R.E.M. - Document

 

Document

 

R.E.M.

Veröffentlichungsdatum: 01.09.1987

 

Rating: 8 / 10

von Mathias Haden & Kristoffer Leitgeb, 28.06.2014


Der kommerzielle Durchbruch - zwischen Mainstream und Mysterium.

 

Alle Jahre wieder kamen Michael Stipe, Mike Mills, Peter Buck und Billy Berry around, um uns ein neues Meisterwerk um die Ohren zu hauen und ihre typisch hochintellektuellen, fast schon kryptischen Texte zum besten zu geben. So munkelt man seit jeher jedenfalls.

Denn was einem schon beim Opener Finest Worksong entgegendröhnt, ist weniger Illumination, denn kraftvolle Routineübung. "The time to rise has been engaged / You're better best to rearrange" verkündet Stipe und die Band zieht mit energetischer Dynamik und kraftvollem Riff nach.

Wer Erleuchtung in dem bekannten It's The End Of The World (As We Know It) sucht, ist ebenfalls am falschen Dampfer. So versiert sich der Frontmann mit Affenzahn und zweiter Lunge durch die chaotische Buchstabensuppe schlürft, so wenig bleibt schließlich von der vermeintlichen Message über. Etwa 'sorgsamer mit Mutter Erde umgehen'? Bisschen Pathos? Oder dann doch eine orakelhafte Prophezeiung? Beats me...

 

Lässt man die obligatorische Nachgeborenen-Suche nach Enigma und Mythos aber (endlich) beiseite, tut das Album viel dafür, sich unter die feinsten Werke der Band zu reihen oder schlicht gesagt: Einfach Spaß zu machen. Und meist tut es genau das, wenn es überhaupt nicht darauf ausgelegt ist. Auf Document, dem kommerziellen Durchbruch der Amis, nähert sich die Band nämlich nicht nur dem Mainstream immer mehr an, sie lässt auch die eine oder andere kritische Bemerkung in Richtung Politik fallen. Beste Beispiele hierfür Exhuming McCarthy und Disturbance At The Heron House. Während ersteres mit cleverem Ronald Reagan-kritischen Text, viel Sarkasmus und mitreißendem Rhythmus überzeugt, ist es bei letzterem fröhlicher Jangle-Pop mit konträr dazu verlaufenden missbilligenden Lyrics das Erfolgsrezept. Aber auch das unheilvolle Welcome To The Occupation und das experimentelle, mit Dulcimer und treibenden Drums augmentierte King Of Birds fallen sowohl unter die Kategorie der Kritik und auch unter jene des Prädikats 'umwerfend'.

 

Weniger gut läuft es, wenn die Band zu sehr bemüht ist, ihren eigenen Sound zu erweitern. Was beim indisch angehauchten 'King' überraschend funktioniert, kommt beim wenig substanziellen Fireplace mit Saxophoneinlage schon etwas ins Wanken. Und dass das Quartett besser bei seinen eigenen Songs bleiben sollte, legt der offensichtlich schwächste Cut Strange in beeindruckender Marnier dar. Herrlich monoton und aussagelos, aber zumindest kurz.

So fließt die fünfte LP in ebensovielen Jahren beschwingt und bemüht originell dahin, liefert mit Lead-Single und erstem Hit The One I Love die eindeutigsten und bekömmlichsten Minuten seit der Gründung und mündet schließlich in ein düsteres fünfminütiges Ungetüm namens Oddfellows Local 151, auf dem sich Bassist Mills richtig austoben darf und über das mein Kollege hoffentlich noch ein paar Wörtchen verlieren wird.

 

R.E.M. sind beinahe im Mainstream angekommen. Mit Document liefern die vier ihr bislang rockigstes und innovativstes Album ab, werden in ihren Aussagen noch einen Schritt direkter und bleiben dennoch beeindruckend geheimnisvoll.

 

M-Rating: 9 / 10

 


Dem Ruf nicht gerecht zu werden, ist in diesem Fall beileibe kein Beinbruch.

 

Ich mag sie. Wer auch nicht? Unter all den unausstehlichen, aufgeblasenen Egozentrikern, die sich im weiten Feld des Rock breit machen, glaubt man schon gar nicht mehr, dass es irgendwo so nette Jungs geben könnte, die dann auch noch großartige Musik machen. Wo wir schon bei der Musik sind, die passt hier. "Document" darf als eines der wichtigsten Alt Rock-Alben in der Auslage stehen. Wobei, da war doch was...

 

Naja, den Legendenstatus werde ich der LP sicher nicht absprechen, aber vielleicht doch den der Perfektion. Das betrifft mit Sicherheit keine Glanzmomente wie Welcome To The Occupation oder Exhuming McCarthy. Da kommt bestens platzierte Gesellschaftskritik noch immer locker und humorvoll rüber, wird beinahe schon unwichtig, wenn man sich die starken Leistungen von Peter Buck und Mike Mills vor Augen führt. Die bekommen hier sowieso ein Extralob. Denn, so ehrlich muss man sein, R.E.M. liebt man nicht unbedingt für die Texte, man versteht sie ja ohnehin nur die Hälfte der Zeit. Auch nicht für die ordentlichen, aber irgendwie unspektakulären Drums. Nein, da braucht's geniale Riffs und Basslines - und wenn man so gut ist, wie die, dann noch die Stimme und Ideen von Michael Stipe. All das gibt's hier zuhauf. Und auch so ziemlich auf allen Ebenen. Denn die treibende Livenummer Welcome To The Occupation geht genauso auf wie der Schwachsinns-Pop von Ohrwurm It's The End Of The World oder aber der geradlinige Rock von Lightnin' Hopkins. Was später auf "Automatic For The People" bis zum Exzess verfeinert wurde, die genialen melancholisch-beklemmenden Songs der Band, finden sich diesmal in Form von The One I Love und noch viel mehr Oddfellows Local 151. Es sagt wenig Gutes über mich aus, aber dafür viel mehr über den Song, dass ich bis heute keine Ahnung habe, worum's geht, und trotzdem dank dem hypnotischen Bass und den perfekt getimten Einsätzen von Bucks Gitarre vom Closer fasziniert bin.

 

Viel weniger fasziniert bin ich von den unweigerlichen Ausrutschern ins Mittelmaß. Da hätten wir die merkwürdigen Pseudo-Hard Rock-Tracks Finest Worksong und das sinnfreie Strange, dazu die träge Performance mitsamt lahmem Saxophon-Gastspiel von Fireplace und als Tiefpunkt - da muss ich dann doch vehement mein Veto einlegen - die beinah schon einschläfernde Unnötigkeit King Of Birds, die, Experiment hin, Experiment her, nach einer Minute alle Karten ausgespielt hat und danach null Interesse weckt. Der Grund für diese, in Anbetracht der Qualität des Rests sehr schmerzhaften, Ausrutscher ist schnell gefunden. Zu schnell tauscht die Band die Dynamik, die sie in Exhuming McCarthy oder It's The End Of The World, aber auch dem alles andere als sprunghaften The One I Love auszeichnet, ein gegen träge Riffs und müde Drums, die niemandem in dieser Band helfen.

 

Ich find' eben doch immer etwas. Und so muss ich zumindest etwas nach unten korrigieren. Nichtsdestotrotz, "Document" macht sich mit seiner starken Rockperformance, dem lockeren Sound und der ziemlich perfekten Produktion äußerst gut als kurzweiliger Zeitvertreib. Nur manchmal darf man wohl nicht zu genau hinhören, um die ein oder andere Fehlentscheidung in den beginnenden Experimenten der Band zu entdecken; dann muss man nämlich auch das ein oder andere Wort des Lobes wieder zurücknehmen.

 

K-Rating: 7.5 / 10