The Cranberries - Everybody Else Is Doing It, So Why Can't We?

 

Everybody Else Is Doing It,
So Why Can't We?

 

The Cranberries

Veröffentlichungsdatum: 01.03.1993

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 13.03.2019


Die sanfte Seite des Rock in Smiths'schen Farben und mit stimmlichem Erfolgsgarant.

 

Willkommen zurück in den 90ern, einem Jahrzehnt voller Flanellhemden, Hip-Hop, Eurodance, öfter als erhofft auch Rock, vor allem aber Frisurentrends, die die 80er gleich um einiges erträglicher wirken lassen. Nun gäbe es genügend Bands, die stellvertretend für dieses Jahrzehnt stehen dürften, seien es Nirvana, Oasis, die Red Hot Chili Peppers, Radiohead, Rage Against The Machine, Metallica oder die Backstreet Boys. Und das sind auch nur ganz wenige von denen, die da hinpassen würden, ganz abgesehen davon, dass Solomusiker gleich einmal komplett ignoriert wurden. Allerdings gibt es Bands, die vielleicht noch archetypischer für das Jahrzehnt sind, weil sie tatsächlich nur in diesem funktionieren und außerhalb keinen interessieren. Gut, die Backstreet Boys könnten da definitiv ein Wörtchen mitreden, aber auch abseits solcher Trends, die jeder vergessen will, gibt es genug Beispiele. Alanis Morissette wäre eines, aber weil die auch verdammt viele lieber in der Versenkung verschwinden sehen wollen, sind womöglich die Cranberries eines der besten greifbaren Beispiele. Mit der Jahrtausendwende in die Untiefen der Charts abgedriftet, schätzt man die Iren und insbesondere die kürzlich verstorbene Dolores O'Riordan bis heute, was mit so einem Debüt durchaus seine guten Gründe zu haben scheint.

 

Denn mit O'Riordans verführerisch geschmeidiger Stimme an vorderster Front und einer musikalischen Ausrichtung, die musikalisch eher den College Rock der 80er channelt, einen aber trotzdem atmosphärisch oft genug einlullt wie sonst nur die verträumtesten unter den Dream Pop Künstlern. Diese zwar definitiv nicht gigantische, aber doch markante Brücke schlägt das Quartett meistens mit einer Finesse, die Erinnerungen an die Smiths oder R.E.M. wach werden lässt. Wobei vor allem der Vergleich mit ersteren nicht von ungefähr kommt, denn produziert hat die Cranberries in ihren relevantesten Tagen ein gewisser Stephen Street, der Jahre vorher für Morrissey, Marr & Co. zuerst das Engineering und zum Ende hin auch die Produktion übernehmen durfte. Insofern versteht es dieser Mann, ein harmonisches, melodisches, deswegen aber nicht an der Hürde einer unaufgeregten Aura scheiterndes Ganzes zu formen, das die LP in ihren besten Minuten anzubieten hat.

Durchbruchssingle Linger ist dafür prinzipiell schon Beweis genug, auch wenn es bei genauerem Hinsehen nur ein erstes Paradebeispiel für O'Riordans großartigen, samtweichen und trotzdem ureigenen Gesang ist. Der Rest schrammt insbesondere dank der beigemengten Streicher am Kitsch vorbei, auch wenn man abseits davon ein rundum geschmeidiges Arrangement bekommt. Doch man ist besser beraten, auf Dreams und damit die andere, fast untergegangene Single zu schauen. Die wendet sich nämlich ein Stück eher dem Rock zu, findet eine dementsprechend starke Hook auch dank des höheren Tempos und zeigt erste Spuren davon, dass man trotz relativ großem Fokus auf die Rhythm Section und da die Drums an den Gitarren sehr offen mit dem Jangle Pop kokettiert. Am deutlichsten und wohlklingendsten wird das im Falle des großartigen Sunday, das nicht nur mit starkem, hellem Riff aufwartet, sondern hier auch die Streicher pointierter einsetzt und sie zwischenzeitlich im Paarlauf mit dem Bass ins Rampenlicht rückt.

 

Bis zu diesem Punkt ist vieles friedlich und verträumt, trotzdem tänzelt die LP textlich auf romantischer Ebene zwischen der unbeschwerten Verliebtheit und sehnsüchtigem Schmerz und Spuren von verletzter Abrechnung. Geht sich alles aus auf zwölf Songs und es ist mehr als lohnend, dass die Band sich auch den weniger himmlischen Seiten der Liebe zuwendet, ansonsten wäre die Monothematik schnell einmal zäh. Wie wichtig das ist, beweist zuvorderst How, das einen dezenten Vorgeschmack auf den härteren und aggressiveren Klang gibt, der die Band mit Zombie an die Chartspitzen bringen sollte. Von Grunge ist dennoch spätestens mit O'Riordans flehentlichem Singen im Refrain und dem Jangeln der Gitarren im Hintergrund wenig zu spüren, was nichts daran ändert, dass die schwelende Härte, die dank der wuchtigen Drums, dem galoppierenden Bass und dem kernigeren Sound der Sechssaiter spürbar wird, stärker klingt als so ziemlich alles andere, was das Album zu bieten hat. Pretty schlägt mit Erfolg in eine ähnliche Kerbe, auch wenn sich trotz zusätzlicher Percussion die Instrumentierung spärlicher präsentiert. Es sind die beiden Momente, die sowohl auf stimmlicher als auch musikalischer Ebene eine unterschwellige Wut vermitteln, die der Band gut tut.

 

Solche Minuten sind auch unglaublich wichtige für das Album, denn die Herrlichkeit des Sounds übersteht zumindest hier kein Dutzend Tracks. Es sind vor allem die langsamsten Songs, denen ihr Tempo schadet und die dementsprechend an der Aufgabe scheitern, das dahinplätschernde musikalische Setting in etwas zu verwandeln, das einen relevanten Eindruck hinterlässt. Diesem Schicksal erliegt vor allem I Will Always, dessen rhythmische Unbeweglichkeit sich nicht in einer Art präsentiert, dass man daraus irgendein emotionales Gewicht ableiten könnte. Stattdessen ist es Fadesse, garniert mit einem spartanisch eingestreuten Klavier und einer Sängerin, deren prägnantes Flehen genauso wie im mühsamen Waltzing Back in ein ungutes Jaulen abdriftet. Dabei ist das kein prinzipielles Problem, immerhin beweisen sowohl das längliche Outro von Dreams als auch das finale Put Me Down, dass ausgedehnte Passagen textfreien, dafür aber umso ambitionierteren Gesangs nichts schlechtes sein müssen.

Trotzdem könnte man auf die Idee kommen der Frontfrau den Vorwurf zu machen, dass es sie es mit ihrer stimmlichen Exzentrik, also hauptsächlich dem Jodeln, phasenweise übertreibt. Zwar kommt sie trotz Heimat in den 90ern netterweise nie darauf, plötzlich zu rappen, doch manch ausschweifenden Gesangspart hätte sie sich sparen können. Das merkt man auch daran, dass kürzere und stimmlich verhältnismäßig unscheinbarere Momente wie Wanted - the jangle is strong with this one - oder Still Can't... mit den stärksten Eindruck machen. Das hat nicht unwesentlich damit zu tun, dass Dolores O'Riordan grundsätzlich eine starke Sängerin mit beneidenswert einprägsamer Stimme ist, die dafür nicht extra noch eines draufsetzen muss, sondern an und für sich genug überzeugt.

 

Das ist allerdings so eine Art der Kritik, die ja ein gehöriges Lob mitbringt. Und weil auf "Everybody Else Is Doing It, So Why Can't We?" oft genug die richtige Balance aus dieser notwendigen Zurückhaltung und einer ähnlich notwendigen emotionalen Dynamik findet, um das Album am Leben zu erhalten, ohne es zu übertreiben. Weil das gelingt, ist das Debüt der Cranberries eines der Sorte, die sich lohnen. Das bedeutet noch nicht wirklich, dass man da von einem Klassiker sprechen muss. Dafür hakt es zu oft und es fehlt wohl der Zombie-Moment, der dem Album statt eines unwillkommenen Aussetzers das gewisse Etwas verleihen könnte. Aber die Iren hatten ihre Qualitäten und ihre Nische, in der es sich bei Zeiten verdammt gut angehört hat.

 

Anspiel-Tipps:

- Sunday

- Wanted

- How