R.E.M. - Around The Sun

 

Around The Sun

 

R.E.M.

Veröffentlichungsdatum: 05.10.2004

 

Rating: 3.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 25.07.2016


So zähes Material, dass Michael Stipe selbst am Einschlafen ist.

 

Manch Album macht einfach nicht genug Eindruck, um sich eine originelle Review-Eröffnung zu verdienen. "Around The Sun" könnte so eines sein. Immerhin wird der LP auch eine zweifelhafte Ehre zuteil, die bei fast jedem großen Interpreten für irgendein Machwerk überbleibt. Für die Beach Boys ist es "Summer In Paradise", für Bowie "Never Let Me Down", für Velvet Underground "Squeeze", für Black Sabbath "Forgotten". Es geht also um die wunderbaren Arbeiten, die einer beachtlich großen Mehrheit nach den Nadir des jeweiligen Schaffens bedeutet haben. 2004 war es eben auch für das aufs Trio reduzierte Gespann aus Athens soweit, nachdem in den zehn Jahren davor eigentlich schon der ein oder andere den Tiefpunkt gewittert haben wollte. Vielleicht hat das damit zu tun, dass es bei denen nie darum ging, ob und wie schlecht sie klingen, sondern nur wie uninteressant das Gehörte ist. Und wenn "Around The Sun" zweifellos einen Titel für sich reklamieren kann, dann den als die uninteressanteste Stunde einer anno dazumal vor Kreativität übersprudelnden Band.

 

Das 13. Album wirkt dagegen leer, auf ziemlich vielen Ebenen. Nicht was die Instrumentierung anbelangt, so viel ist sicher. Mit der über die Jahre aufgebauten Liebe für Keyboard und Synthesizer ist das relativ unmöglich, stattdessen erstickt so mancher Song in der Tatsache, dass eine stille Sekunde absolut verboten zu sein scheint. Die allzu zaghaften Synthie-Wände, die sich hier und da ausbreiten, wollen nicht abreißen, die von jedem Janglen befreiten Riffs breiten sich manchmal unschön lang aus. Und doch ist alles wunderbar zahm, wunderbar zurückhaltend, wunderbar fad. Wo andere ein Klanggewitter losbrechen lassen, entscheiden sich R.E.M. bei Songs wie Boy In The Well oder High Speed Train dafür, eher einen schwerfälligen, nicht mehr taufrischen Klangteppich auszubreiten. "Around The Sun" ist selten in Bewegung. Eher wirken viele der 13 Tracks wie eine altersmüde Version von "Automatic For The People". Genauso balladenaffin und - man glaubt es in mancher Performance von Michael Stipe zu erahnen - ähnlich melancholisch und ernst, aber ohne die leicht exzentrische musikalische Finesse, ohne emotionales Innenleben, ohne irgendeine Aussage oder Atmosphäre, die man im Kopf behalten wollen würde.

 

Um einen zu berühren oder zum Nachdenken über die klassische Stipe'sche Kryptik einzuladen, erweckt die LP zu oft den Eindruck klinischer Berechenbarkeit und unterkühlter musikalischer Umsetzung. Make It All Okay ist mit seiner stolpernden Drei-Akkord-Klavier-Hook und Peter Bucks leblos-verzerrten Riffs ein Paradebeispiel für bestenfalls melodramatische Langeweile. Von Gefühl und Substanz kaum eine Spur. In ähnlichen Sphären landet I Wanted To Be Wrong, einer der schwammigsten und undefiniertesten gesellschaftlichen Kommentare seit es selbige gibt. Unter anderem deswegen, weil in den Akustik-Zupfern, der bis zur Totenstarre runtergeschraubten Percussion und dem merkwürdigen Gesumme von Stipe nichts zu finden ist, was irgendeine Emotion auch nur skizzieren könnte. Und das ist immer noch die Band, die Welcome To The Occupation oder Orange Crush geschaffen hat. Die konnten das also mal.

 

Gut, Stipe selbst ist kein Fan von politischen Songs, also muss man vielleicht woanders nach den Stärken suchen. Ich weiß ja nicht, wo er sie versteckt hat, aber in den unpolitischen Momenten dürfte es eher nicht sein. Wobei ihm zumindest zugestanden werden muss, dass er zu Beginn der ist, der stimmlich dafür sorgt, dass wenigstens noch die Refrains ordentliche Hooks hergeben. Die sind nämlich irgendwann überhaupt komplett weg, ohne dass einer eine Vermisstenanzeige aufgegeben hätte. Opener Leaving New York hat noch halbwegs eine, was ihn trotz der Tatsache, dass eine wehmütig-balladesque Ode an den Big Apple ziemlich fragwürdig ist, zu einem der lichten Momente der LP werden lässt. Die G'schicht lebt noch halbwegs, wirkt mit einiger Hingabe musikalisch ausstaffiert. Wie eigentlich auch Electron Blue, wiederum mit Hook-Stimmchen Stipe als Refrain-Retter in der Not. Dessen ewig leise dahindröhnende Synthie-Wand im Hintergrund kann zwar ganz wenig und nervt einen schon vor der Minuten-Marke, dafür ist die Percussion, gemischt aus elektronischen und analogen Sounds, auf einem Albumhoch. Und der in textlich merkwürdige Traumwelten entschwindende Sänger wirkt mit seiner immer unterschwellig lethargischen Darbietung wenigstens hier am richtigen Platz.

Sowas gelingt sonst nur, wenn er nicht gelangweilt anmutet. Und das wiederum ist ihm gerade in den politischen Momenten gegeben. The Outsiders schafft es dank des Pakets aus Hip-Hop-Beat, schrillen Gitarren-Klängen und gesanglicher Ruhe in Maßen atmosphärisch daherzukommen, auch dank eines äußerst unaufdringlichen und gut eingepassten Rap-Parts von Q-Tip. Zum Rettungsanker einer ansonsten selbst in den besten Minuten bescheidenen LP gereicht aber erst Final Straw. Im folkig angehauchten Kommentar gegen den Irak-Krieg ist plötzlich so etwas wie schwelende Wut, man hört eine Botschaft, deren emotionales Gewicht sich deutlichst vom Rest abhebt und die auch endlich wieder bleibenden Eindruck hinterlässt. Außerdem ertrinkt in den starken Synth-Sounds mit dezentem Didgeridoo-Einschlag nichts, vielmehr wirkt die akustische Gitarre wie ein Segen in der umgebenden Gleichförmigkeit.

 

Die will vielleicht nicht immer gleich klingen, tut es vor allem in der zweiten Hälfte des Album aber trotzdem. Ein paar BPM mehr oder weniger machen nicht den großen Unterschied, auch nicht der kurzzeitig beklemmende, irgendwann nervige eisig-sterile Synth-Beat von High Speed Train oder die biederen Töne der Hammond-Orgel in The Ascent Of Man. Der größte Schritt raus aus diesem eingefahrenen Trott scheint noch Wanderlust zu sein, dessen Mission offensichtlich ist sicherzustellen, wie idiotisch ein Song eigentlich klingen darf, um einem gerade noch nicht zu blöd zu sein. Für nichts anderes können diese stumpfsinnige Klaviermelodie, der banale Beat - fürs Stampfen zu schwach, für alles andere zu eintönig - gedacht sein. Es geht sich irgendwie aus, aber glücklich ist damit keiner.

 

Was überhaupt das Fazit der ganzen Dreiviertelstunde sein könnte. "Around The Sun" mutiert jetzt nicht zum musikalischen Pendant zur Titanic, für fast lockeren Pop-Rock der Marke Aftermath, der sich ganz ordentlich anhört, ist schon Platz. Aber ziemlich wenig und selbst dann, wer verirrt sich wegen sporadischem ganz ordentlichem Pop-Rock zu der LP? Nicht alles ist mies, sicher nicht, es hätte allerdings auch einfach nur Final Straw veröffentlicht werden können und aus. Vor allem nach einem Dutzend Alben wäre wegen der dadurch verloren gegangenen Songs niemandem eine Träne ausgekommen. "Around The Sun" ist schlicht die Erfolgsformel der frühen 90er so durchprobiert, so zur Routine geworden und so jeglicher Bedeutung beraubt, dass sie eigentlich kaum noch etwas anderes als langweilig ist. R.E.M. beweisen damit genau zwei Dinge: Dass sie nicht zu denen gehören, die mehr als dreimal das gleiche machen und damit unbeschadet davonkommen, und dass die Zeilen "I'm a cactus trying to be a canoe" und "A motorscootered goat legged pan / Figure eighting in quicksand"  keine Poesie sind, sondern purer Schwachsinn.

 

Anspiel-Tipps:

- The Outsiders

- Final Straw