R.E.M. - Up

 

Up

 

R.E.M.

Veröffentlichungsdatum: 27.10.1998

 

Rating: 5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 22.03.2019


Harmoniesüchtige Melancholie in ungeahnt langweiliger Form.

 

Es liegt zwar doch in der Natur der Sache, dass man überrascht und/oder enttäuscht ist, wenn eine ehemals überwältigend starke Band urplötzlich eklatante Schwächen offenbart und nicht mehr begeistert. Gleichzeitig liegt es aber in der Natur der Sache, dass jeder, der irgendetwas längere Zeit macht, das auch irgendwann einmal ziemlich verhauen wird. Auch und vor allem in der Musik. Daran ist wenig spannend, viel eher wartet man meistens darauf, dass es passiert. Was dagegen interessant und mitunter kurios sein kann, ist die Art dieses Verhauens. Das nämlich dann, wenn das ausgerechnet in dem Metier passiert, wo noch kurze Zeit vorher Großtaten vollbracht wurden. Auch das ist wiederum nichts, was erwähnenswert wäre, sofern es sich um die Ramones oder AC/DC handelt, weil die einfach in jeder Lebensphase und damit auf jeder qualitativen Stufe so ziemlich gleich musiziert haben. Anders verhält es sich mit R.E.M., die beginnend mit den späten 80ern innerhalb eines Jahrzehnts so manches Genre und musikalische Paradies erschlossen haben. Nur um mit "Up" in personeller Bedrängnis dort weiterzumachen, wo sie in ihren besten Jahren für legendäre Momente gesorgt haben.

 

Nun ist es ein Leichtes anhand des Ratings festzustellen, dass das nicht gelungen ist. Die Tage von "Automatic For The People" waren längst vorbei und selbst wenn die neuen Abenteuer des Vorgängers mitunter sehr stark geklungen haben, war die Ausgangsposition für die elfte LP der Band keine sonderlich gute. Bill Berry war weg und auch wenn es einem nicht schwer fällt, ihn im traditionellen Viergespann um Michael Stipe als die wohl noch am ehesten ersetzbare Figur herauszudestillieren, war ein Puzzlestück dieser herausragenden Band verloren gegangen. Damit musste man zum allerersten Mal in beinahe 20 Jahren als Trio agieren und aufnehmen. Und weil das gar so außergewöhnlich war, hat man mitunter sogar auf Session Drummer verzichtet und stattdessen einfach die Drum Machine eingesetzt. Das ist insofern ein gutes Stichwort, als dass es ein bisschen die Unbeholfenheit der Band in dieser Situation symbolisiert, einfach weil R.E.M. und Drum Machine zwei Dinge sind, von denen man vorher wohl nicht erwartet hätte, dass sie wirklich jemals zusammenfinden würden.

Genauso wie es undenkbar war, dass einmal kryptisch getextete, behände arrangierte Melancholiestücke in gemächlicher Gangart einen Achsbruch für die Band bedeuten könnten. Immerhin war das seit langem ein sicheres Rezept für unvergessliche Songs. Doch hier gelingt das Kunststück, was einem mit Opener Airportman so unfassbar eindringlich mitgeteilt wird, dass man beinahe in Schockstarre zurückbleibt. Diese lethargische Mischung aus kratzigen Gitarrenriffs, Fahrstuhlmusik ähnelnden Keyboardeinsätzen und trägem, synthetischem Beat ist dermaßen unatmosphärisch und leblos, dass kaum der Gedanke entsteht, sie wäre menschlichen Ursprungs.

 

Ist sie aber und sie gibt ein bisschen den Ton an für das, was folgt. Denn ultimativ folgt wenig. Das zwar definitiv nicht in so bedrückend miserabler Form, stattdessen durchaus liebevoll intoniert, teilweise mit ordentlichen Melodien gesegnet, allerdings früher oder später als leichtgewichtig und kaum erinnerungswürdig erkennbar. Songs wie The Apologist oder Sad Professor, Suspicion und Daysleeper, sie alle existieren eigentlich nur, tun aber wenig, um einem sonderlich aufzufallen. Helle, aber doch irgendwie drückende Riffs bestimmen das Bild, Percussion und Keys werden akzentarm sondergleichen runtergespielt und selbst die angesammelte Harmonie von knapp zwei Dekaden miteinander kann nicht verhindern, dass all das Dynamik und Emotion vermissen lässt. Viel davon klingt nach "Around The Sun", das Jahre später den Nadir dessen definieren sollte, was R.E.M. als Album auf die Menschen loslassen können. Tatsächlich ist es so, dass "Up" im Vergleich noch ideenärmer klingt, ständig den Eindruck erweckt, man würde zweit- bis drittklassige Neuauflagen dessen serviert bekommen, was die Band in den 90ern an großartigen Songs veröffentlicht hat. Auf der anderen Seite wirkt nicht nur Michael Stipe ungleich leidenschaftlicher, das ganze Zusammenspiel trägt noch mehr Leben in sich, als das ein paar Jahre später der Fall sein sollte.

 

Entsprechend verwundert es weniger, dass man nicht nur dadurch gerettet wird, dass einfach der Großteil der Songs mittelmäßig, aber nicht wirklich mies klingt, sondern auch durch einige Lichtblicke, die ein bisschen Dynamik und Vitalität in die ganze Sache bringen. Lotus, ihres Zeichens einzige Single mit erkennbarem Hitpotenzial, überzeugt beispielsweise nicht nur dank Stipes schräg intonierten und umso verquereren Textbausteinen, sondern auch dank Peter Buck, der die starken Keyboard-Parts im Refrain besteuert, darüber hinaus aber auch für die lockere, mal funkig, mal bluesig klingende Gitarrenarbeit verantwortlich zeichnet. Obwohl man also dem schön instrumentierten, in romantischer Harmonie aufgehenden At My Most Beautiful und dem finalen, beinahe pastoral hymnisch wirkenden Falls To Climb durchaus zugestehen kann, dass beide zu den positivsten Eindrücken des Albums zählen, sind es eher noch die schnelleren Minuten, die sich einprägen. Hope mag dahingehend insofern herausstechen, als dass es die Drum Machine zur Abwechslung nicht in der lähmendsten möglichen Weise einsetzt, sondern stattdessen einen treibenden Beat anbietet, um den sich schrille, aber nicht aufdringliche Elektronikklänge versammeln. Das lässt wohl niemanden schwach werden, bedeutet aber einen grundsoliden Song. Nun gibt es einen Track, der auch aus dieser kleinen Auslese ertragreicher Minuten noch positiv heraussticht. Walk Unafraid schafft das dank der wohl einzigen wirklich formidablen Vorstellung der Rhythm Section inklusive Bass, genauso sehr dank der umgebenden, lebendigen Instrumentierung, die zwar großteils auf Klavier, Gitarre und dezenten Keyboard-Einsätze baut, daraus aber ein abgerundetes, vollwertiges Arrangement kreiert, in dem sich die unterschiedlichen klanglichen Eindrücke zur Abwechslung ideal ablösen. Das macht auch für Stipe die Sache erheblich einfacher, der sich zwar gesanglich nicht verausgaben muss, gerade deswegen aber wieder wie in den besten Tagen klingt.

 

Das ist ein Halbsatz, den man auf "Up" sonst nie anwenden kann. Und das ist schon verdammt selten, wenn am Ende ein gutes Album herausschauen soll. Man kann zu all dem eigentlich nicht viel sagen, als dass es ziemlich langweilig ist, was da an Nicht-Spektakel passiert. Erfreulicherweise gelingt es der dezimierten Band gerade noch so, genug an lohnenden Songs einzubauen, dass man sich zum Ende damit anfreunden kann, dass eine schwierige Situation ein ziemlich schwieriges Album hervorgebracht hat. Dieser Umstand hätte natürlich auch dadurch abgefedert werden können, dass man einfach darauf verzichtet, wieder einmal die Stundenmarke hinter sich zu lassen. Selbst dann wäre allerdings von alter Stärke noch keine Rede, dafür fehlt es beinahe der gesamten Tracklist zu sehr an Energie, an emotionalem Gewicht und atmosphärischer Kraft. "Up" ist schlicht und ergreifend blass, so simpel ist die Sache.

 

Anspiel-Tipps:

- Lotus

- Walk Unafraid

- Falls To Climb