MusicManiac Top 10

MusicManiac Top 10 - R.E.M. Album Ranking

Als sich die vielleicht beste amerikanische Band seit den Achtzigern 2011 in aller Freundschaft auflöste, verfielen Millionen Menschen und unzählige Kritiker in den Zustand tiefer Depression. Auch in mir starb ein Teil meiner Jugend, waren Michael Stipe, Peter Buck, Mike Mills und Bill Berry doch unter den größten Helden in Sachen musikalischer Sozialisierung. Kaum eine andere Band brachte es zu Wege, allen Widrigkeiten der kommerziellen Flaute und dem schließlich hereinprasselnden Weltruhm zum Trotz über fast dreißig Jahre Alben zu veröffentlichen, denen bis zum letzten Stück eine gewisse Grundgüte anhaftete. Darum lieben wir R.E.M. und darum obliegt es mir heute, meine liebsten zehn LPs der Amerikaner vorzustellen. Wohlan, viel Spaß und wie immer die mandatorische Aufforderung an alle, ihre eigenen two cents beizusteuern!

erstellt am: 06.03.2016


 

10.

 

Green

 

1988

R.E.M. - Green

Vom Kollegen in seiner Rezension fast schon verrissen und in Bezug auf einige seiner Tracks mit Adjektiven wie "inhaltslos" oder "dahindümpelnd" belegt, bietet die erste Arbeit am Warner Bros. Label einige der ergreifendsten Minuten der 80er. Klar, seine qualitative Unbeständigkeit will man Green genauso wenig abschreiben, wie seine stilistische Zerfahrenheit. Nicht alle der Ausflüge in Richtung Pop, Country oder sogar Hard-Rock glücken dem Quartett, am Ende konnt man als Hörer mit Stücken wie dem kongenialen World Leader Pretend, den feinen Balladen You Are The Everything und The Wrong Child und sogar mit dem polternden Rocker Orange Crush voll auf seine Kosten.

 

Überragender Track: World Leader Pretend


 

9.

 

Fables Of The Reconstruction

 

1985

R.E.M. - Fables Of The Reconstruction

Die schwierigste LP aus den klassischen Anfangsjahren der Band hat genügend Argumente auf der Habenseite, um sie locker unter die zehn besten Veröffentlichungen stopfen zu können. Das Klangbild gewinnt mit Album #3 an Nuancen, wird phasenweise unheilvoller und lässt Peter Bucks Rickenbacker wieder ordentlich jangeln. Für eine höhere Platzierung reicht es schlussendlich trotzdem nicht, weil den elf Stücken in Verbindung mit seinem etwas muffigen Sound eine leichte Sperrigkeit anhaftet, die sich seltener in Euphorie ummünzen lässt, als auf den anderen Alben der Independent-Ära auf I.R.S. Einige der stärksten Momente, die das Jahr, in dem "Back To The Future" zum Kassenschlager wurde und We Are The World den Menschen die Augen öffnete, zu bieten hatte, sind dem neugierigen Lauscher natürlich gewiss.

 

Überragender Track: Green Grow The Rushes


 

8.

 

Accelerate

 

2008

R.E.M. - Accelerate

Nachdem die späten 90er für R.E.M. mit spannenden neuen Soundexperimenten einigermaßen erfolgreich ins neue Jahrtausend mündeten und man mitte der Dekade erstmals mit mangelnder Kreativität zu kämpfen hatte, konnten sie mit Accelerate ein deutliches Zeichen setzen. Mit viel Elan und fast schon juveniler Leichtfüßigkeit entdecken Stipe, Buck und Mills hier tatsächlich ihren Jungbrunnen, bolzen sich mit den knackigsten Riffs und ungekannter Direktheit ins Rock-Herz. Und weil die Drei trotz Aufbruchsstimmung die ursprünglichen Entfacher ihrer Karriere nie vergessen und mit starken Melodien und treffsicheren Hooks auch Fans der ersten Stunde nicht allzu sehr entfremden, ist die vorletzte LP auch der letzte Streich einer bemerkenswerten Karriere.

 

Überragender Track: Hollow Man


 

7.

 

Out Of Time


1991

R.E.M. - Out Of Time

Das Album, das der Band überraschenden Weltruhm brachte und mit Losing My Religion den wohl größten und bekanntesten Hit bescherte, polarisiert wie keines im Œuvre der Truppe aus Athens, Georgia. "Ausverkauf!" schrien und schreien die einen, "Logischer Entwicklungsschritt" die anderen. Im Endeffekt haben beide bedingt recht, auch mir war der erste Millionenseller jedenfalls nie so recht geheuer. Und da ich auch das zentrale Stück der LP nicht gerade zu meinen Favoriten zähl(t)e, musste ich mir Out Of Time auf anderen Pfaden erschließen, bis auch die sperrigen Nummern neben den einnehmenden Pop-Gems und Country-Rock-Anleihen ihre unbestreitbare Schönheit offenbarten und das Album in meinen Ohren trotz Ungereimtheiten letztlich zu einem ertragreichen Ritt machen.

 

Überragender Track: Half A World Away


 

6.

 

New Adventures In Hi-Fi


1996

R.E.M. - New Adventures In Hi-Fi

Die letzte der großartigen R.E.M.-LPs und auch das Abschiedsalbum für Drummer Berry. Während der auf den 65 Minuten, die New Adventures In Hi-Fi zum längsten Album im Repertoire machen, ein letztes Mal seine unglaubliche Bedeutsamkeit für das Gefüge der Band demonstriert, kehren er und seine Kollegen hier nach einem fragwürdigen Grunge-Intermezzo zu alter Form zurück. Die Arrangements mit interessanten Instrumententscheidungen sitzen genauso wie die Songs, die sich gewohnt kryptisch geben und in ihrem Facettenreichtum zwischen psychedelischem Instrumental, New-Wave-behauchten Rockern und klassischem Ohrwurmmaterial das volle Programm bieten.

 

Überragender Track: E-Bow The Letter


 

5.

 

Document


1987

R.E.M. - Document

Nach Jahren als Geheimtipp und College Radio-Legenden war es endlich soweit: Die fünfte LP samt erstem Hit The One I Love machte die Band endlich berühmt und brachte ihr schließlich auch den Deal bei Warner Bros. ein. Als großer Fanfavorit kommt Document dem einen oder anderen hier vielleicht zu früh, kleine Unstimmigkeiten lassen das Album im Kampf um die Spitzenplätze im Endeffekt doch das Nachsehen haben. Das tut allerdings wenig zur Sache, denn seine Brillanz will ich dem Stück, das die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Scott Litt einläutete, nicht absprechen. Nicht über die volle Spielzeit, aber mit einer Reihe an unsterblichen Evergreens wie Exhuming McCarthy, Disturbance At The Heron House oder Oddfellows Local 151 bleibt Document eine der mächtigen Perlen in der Repertoire-Auster.

 

Überragender Track: Exhuming McCarthy


 

4.

 

Reckoning


1984

R.E.M. - Reckoning

Kein ganzes Jahr nach Veröffentlichung des kongenialen Debüts stand auch schon der zweite Longplayer in den Regalen. Die Texte wurden etwas düsterer, der matte Klang ein wenig aufgefrischt und Reckoning ward geboren. Mills am Bass und Buck an seiner für die frühen Jahre charakteristischen Rickenbacker harmonieren bestens, während Michael Stipe dem Fundament für seinen Ruf als kauzigen Murmler weiteren Nährboden offeriert. Ausrutscher sucht man an dieser Stelle des Rankings zwar ohnehin bereits vergeblich, dafür findet man bei genauerem Betrachten zwischen den im Vergleich zum Erstling produktionstechnisch ausgefeilteren Tracks auch zumindest zwei der allerfeinsten in der Band, nämlich Harborcoat und So. Central Rain (I'm Sorry).

 

Überragender Track: Harborcoat


 

3.

 

Lifes Rich Pageant


1986

R.E.M. - Lifes Rich Pageant

Vielleicht die größte Überraschung der Liste. Das Album, das die Vielseitigkeit des Quartetts in ihren I.R.S.-Jahren wie kein anderes in den Fokus rückt, im Vergleich mit den beiden obrigen aber öfters auf verlorenem Posten steht. Dabei ist Lifes Rich Pageant so unglaublich faszinierend. Da ist dynamischer Rock; da ist jangelnder Pop; da ist ein feiner Akustik-Gem und sind soviele geniale Hooks, dass ich es kaum erwarten kann, der LP endlich einen Review zu widmen. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, Michael Stipe ein bisschen verstehen zu können, zum ersten Mal konnte ich mich an einem Latin- oder Greek- oder Sonstwoher-beinflussten Fast-Instrumental erfreuen und zum ersten Mal konnte ich einem Track mit Titel I Believe etwas abgewinnen. Ich bin den Kritikern nicht böse, dass sie teilweise erst im Zuge des Reissues zum 25er endlich die Klasse der vierten LP erkannten, so ganz werde ich mir Spott und Häme aber nicht nehmen lassen.

 

Überragender Track: I Believe


 

2.

 

Murmur


1983

R.E.M. - Murmur

Ein Herzschlagfinale, mit einem verdammt knappen Verlierer. Die silberne Medaille im Kampf um die liebste LP geht also an das sagenumwobene Debüt. Auf dieser gelingt es den furchtlosen Vieren, mit überwältigenden Kompositionen sogar den bescheidenen soundtechnischen Möglichkeiten samt minimaler New Wave-Einflüsse vergessen zu machen. Unter den zwölf Tracks, die Murmur zum Meisterwerk machen, sind höchstens eineinhalb, die nicht das allergrößte Niveau halten. Ansonsten ist die Band für ein Erstwerk fast schon unheimlich versiert, geizt nicht mit zauberhaften Melodien und spielt hier schon alle Trümpfe aus, wegen denen wir das Quartett so sehr ins Herz geschlossen haben. Ein Sieg für Jangle-Pop und College-Radio und eine der wertvollsten Lebensversicherung eines ganzen Jahrzehnts.

 

Überragender Track: Sitting Still


 

1.

R.E.M. - Automatic For The People

Hauchzart voran und das vollkommen verdient. Als eines der zwei ersten Alben neben Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band der Beatles in den eigenen Reihen, war die Entscheidung um die Krone der R.E.M.'schen Schöpfung letztlich wieder einmal eine einfache. Eine Herzensangelegenheit, die mir von einer Band auf dem Höhepunkt ihres Schaffens aber nicht schwer gemacht wird. Eine Handvoll unsterblicher Singles, ein Sänger am Gipfel seiner gesanglichen Fähigkeiten und ein Quartett, dass dem Olymp endlich gewachsen schien und seither zurecht das Ansehen als eine der größten Bands aller Zeiten genießt. Ob am göttlich wehmütigen Nightswimming, am unheilvollen Sweetness Follows oder doch am gehaltvollen Pop-Gem Man On The Moon... Automatic For The People kokettiert mit allen verfügbaren Facetten und zieht letzten Endes alle Register, um den Hörer "zwischen infiniter Harmonie und melancholischer Pop-Perfektion" zu verzaubern - und das mit augenscheinlichem Erfolg auf ganzer Linie!

 

Überragender Track: Nightswimming


Schlusswort:

Wie schon einst bei den Fab Four, folgt auch hier das Liebesbekenntnis an die größte (wenn auch nur knapp vor den Smiths) Band der 80er. Quasi zum Fan erzogen, geht mein Dank nicht nur an die vier Protagonisten, sondern auch an meinen Vater, der mir den Weg mit Automatic For The People und nicht mit den Schlümpfen oder Bravo Hits oder dem Crazy Frog (sorry, Kris!) ebnete. Bis heute ist nichts von meiner Liebe zur Band aus Athens, Georgia verloren gegangen, wiewohl ich ihren Einfluss mittlerweile besser deuten und in einer akkurateren Relation erkennen kann. Wie auch immer, zu guter Letzt als Pendant zum obligatorischen Leider-Nein-Gewäsch noch eine Lanze für die außen vor gebliebenen Alben Up, Reveal und Collapse Into Now, die ich im Gegensatz zu den restlichen beiden LPs Monster und Around The Sun hier doch etwas vermisse. Nun ja, c'est la vie sagt der Franzose. Und bis die Tage und danke für's Mitlesen sage ich! Tüdelü!

 

Mathias Haden, The One You Love