Skillet - Unleashed

 

Unleashed

 

Skillet

Veröffentlichungsdatum: 05.08.2016

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 15.02.2020


Einfallsloser denn je, aber laut und kraftvoll genug für die nötige Schadensbegrenzung.

 

Man könnte ja annehmen, dass eine Band, die innerhalb von nicht einmal zwei Jahrzehnten Albumtitel wie "Invincible", "Awake", "Rise", "Victorious" oder auch "Unleashed" anzubieten hat, auch wirklich etwas sagen möchte. Vielleicht ist das aber zu viel verlangt in Anbetracht dessen, dass all diese Begriffe eines eint, nämlich ihre beeindruckende Eigenschaft bedeutungsschwangerer Inhaltslosigkeit. Das ist etwas, das Skillet seit Anbeginn mitzunehmen scheinen auf ihrem etwas merkwürdig anmutenden Trip durch diese Zwischenwelt, die zwar vermeintlich dem zutiefst christlichen Milieu entstammt, aber dann doch allzu selten wirklich danach klingt. Die US-Amerikaner sind schon dahingehend Meister der vagen, schemenhaften Ambivalenz und das in beinahe all ihren Songs so sehr, dass man nie so ganz weiß, was jetzt los sein soll. Man weiß allerdings, dass etwas los sein soll, weil es entsprechend markig und gepeinigt klingt. Diese latent ungute Mischung bringt einen an einen Scheidepunkt: Entweder wirft man der Band die Produktion repetitiven, generischen Lärms vor und ist konstant an der Schwelle zum Fremdschämen oder aber man zelebriert ein Auftreten, bei dem es nicht ganz so wichtig ist, wofür oder wogegen man nun schreit und kämpft, solange es nur laut und leidenschaftlich gemacht wird. "Unleashed" ist Album #9 und Skillet treiben einen unaufhaltsam wieder auf diese Weggabelung zu.

 

Das allerdings mit einem bahnbrechenden, paradigmatischen Wandel, zumindest in den Sphären der formelhaften Ausrechenbarkeit, in denen diese Band agiert. Zu dem stampfend-harten Rock mit einem Bein im Metal, den man von ihnen die längste Zeit kennt, gesellt sich nämlich eine gehörige Portion Elektronik, eine prägnante Nebenrolle für Keyboard, Synths und so manch computergenerierte Drums. Was dabei herauskommt, ist eine härtere Version dessen, was Fall Out Boy auf ihrer letzten LP aufgeführt haben. Und auch wenn härter nicht immer gleichbedeutend mit besser ist, ist es das hier eben schon, weil die damit verbundene, ohrenbetäubende Lautstärke auch dazu führt, dass die latenten musikalischen Schwächen des Albums etwas im Hintergrund verschwinden. Das heißt nicht, dass es irgendwie zu vergessen wäre, wie plump Feel Invincible oder Back From The Dead aufgebaut sind, was einem aber schon da klar wird, ist die Tatsache, dass eine dröhnende Kombination aus unnatürlich manipulierten Riffs, knüppelharten Beats und die Lungen strapazierendem Gesang eine Art plakativer Epik heraufbeschwört, die einen gar nicht so sehr nervt. Irrsinnigerweise könnte man sogar zum gegenteiligen Urteil, dass das zwar musikalische Billigstware ist, die aber der Band gut genug steht, dass der Funke es trotzdem schafft, überzuspringen.

 

Naturgemäß gelingt das nicht immer im gleichen Maße und ist insbesondere daran geknüpft, wie hoch die Toleranzschwelle für kitschige musikalische Gimmicks und ebensolche, zwischen Liebesbekundungen, selbstbewussten Kampf- und Durchhalteparolen liegende Texte ist. Nachdem die bei mir zugegebenermaßen erfahrungsgemäß relativ hoch liegt, überleben Songs wie Undefeated, Burn It Down und sogar das irritierend am Dance-Rock andockende Famous durchaus ordentlich, auch wenn man nicht daran zu denken bräuchte, dass sich mehr ausgeht. Möglicherweise hängt das auch damit zusammen, dass gerade ein elektronisch geprägter Song wie Famous oder auch das brachiale Saviors Of The World, dessen Text man eher überhören sollte, ein bisschen der Dynamik erkennen lässt, die Skillet auf ihren Alben wie einen Bissen Brot brauchen kann, um nicht an ihrem unverbesserlichen Faible für übersteigerte Stadionhymnen zu zerbrechen. Insofern ist man am ehesten glücklich, wenn mit Out Of Hell ein paar Minuten warten, in denen wirklich angedrückt und das Tempo hochgehalten wird, sodass man sogar den gewöhnungsbedürftigen Paarlauf von John Cooper und den schrillen Synths im Post-Chorus mühelos abschüttelt.

Letztlich kommt man trotzdem nicht an der Erkenntnis vorbei, dass man es mit einer Band zu tun hat, die sich als Hybrid aus Linkin Park und Nickelback geriert und alle damit verbundenen Schwächen und vereinzelten Stärken mitbringt. Netterweise ist man oft genug näher dran an ersteren - wenn auch Linkin Park zu Zeiten von "Minutes To Midnight" oder "Living Things" -, weswegen man nur moderat irritiert ist von dem, was man so hört.

 

Das gilt weniger für diese beiden Schritte in den Abgrund des Schmalzes, Lions und Watching For Comets, die als wirklich peinlicher Synth Pop jegliche Musikalität vermissen lassen und noch dazu in ihrem schleppenden Schunkelmodus den Gipfel der hohlen, unbequemen Gefühlshascherei darstellen. Während Lions im Lärm untergeht und es trotzdem schafft, nach einer von Plattitüden erschlagenen "High School Musical"-Ballade mit ein bisschen E-Gitarren und Drums zu klingen, quält einen Watching For Comets mit einer jeglicher Natürlichkeit beraubten Kombination aus Keys, Streichern und deplatzierten Synthesizern. Was beide eint, ist die Tatsache, dass da zwei Leute Quasi-Duette zum Besten geben und sich dabei allzu offensichtlich nicht im geringsten darum scheren, dass ihre gesanglichen Fähigkeiten kaum existent und daher in diesem hyperpolierten Kitsch-Kostüm auch schmerzhaft schlecht aufgehoben sind. Deswegen muss man feststellen, dass eine Stimme kaum dünner klingen kann, als es die von Jen Ledger in diesen beiden Songs schafft, während Cooper seine Tonlosigkeit eindrucksvoll unter Beweis stellt. Und weil das so offensichtlich ist, fehlt einem umso eher auch nur die geringste Erklärung, warum eine Power-Ballade wie Stars dann plötzlich funktioniert und sogar zum besten Song des Albums gerät - auch wenn man auf der Rerelease-Version feststellen darf, dass die akustische Version ungleich mehr Emotion und Kraft mitbringt. So oder so bringen es eigentlich latent deplatzierte, dissonante Synths, dem Reverb geopferte Drums und ein paar glatte Gitarrenzupfer zu etwas stimmungsvollem, das womöglich gerade deswegen gelingt, weil die gesungenen Zeilen zur Abwechslung etwas mehr als Recycling bedeuten und den Track zur reichlich vagen Gottesanbetung oder einfach nur zum unerwartet ausdrucksstarken Liebeslied machen.

 

Das ist - natürlich - ein singuläres Ereignis, dass man hier etwas erlebt, das genuin atmosphärisch und trotz aller billiger Stilmittel ausdrucksstark wirkt. Interessanterweise bedeutet das aber nicht, dass "Unleashed" abseits davon nicht doch irgendwie mitreißend ist. Vom Opener weg ist man mittendrin in einem getrimmten und jeglicher Spontanität beraubten Lautstärkensturm, der ziemlich viel an Nachdruck und Kraft mitbringt. Nicht zuletzt liegt das daran, dass John Cooper über die Jahre gelernt hat, wie er sich möglichst effektiv die Seele aus dem Leib singen kann, auch wenn sein monoton kraftvolles Organ nicht genug ist, um den Sound von seiner Austauschbarkeit zu befreien. Weil sich Skillet aber netterweise überwiegend von Balladen fernhalten und gar nicht versuchen, mehr als die Stadiontauglichkeit und die Lizenz zur unbändigen Energieverschwendung anzubieten, wird man am Ende wohl kaum zu enttäuscht sein und sich vielleicht sogar damit anfreunden, dass das hier verdammt weit weg von künstlerischem Spezialprogramm ist und stattdessen stilistisch die gefahrloseste Durchschnittlichkeit darstellt. Dass das doch für so viel reicht, ist ein bisschen schwierig zu begründen, außer vielleicht damit, dass die nötige Portion Leidenschaft doch auch etwas ausmacht. Zumindest dann, wenn einem nicht die Abzweigung mit dem Fremdschämen als einzig möglicher Ausweg aus diesem versuchten Spektakel erscheint.

 

Anspiel-Tipps:

- Stars

- Out Of Hell

- Saviors Of The World