R.E.M. - Monster

 

Monster

 

R.E.M.

Veröffentlichungsdatum: 26.09.1994

 

Rating: 4.5 / 10

von Mathias Haden, 21.11.2014


Vier Rockgötter zelebrieren den Grunge mit fragwürdigem Ergebnis.

 

Na bitte! Auch die Heiligen haben also ihre Fehler. Es war übrigens nicht ich, der Amerikas konstanteste Band der 80er heiliggesprochen hat, auch nicht der Papst. Zurück geht diese Preisung auf den kleinen Flanellhemdträger Kurt Cobain, der aus seiner Bewunderung für R.E.M. nie einen Hehl machte: "God, they're the greatest. They've dealt with their success like saints, and they keep delivering great music". Diese Wertschätzungsbekundung ist heute gut dokumentiert, erschien im Rolling Stone in der Januarausgabe 1994. Leider sollte die Magie der gepriesenen Band für kurze Zeit genauso verpuffen wie Cobains Lebensgeister im April desselben Jahres.

 

Das bringt uns ein paar Monate weiter, genaugenommen in den September. Mit Monster erscheint das neunte Album, eines, das nach dem fulminanten Automatic For The People wie ein sicherer Anwärter für jede Top 10 Bestenliste aussieht… letztlich aber auf sämtlichen Ebenen enttäuscht. Das hat primär einen Grund und der ist schnell ausgemacht. Ursprünglich hatte angesprochener Cobain nämlich den Wunsch geäußert, sein nächstes Album mit Nirvana in R.E.M.-Sphären zu lenken. Eine Schrotflinte beendete diesen Gedanken, stattdessen geht es auf Monster in die andere Richtung. Den jüngst Verstorbenen immerzu in Gedanken, wird hier auf fünfzig Minuten etwas geboten, das man als mäßige Verschmelzung von Green und Nevermind identifizieren könnte oder einfach als lausigen Versuch, Grunge in ihren charakteristischen Alt-R.E.M.-Rock einfließen zu lassen.

Dabei fängt alles so vielversprechend an, mit der knallharten Lead-Single What's The Frequency, Kenneth? geht das Quartett von 0 auf 100, liefert einen straighten Rocker der Extraklasse, dazu noch einen ihrer stärksten Gitarrentracks.

 

Apropos Gitarre: Die ist es nämlich, die auf den zwölf Tracks dominiert, sowohl Sänger Stipe als auch Drummer Berry in den Hintergrund drängt. So hört man über die gesamte Spielzeit verzerrte Gitarren, viel Rückkopplung und wenig Platz für die Melancholie des Vorgängers. Was mit dem merkwürdigen, aber letztlich doch interessanten Crush With Eyeliner noch einigermaßen glimpflich davonkommt, ist spätestens danach vorbei. Was folgt ist viel Krach, wenig Inspiration und immerhin die Erkenntnis, dass Cobain schon ein ganz gutes Händchen für diese Art der Musik hatte. Traurigerweise ist es gerade die direkte Hommage an ihn - das bedächtige Let Me In -, die in ihrer Aspiration, einen gelungen Tribut darzustellen, kläglich scheitert und sich hinter superharten Gitarrenwänden und merkwürdigen Orgelklängen versteckt. Das hätten die Jungs doch besser hinbekommen, gute Absichten hin oder her.

Überhaupt lässt sich die zweite Seite der LP mehr oder weniger in die Tonne treten. Neben der misslungenen Hommage und der bekannten Single Bang And Blame, die zwar nichtssagend ist, musikalisch aber bis zu einem gewissen Grad überzeugen kann, sind es wiederum dieselben Symptome, die den Patienten letztlich bis zum Ende langsam und qualvoll sterben lassen. Dafür hat die LP mit You, einer angenehm düsteren Nummer mit starken Gitarren ein halbwegs versöhnliches Ende, zu diesem Zeitpunkt ist man aber von Malen-nach-Zahlen-Rocknummern wie Circus Envy und I Took Your Name ebenso bedient, wie von einer lauwarmen Ballade in Form von Tongue.

 

Ich habe es ja bereits anklingen lassen, ich bin von der zweiten LP-Seite nicht besonders angetan. Immerhin lassen sich auf der ersten einige positive Stand-Outs ausmachen, die Monster nicht zu einer bodenlosen Katastrophe verkommen lassen. Dazu gehört neben dem eingangs gepriesenen Opener auch noch das schöne Strange Currencies, die einzige Reminiszenz an vergangene Glanztaten. Es ist zwar immer ein gutes Zeichen, einen R.E.M.-Song nicht wirklich deuten zu können, diese Ballade führt diese These allerdings ad absurdum, lässt sich als berührendes Liebeslied identifizieren und punktet als einzige hier mit hübscher Melodie. Fast wäre ihr diese sogar zum Verhängnis geworden, die Ähnlichkeit zum Hit Everybody Hurts ließ das Schicksal des Tracks vorerst am seidenen Faden hängen, bevor man sich entschied, ihn doch zu verwenden.

 

Die letzten beiden ordentlichen Tracks heißen I Don't Sleep, I Dream und Star 69. Während erstgenannten der vermutlich beste Text auf der LP auszeichnet ("Said leave me to lay, but touch me deep / I don't sleep, I dream / I'll settle for a cup of coffee, but you know what I really need"), ist es beim zweiten wiederum sein kraftvoll beschwingtes Auftreten, das auch schon Kenneth so wertvoll macht. Dafür gibt es auf Seite 1 mit dem elendigen King Of Comedy noch einen authentischen Versuch, endlich mal so einen richtig beschissenen Track mit verzerrten Vocals und fehlender Message aufzunehmen. Danke dafür!

 

Viele meinen ja, Monster wäre genau das Album, das R.E.M. nach vielen Jahren großer Kunst machen mussten. Simple Songs und viel Power. Gut möglich, danach sollte es ja auch wieder bergauf gehen. Dennoch bleibt mir nur viel Frust und tiefes Mitgefühl für all jene Kritiker, die diese LP seinerzeit zum nächsten Meisterwerk der Band erkoren hatten, und das waren immerhin nicht wenige. Andererseits ist es aber auch einfach nur gut zu sehen, dass auch die konstanteste Band mal richtig Mist bauen kann, mit einem ihrer zwei schwächsten Alben. Vielleicht war das neunte Album ja genau das, das sie machen mussten. Für mich ist es jedenfalls genau jenes, welches ich mir nach wie vor nur sehr ungern zu Gemüte führe.