R.E.M. - Automatic For The People

 

Automatic For The People

 

R.E.M.

Veröffentlichungsdatum: 05.10.1992

 

Rating: 9 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 08.04.2015


Zwischen infiniter Harmonie und melancholischer Pop-Perfektion.

 

Und diesmal in unserer Serie 'Musik damals und heute': Der Pop-Rock. Da stellen sich natürlich große Fragen. Wer ist dieser Pop-Rock? Woher kommt er, wohin geht er? Was will er von uns? Nun, er kommt wie eh fast alles von den Beatles und ein paar anderen aus der wundersamen Ursuppe des Rock und er geht eigentlich immer dorthin, wo es so gar nicht weh tut. Dazu ist er da, soll ja keiner überfordert werden, wenn plötzlich Gitarren im Radio zu hören sind. Wenden wir uns nun dem 'damals' zu, so landen wir, wenn wir auf die richtigen Jahre schauen, bei R.E.M. Die waren mal gut darin, Radiostationen in Geiselhaft zu nehmen, sie über Jahre nicht mehr loszulassen und ihre Hits von Contemporary Music langsam in den sicheren Hafen der Klassiker-Sender segeln zu lassen. Wenn "Automatic For The People" aber etwas beweist, dann dass sie auch in ganz anderen Dingen sehr gut waren.

 

Man könnte nämlich fast glauben, 1992 finalisierte man von Athens aus endgültig eine über Jahre geführte Feldstudie. Denn die vorher veröffentlichten Alben frönten alle dem Motto, auszutesten, wie poetisch und anspruchsvoll man Musik gestalten darf, um trotzdem noch die Chartspitze im Auge behalten zu können. Und da bedeutet die erfolgreichste LP der Band nicht nur jene, die warmen Semmeln beim Verkauf Konkurrenz gemacht hat, sondern auch die, die dem Drang nach kunstvollen Tönen vielleicht gar am meisten nachgegeben hat - "Green"- und "Out Of Time"-Fans mögen es verzeihen. Schon im Opener Drive zeigt man sich da spendabel. Klar, übliche Zutaten mit dem dezenten Riff, den zurückhaltenden Drums und sporadisch eingeflochtenen Streichern. Aber Stipe & Co. wären dann doch nicht sie selbst, würde aus so einer dem Prinzip nach faden Mischung nicht irgendwie etwas dezent Transzendierendes und leicht Mystisches werden. Vielleicht nur wegen dem Intro for the ages. Vielleicht wegen Stipes Widerwillen einem einfach mal klar zu sagen, was er einem denn gerade sagt. Oder weil selten eine Band Popsongs in solch einer beeindruckenden musikalischen Ausgewogenheit zusammengezimmert hat, wie es hier der Fall ist.

 

Netterweise macht man so weiter. Was ein ziemlich gedrücktes, in Melancholie badendes Album hervorbringt, das aber, einem gewaltigen Strom gleich, sicher und majestätisch vor sich hin pflügt, bis es am Ziel angelangt ist. Da aber der Weg das Ziel ist, sind die Zwischenetappen das Interessante. Die zeigen oft ein ähnliches, sehr lohnendes Gesicht. Zwar mögen bei Try Not To Breathe Bill Berrys Drum-Performance und die gedrückten Akkorde von Mike Mills die beherrschenden Teile sein, bei Sweetness Follows dafür eher das dezente Streicherarrangement von John Paul Jones und die Melodica, doch ihren schleichenden, morbid klingenden Charakter behalten fast alle Nummern. Zu verdanken ist das auch dem Mann, der in Wahrheit dominiert ohne zu dominieren: Michael Stipe. Kein Sekündchen zu sehr im Vordergrund, kein Overstatement. Dafür perfekter Einklang mit der Musik und doch altbekannt prägende Darbietungen, die gerade deswegen funktionieren, weil ihm nicht zu viel Raum gewährt wird. Er ist Mitspieler, kein Primgeiger. Und genau das macht's oft aus.

 

Auch in den wenigen sonnigen Momenten im sonst wolkenverhangenen Kanon des Albums. The Sidewinder Sleeps Tonite mausert sich mit seinen lockeren Riffs und der Melodica im Hintergrund genauso zum erfolgreichen Pop-Trip wie die in Sarkasmus getränkte, country-angehauchte Huldigung für Andy Kaufman, Man On The Moon. Man weiß ja im Nachhinein nicht so ganz, ob es nötige Ausritte aus der sonst oft so stark gestalteten Ruhe sind. Für sich betrachtet, beweist die Band aber hier ein Gefühl für sinnentleerte Up-Tempo-Songs, wie sie es noch nie vorher geschafft hat.

 

Wobei die Freude darüber dezent gedämpft wird, wenn der andere große Ausreißer, der politische Pseudo-Hard-Rocker Ignoreland zur eher blassen Zurschaustellung dessen wird, was schon auf "Green" immer wieder mal nicht geklappt hat. R.E.M. und träge Härte, das wird nicht mehr zur Traumehe, nur weil es mal mit Orange Crush einen Treffer gab. Was einen zur Annahme bringen könnte, dass in der Ruhe doch sicher immer die Kraft liegen muss. Auch da erhebt man aber von Bandseite dank des einschläfernden Harmoniegedudels von Star Me Kitten einmal erfolgreich Einspruch. Es bleiben aber einsame Umfaller, die selbst vom, in üblicher Manier unspektakulär ausgefärbten, Instrumental nur bedingt begleitet werden. Klar, keiner braucht’s, aber mit seiner hypnotischen Aura passt es sich immerhin auch fließend in den großen, großen Rest ein.

 

Der wird wunderbarst erweitert durch die kryptischen Mandolinentöne von Monty Got A Raw Deal, dessen Sound am ehesten an den countryesken Vorgänger heranreicht. Und auch durch Stipes großartige Vorstellung in seiner Teen-Pop-Anbiederung Everybody Hurts, die den lyrischen Spieß umdreht und textlich so einfach gestrickt ist, dass sie kaum vom Meister der gesungenen Orakelsprüche selbst stammen kann. Wobei, dann wieder doch. Denn die Klaviergroßtat von Nightswimming quillt auch nicht gerade vor Interpretationsmöglichkeiten über. Dafür ist sie immerhin die ideale Hymne für alle, die der glorreichen Vergangenheit wehmütig hinterherblicken, auch wenn sie nur aus gelegentlicher Hingabe zum Freikörperkult besteht.

 

Wie gesagt, man muss ihn nicht immer verstehen, den Michael. Was uns zu dem beeindruckenden Fazit bringt, dass ein Album, das großteils ohne klar abgrenzbare Botschaften auskommt, gleichzeitig eines voller Emotion sein kann. Erklärt sich leicht, denn nicht einmal die Emotion ist leicht abgrenzbar. Trauer, Depression, Melancholie, Wehmut oder dann vielleicht doch wieder einfach nur stille Freude. Womöglich ist gar das das Erfolgsrezept hinter einem Pop-Meisterwerk wie diesem, dass es gleich für jeden die richtige Stimmung bereithält, wenn er sie denn nur heraushören will. Ein paar Prozent gehören aber doch auch den Leuten hinter der Stimmung, die ein Maß der perfekten musikalischen Ausgewogenheit erreichen, dass es schon wieder faszinierend ist. Da machen einzelne Störenfriede auch gleich weniger. Nach über 20 Jahren heißt es da ja eigentlich immer noch: 'Every 30 seconds a R.E.M. song gets played somewhere.' Man hört, warum.