R.E.M. - Out Of Time

 

Out Of Time

 

R.E.M.

Veröffentlichungsdatum: 12.03.1991

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 21.04.2018


Fehlerhafter Prototyp und Höhepunkt kreativer Selbstfindung mit Hang zum erdigen Amerikanismus.

 

Es gab Zeiten, da hätte einer wie ich fast vermutet, die visuelle Aufbereitung eines Albums - also das, was man gemeinhin als Cover Art bezeichnet - würde in irgendeiner Form den Inhalt widerspiegeln, ihm vielleicht sogar qualitativ auf einer Ebene begegnen. Bands wie R.E.M. zerstören diese Illusion, indem sie aus ihren Covers eine von Feinheiten befreite und reichlich unkreativ wirkende Hemdsärmeligkeit sprechen lassen, die so überhaupt nicht der Form des musikalischen Outputs entspricht. Dieser Umstand erreicht seinen Höhepunkt relativ sicher mit "Out Of Time", das ironischerweise, allerdings nicht unbegründet, gleichzeitig der kommerzielle Gipfel der Bandgeschichte ist. Nichts, aber auch wirklich gar nichts ließe einen beim Blick auf das knallgelbe Banner und die auf auf imposante Art unpassende, nicht einmal ordentlich eingepasste Standardschrift daran denken, was alles in der siebenten LP der US-Amerikaner steckt. Dass sich auch da ein Höhepunkt im Bandleben finden lässt, ist ein schlichter Zufall, sorgt aber auch für eine ungewollte qualitative Annäherung der Musik an den mauen Anblick.

 

Doch first things first, an den Chartspitzen und auf der Tracklist thront ein Track, dessen melodische, instrumentale und lyrische Perfektion jeden anderen Song der Band in den Schatten stellt. Er heißt Losing My Religion, was irgendwie langweilig ist, aber leicht begründet werden kann. In einer an starken Hooks reichen Diskographie sticht Peter Bucks unwiderstehlicher Auftritt an der Mandoline unweigerlich heraus, überzeugt genauso sehr als melodischer Antrieb wie auch als atmosphärisches Stilmittel, auf dessen Fundament sich ein gleichermaßen unbeeindruckter wie ausdrucksstarker Auftritt von Michael Stipe ausbreitet. Da schadet es auch nicht, dass mit dem Welthit ein Hauch textlicher Direktheit Einzug findet, den die Band in den 80ern um jeden Preis vermieden hat. Das Gesamtkunstwerk ist aber erst abgerundet, bezieht man die unaufdringliche Rhythm Section und den unterschwellig dramatischen Streichersatz ins Urteil mit ein. Beide unersetzlich, beide auch Beweis für die vollendete Wandelbarkeit von R.E.M., deren Mid-Tempo-Unaufdringlichkeit und beinahe vorläuiger Abschied von der E-Gitarre Melancholie und Nuancierung Tür und Tor öffnet.

 

Beides findet oft genug statt, im Lichte der Erwartungshaltung mitunter auch auf merkwürdige Art. Der monoton dahin trabende Double Bass von Low kreiert zusammen mit der schwelenden Orgel, den tiefen Streichern und Stipes lebloser Performance eine gespenstische Aura, Half A World Away macht dagegen mit dem gemeinsamen Einsatz von Orgel und Cembalo einen klassischen Eindruck, vereint effektive Ruhe mit cineastischer Romantik. Dass die Band abseits von Low selten wirklich ruhig bleiben will, schadet nicht, führt man sich vor Augen, dass das lethargische, in mehrstimmigem Jaulen und wirkungslosem Sprechgesang ertrinkende Belong und das stark eingespielte, aber offensichtlich klanglich fehlgeleitete Country Feedback wenig mit der gefühlsbetonten Ruhe anfangen können. Es gibt auch nichts, das einem Michael Stipe umgeben von Pedal Steel und mäßig dröhnendem Feedback wirklich nahelegen würde.

Darin liegt allerdings auch die nicht zu leugnende Schwäche der LP begründet. Zwar kommt in puncto Fehleranfälligkeit nichts an die fast bipolare Hin- und Hergerissenheit von "Green" heran, die musikalische Abenteuerlust kommt allerdings diesmal noch deutlicher zum Vorschein. Die Band betritt zwischen Opener Radio Song und dem abschließenden Me In Honey mitunter so komplett unvereinbares Neuland, dass eine harmonische Tracklist a priori unmöglich scheint. Was eint die schwachbrüstige Hip-Hop-Annäherung im zähen Pop-Rock von Radio Song, die kunstvolle Melodramatik von Half A World Away und das minimalistisch-düstere Low? Erraten, nichts außer den Protagonisten.

 

So etwas kann helfen, wird es aber nicht bei einer Band, deren große Stärke die stetig intensivierte, albumumspannende Atmosphäre ist. Was gerade einmal ein Jahr später "Automatic For The People" zum großen Triumph machen sollte, nämlich die trotz vereinzelter Ausritte emotionale Geschlossenheit, fehlt auf diesem Experimentierfeld komplett. Natürlich beraubt das dieses Quartett nicht aller Qualitäten, selbst das von Bandseite verschmähte Leichtgewicht Shiny Happy People, an sich unerträgliches Feel-Good-Gedudel, findet in der genialen Melodie und der offensiven Dämlichkeit des Songs wertvolle Komponenten. Zusammen mit dem ähnlich gepolten Me In Honey bietet das nicht nur die Gelegenheit, durch den Gastauftritt von Sängerin Kate Pierson die Freundschaft zu den B-52's auf CD zu bannen, es sorgt auch für einen unpassend gelagerten, aber kurzweiligen Mittelbau, auf dem die LP fußt. Dass mit Near Wild Heaven und Texarkana die Riege lockerer Tracks mit teilweiser Nähe zum Country dann überhaupt gleich auf ein unerwartetes hohes Maß anwächst, wird zum großen Glück, allein weil die emotionalen Minuten ein qualitatives Auf und Ab darstellen, die vom grundsoliden Musizieren, das in den seichteren Momenten stattfindet, abgefedert werden.

 

Das reicht trotzdem nicht wirklich für einen sonderlich großen Auftritt. Besser gesagt, reicht es für genau einen solchen, der rund um sich Tracks gestellt bekommt, deren Bandbreite nicht musikalisch streut, sondern deren Wert für Album, Diskographie und Musikwelt ähnlich extrem schwankt. "Out Of Time" findet dementsprechend keine wirkliche Mitte, keinen roten Faden und keine konstante Güte. Welche unglaubliche Stärke in R.E.M. steckt, bekommt man schon noch vorgeführt, allerdings mehr im Sinne der souveränen Manier, in der sich die Band ihren Abwanderungswünschen aus dem bekannten Terrain widmet, als durch Großartigkeit in Songform. Die zeigt sich einem zu selten, um an vergangene und zukünftige Beiträge zur Legendenbildung anschließen zu können, so glorreich der Religionsverlust auch ist.