörprobe #2: Sugarbread -

Single der gleichnamigen EP



Diskographie

Soap&Skin - Lovetune For Vacuum

Lovetune For Vacuum

2009

 

Rating: 10 / 10

Soap&Skin - Narrow

Narrow

2012

 

Rating: 9 / 10