R.E.M. - Green

 

Green

 

R.E.M.

Veröffentlichungsdatum: 07.11.1988

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 12.09.2013


Der Missing Link zwischen den 80er-Rockern und den 90er-Pop-R.E.M., allerdings in der Band-eigenen Diskographie sicher nicht die Krone der Schöpfung.

 

Man kennt das ja. Diese Alben, die einem nicht so ganz geheuer sind, bei denen nicht klar ist, ob man sie jetzt großartig oder doch schwach finden soll. Wo sich die gute und die 'böse' Seite die Stirn bieten und keiner so Recht gewinnen will. Genau das ist "Green", mit einem ständigen Hin und Her zwischen Euphorie und 'irgendwie-kann-ich's-nicht-mögen'-Gedanken.

 

Und das obwohl auf den ersten Blick Vieles für die LP spricht. Denn was man hier hört, ist für Stipe & Co sozusagen der Missing Link zwischen dem Alt Rock der 80er und dem weit ruhigeren Pop der frühen 90er. Und so präsentiert einem ihr sechstes Album so ziemlich alles, was irgendjemand je an ihnen gemocht hat. Da findet sich eine überraschend harte, politisch motivierte Rock-Nummer (Orange Crush), die ganz ruhige Ballade The Wrong Child im "Automatic For The People"-Stil und die immer mit Hassliebe verbundenen Pseudo-Pop-Songs, wie hier Stand oder Pop Song '89. Also doch alles da.

 

Das Problem ist nur, nichts von all dem weckt Jubelstürme. Die Mid-Tempo-Pop-Tracks zum Beispiel gehen ganz gut ins Ohr, sind aber, beabsichtigt oder nicht, inhaltslos bis zur Schwachsinnigkeit. Während man bei den oberen beiden noch wild heruminterpretieren könnte, bleibt einem bei Get Up wirklich nicht mehr viel übrig, als einen schwachen Langschläfer-Song darin zu sehen. Bei den Balladen ist zwar wie bei The World Leader Pretend dank Zeilen wie: "I sit at my table and wage war on myself / It seems like it's all, it's all for nothing […] This is my mistake. Let me make it good / I raised the wall and I will be the one to knock it down" textlich wenig zu bemängeln, musikalisch geht einem aber trotz den ersten Schritten in Richtung Country und Klassik doch etwas ab. Den besten Moment liefert in der trotz allem starken ersten Hälfte so sicher You Are The Everything ab, das mit der omnipräsenten Mandoline ein bisschen wie ein Prototyp zu Losing My Religion wirkt (allerdings mit zusätzlichem Akkordeon-Sound) und es noch bei jedem, der sich den Text zu Gemüte führt, schafft ein paar nette Kindheitserinnerungen zu wecken.

 

Aber die erste Hälfte bringt trotz aller Kritik mit den simplen, eingängigen Pop-Riffs, den musikalischen Ausflügen mitsamt Akkordeon und den ersten Mandoline-Songs und den durchaus guten Texten in den Balladen insgesamt doch sehr starke Minuten. Es ist viel eher die zweite Hälfte, die da stört. Denn dort paaren sich härtere Rock-Songs mit merkwürdigen Mid-Tempo-Tracks und der beinahe obligatorischen faden Ballade. Einziger klarer Lichtblick ist dort Orange Crush, härtester Song des Albums, in dem vor allem Mike Mills am Bass tolle Arbeit liefert. Ganz abgesehen von Stipes starkem politischen Kommentar, der fast an Welcome To The Occupation und Exhuming McCarthy heranreicht. Der Rest fällt allerdings doch ab. Hairshirt bietet die angesprochene dahindümpelnde Ballade, Turn You Inside-Out ist die schwache Variante eines R.E.M.-Rocksongs und mit I Remember California schlägt auch der Versuch fehl, ein zweites Oddfellows Local 151 zu basteln.

 

Insofern ist "Green" nur umso mehr ein Beweis, dass Stipe, Mills, Buck und Berry ein überbewertetes und trotzdem verdammt starkes Quartett sind. Denn dass hier nicht allzu viel perfekt gelaufen ist, das wissen die Jungs sicher auch selber, und dennoch erwarten einen keinesfalls grässliche Minuten. Ganz im Gegenteil, vor allem zu Beginn überzeugt "Green" auf einigen Ebenen, wenn auch nie voll. Eines ihrer schwächsten Alben ist es vielleicht trotzdem.