Linkin Park - Living Things

 

Living Things

 

Linkin Park

Veröffentlichungsdatum: 20.06.2012

 

Rating: 4.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 24.10.2013


Der stetige Downfall ist gestoppt, die Ernüchterung über Linkin Park Neu überdauert auch das Jahr 2012.

 

Es war einmal eine Band, die Anfang des Jahrtausends auf durchaus eindrucksvolle Art, aber eher wenig innovativ, plötzlich auf der Bildfläche oder besser in diversen Radiostationen ihr Unwesen trieb. Irgendwann erkannten die Protagonisten allerdings, dass sich aus dem so geliebten Nu Metal nicht mehr viel herausholen lässt, und so wanderten sie in andere musikalische Gefilde. Damit begann der gar nicht so langsame Abstieg der Band, der sie über doch unterhaltsamen Stadion-Rock in allen Formen führte, ihnen ein ambitioniertes, aber missglücktes Konzept-Album abrang und sie 2012 genau hierhin brachte. Die Band heißt Linkin Park, das Album "Living Things". Der Downfall ist gestoppt, die Ernüchterung bleibt weiterhin.

 

Denn auch wenn man dem US-Sextett wenigstens nicht vorwerfen kann, in Monotonie zu verfallen, der ständige Stilwechsel zeugt weder von übertriebener Selbstsicherheit - oder bestätigt er genau die? -, noch gefällt einem das neueste Experiment. Warum? Weil es keines ist. Denn auch wenn man sich nicht mit dem Gedanken 'Hey, das haben die schon da und da mal gemacht' plagt, so bleibt doch die Erkenntnis, dass "Living Things" nur ein kaum definierbarer Brei aus all dem ist, was sich die Band in früheren Tagen hat einfallen lassen. Zwar strengen sich Bennington, Shinoda & Co gehörig an, um einem das schmackhaft zu machen, mehr denn je klingt hier allerdings Vieles ziemlich müde.

 

Aber der Anfang weiß doch zu überzeugen, zumindest bei den mittlerweile radikal gestutzten Erwartungen. Opener Lost In The Echo möchte man da schon fast als Rückkehr zu alter Form bezeichnen. Denn eigentlich ist alles da, was es früher auch gab. Die markanten Shinoda-Rhymes, ein durchaus kraftvoller Auftritt von Chester Bennington und dazu, ganz unerwartet nach dem schwierigen "A Thousand Suns", wieder einmal Gitarrenwände im Refrain. Drückend wirkt sich da allerdings dann doch der etwas billige Sound des Keyboards im Hintergrund aus, der wenigstens von den nicht ganz schwachen Elektronik-Spielereien von Joe Hahn überdeckt wird. So richtig Fahrt aufnehmen kann der Song aber dann erst gegen Ende, wenn vor allem Bennington mal wieder etwas lauter wird.

 

Um dem Beginn des Albums eine sympathische Note zu verleihen, kommen dann unter anderem noch die mittlerweile schon bekannten Mid-Tempo-Rocker daher, diesmal in Form von Lead-Single Burn It Down und In My Remains. Die sind beide keine Meisterwerke, können mit synthetischem Beat und der passablen Vorstellung von Brad Delson an der Gitarre, der endlich wieder mehr zu tun hat, aber doch überzeugen. Allerdings plagt In My Remains die frappante Ähnlichkeit zu den früheren Outings What I've Done und New Divide, genauso wie das Fehlen von jeglichen Rap-Parts. Burn It Down befällt dagegen etwas die besagte Müdigkeit, die zwar weder der harte Beat noch die schräg verzerrten Riffs im Refrain wirklich erkennen lassen, dafür aber dann leider das Gesamt-Paket, das nie so ganz aufwacht. Den nötigen Höhepunkt bietet aber wenigstens Mike Shinoda und zwar so wie er in der Frühzeit der Band zu gefallen wusste.

 

Leider sind damit aber viele der besten Minuten schon vorbei. Und dann kommt das, was man getrost als Identitätskrise bezeichnen kann. Denn so sicher sind sie sich wohl nicht, was sie nun bieten wollen. Da begegnet einem Soft-Rock in Form von Closer Powerless, der in mäßiger Ausführung an "Minutes To Midnight" erinnert, oder aber die zwei ziemlich missglückten Versuche alte Härte wieder aufleben zu lassen. Einmal in Form vom wirklich schwer zu schluckenden Lies Greed Misery. Da kommt außer Joe Hahns Bemühungen, dem Song Leben einzuhauchen - sprich: ihn ordentlich mit allerlei Elektronik-Spielereien vollzustopfen -, und dem durchschnittlichen Versuch von Chester, den Schreihals in sich wiederzufinden, nicht viel rüber. Es sind so insgesamt sehr anstrengende Minuten. Ähnlich wie die von Victimized. Die gerade mal zwei Minuten wirken wie Linkin Park auf Speed, bieten ein teilweise untragbares Klang-Gewirr, das eher an Noise Rock als an irgendwas anderes erinnert. Dazu in Strophe 2 Mikes Rap als einen der besten Momente der LP und Chester wieder in alter Form, aber nur kurz. Alles in allem imponiert der Track sogar irgendwie, mühsam ist er aber allemal.

 

Ansonsten bleiben einem manch übermäßig durchschnittliche Songs, die als passabler Elektronik-Rock zu identifizieren sind, mehr aber mit Sicherheit nicht. Das mag auch daran liegen, dass die Texte zum größten Teil auf der Strecke geblieben sind. Entweder wird wie im Fall der Ballade Roads Untraveled der lyrische Minimalismus durch endlose "Ooooooohs" kaschiert oder es wirkt einfach wie der Versuch, die "Hybrid Theory"-Tage zurückzubringen. Und zwar mit wenig Erfolg, denn abseits von Victimized wirkt die Wut, die die Songs anscheinend beinhalten sollten, eher gekünstelt. Da wirken tatsächlich die ruhigen Nummern 'ehrlicher'. Als positive Überraschung bleibt noch Castle Of Glass. Mit einer der auf alle Fälle besseren Vorstellungen von Shinoda als Lead-Sänger und einem der wenigen Male, dass der Beat hier wirklich den Fuß ein bisschen zucken lässt. Dazu kommt, dass Bennington als Background-Sänger durchaus ordentlich funktioniert und der stetig weiter anschwellende Sound dem Song mehr Leben verleiht als den übrigen.

 

Aber, jetzt mal ehrlich, das war's? Die großspurige Ansage, hier würde die Arbeit der letzten vier Alben in einem einzigen zusammengefasst werden, wirkt doch etwas lächerlich. Denn "Living Things" ist bei Weitem nicht so stark, wie es die Nu-Metal-Tage der Band waren, weniger leicht verträglich als "Minutes To Midnight" und um Vieles weniger ambitioniert als der Vorgänger. Und auch wenn "A Thousand Suns" letztlich in puncto Songausbeute eine Anmaßung war, das hier kann kaum als großer Schritt in die richtige Richtung gedeutet werden. Es ist viel eher Linkin Parks Versuch alle zufriedenzustellen, die irgendwann mit ihnen zufrieden waren. So findet jeder etwas, aber niemand sehr viel für sich auf der Platte.