Linkin Park - Minutes To Midnight

 

Minutes To Midnight

 

Linkin Park

Veröffentlichungsdatum: 14.05.2007

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 27.01.2017


Die perfekte Balance aus gestählter Kraft, Langeweile und der nötigen Prise Lächerlichkeit.

 

Es gibt wenige Gelegenheiten, bei denen die unmittelbare Nähe beneidenswerter Freiheit und bemitleidenswerter Isolation so anschaulich gemacht wird wie bei einem Geburtstag, zu dem einem keine Menschenseele gratuliert. Das ist nichts gegen die zivilisatorische Schmach, Gratulationen von Dutzenden von Facebook-Pseudo-Freunden zu erhalten, aber trotzdem manchmal etwas ernüchternd. Zumindest regt es zu einer kleinen Runde Selbstreflexion an. Auch manch Album bekommt von beinahe niemandem Jubiläumsglückwünsche, viel eher wird die Existenz landauf, landab verleugnet. "Minutes To Midnight" ist nahe dran, in diesen illustren Kreis aufgenommen zu werden, weil einfach niemand mit der LP vollends warm geworden wäre. Die alte Garde der Linkin Park-Jünger nicht wegen des Abschieds von früheren Qualitäten, die nie gewonnenen Skeptiker nicht, weil Skeptizismus mehr braucht als radiotaugliches Stückwerk der Marke Rock.

 

Weil die dritte Studioarbeit des Sextetts aber genau das ist, drängt sich auch gleich eine andere Lebensunweisheit in den Mittelpunkt, nämlich die der unausweichlichen Fadesse. Irgendwann herrschen eben Routine und Sicherheitsbedürfnis, wo früher Emotion und Energie in der Pole Position waren. Die zur Langeweile neigende Routine hat im echten Leben etwas sehr Nettes, beruhigend, berechenbar, zeitsparend. In der Musik hätte sie den Vorteil, dass man dort, wo musikalisch nicht viel passiert, dafür thematisch tiefer schürfen könnte. Allein, Chester Bennington, Mike Shinoda und deren Kumpanen war es 2007 auch nicht vergönnt, lyrische Perlen anzubieten. Sonst wären Leave Out All The Rest oder Shadow Of The Day wohl doch keine Singles geworden. Beide laden allerdings zur ertragreichen Symptombegutachtung ein: Ummantelt von Rick Rubins gleichermaßen glasklarer wie dezent größenwahnsinniger Produktion, entwickelt sich da etwas, was man als Manifest des prüden Stadion-Rock bezeichnen könnte. Beeindruckend geradlinig und doch irgendwie kraftlos, auf Atmosphäre abzielend und doch dank geschliffener Riffs markant steril. Shadow Of The Day überlebt diese schwierige Mischung besser, obwohl die Melodie keine Kreativität nahelegt und der urplötzliche positive Anfall nur bedingt die textliche Tiefe eines Glückskekses übertrifft. Die spärliche, percussionlastige Instrumentierung lässt aber wenigstens genug Luft, um Benningtons möglicherweise beste Tage als Sänger ins Rampenlicht zu rücken und den sparsamen Zeilen etwas Mantraartiges zu verleihen. Da bleibt immerhin eine ordentliche Single, immer etwas unbequem anzuhören und doch nicht in der schlechten Kategorie angesiedelt.

 

Wie überhaupt das Album nur selten schlecht ist. Aber eine steife Brise der Durchschnittlichkeit weht durch den aufgeblähten Alt-Rock, den die Band in penibler, allerdings relativ fruchtloser Kleinarbeit gezimmert hat. Selbst Erfolgsauskopplung What I've Done, stimmig wie selten ein Song der Band, entkommt dem Urteil fehlender Durchschlagskraft nicht. So vorteilhaft es für Bennington sein mag, dass der Melodiefokus seines Gesangs bisweilen kaum vermutete Qualitäten offenbart, der Mangel an Gefühl und Nachdruck wird dadurch nicht weniger. Ein bisschen wie eine Designerwohnung wirken einige Songs: Mit gutem Auge eingerichtet, detailreich, im Endeffekt fehlerfrei, aber auch latent ungemütlich und kalt. Deswegen mutet auch ein Titel wie Valentine's Day dezent ironisch an, nebst der skurrilen Komponente, dass ehemalige manisch-depressive Nu-Metaller plötzlich zu pubertären Romantikern verkommen. Könnte aber funktionieren, würde man sich an den atmosphärischen Beginn und dessen zurückhaltende Zupfer halten, anstatt in einem idiotisch lauten und monotonen Finale zu enden, dessen Inhalt den Songtitel kaum übersteigt. Schade drum, auch weil die ruhigeren Minuten für die Band ohnehin ein Minenfeld darstellen.

 

Selten käme man diesmal auf die Idee, in den balladenähnlichen Minuten Authentizität zu suchen. Ist auch schwierig, die gefühlvollen Troubadoure finden sich im Line-Up weniger. Andererseits sind die Ansätze da, macht die schwelende, verzweifelte Wut im gewinselten Little Things Give You Away einiges her. Ein rarer Moment, in dem Linkin Park einen politischen Kommentar abgeben können, ohne dabei in Klischees oder simple Parolen verfallen zu müssen. Stattdessen besinnt man sich in der unterschwelligen Bush-Kritik auf früh auf emotionsgeladenes Understatement, getragen von Benningtons wahrscheinlich bester Gesangsperformance. Umso verwerflicher, dass ein komplett sinnloses Gitarrensolo und längliche, melodramatische Harmonien das Finale anstrengender machen, als es irgendjemand für nötig befinden würde. Überhaupt spricht trotz Brad Delsons unbestreitbaren Fähigkeiten an der Gitarre wenig dafür, seinen spröden Instrumentalpassagen den Raum zu geben, den sie hier mitunter haben. Es fehlt an Ideen, Mut oder dem Vertrauen der Kollegen, auf alle Fälle kommt wenig mehr als kurzes Runterrasseln von Noten heraus, wenn man ihm und seinen sechs Saiten Platz macht.

 

Um allerdings doch noch der zu Beginn angekündigten Lächerlichkeit die Ehre zu geben, es geht auch viel, viel, viel schlimmer. Nämlich melodramatisch, kitschig, unmelodisch und inhaltlich vertrottelt. In diesem Konglomerat des Misserfolgs findet man das glorreiche Hands Held High, eine - bei allem Respekt gegenüber Mike Shinoda - beschissen gerappte Friedenshymne, textlich eine Mischung aus dem Coolnessfaktor von Ebony & Ivory und der Bauqualität der "Encore"-Lyrics, ergo einfach...scheiße. Das wird noch potenziert bzw. eigentlich erst so wirklich realisiert durch einen Refrain, der als Mischung aus Shinodas ausbaufähigem Gesang und schwülstigem "Amen"-Backgroundchor ein wirklich ungutes Gefühl hinterlässt. Ungefähr das, das auch die Marching Drums in den Strophen verursachen. Alles in allem ein Wunderwerk des schlechten Geschmacks, insbesondere aber der fehlgeleiteten Weltverbesserer-Attitüde. In diesem Fall würde man ihnen fast Lockerheit und geplante Sinnlosigkeit wünschen, hätte man nicht bereits davor Bleed It Out gehört und so bewiesen bekommen, dass sowas wie lockere Stimmung und spontanes Werken einfach nicht drauf haben. Was für Shinoda doppelt blöd ist, weil so beide seiner dezimierten Rap-Auftritte in die Hose gehen.

 

Man hält sich also an Bennington und bekommt von ihm einen der unbedingt notwendigen grandiosen Momente in der Linkin Park-Historie. Dass das a) ein gestählt harter Wutausbruch und b) textlich weniger eloquent geformt ist, scheint bandbezogen einleuchtend, doch Given Up überzeugt einen ohnehin nicht durch seine Einzelteile. Es ist das eine wirklich flüssige Ganze des Albums, beginnend mit dem dezent genialen Intro mitsamt dem Instrument aller Instrumente, einem Schlüsselbund, fortsetzend mit großartig simplem Bass, punkig angehauchten Riffwänden und Chester Benningtons wirksamstem Geschrei seiner Karriere. Bis zu dem Punkt, wo ihm überhaupt ein denkwürdiger siebzehnsekündiger Schrei auskommt. Dass folgerichtig abseits der ultimativen Wahrheiten "I'm my own worst enemy" und "I'm sick of feelings" die Inhaltsebene etwas leidet, verzeiht man nicht nur, man versteht es vollkommen. Bedient wird selbige schon etwas eher, wenn auch weiterhin mit sparsamen Zeilen, im atmosphärischen In Pieces, musikalisch der wichtigste Auftritt von Joe Hahn, der mit hartem, sprödem Beat und dumpfer Xylophon-Melodie vor allem den Beginn dominiert. Zusammen mit der etwas allein gelassenen Härteeinlage No More Sorrow, dem einzigen wirklichen Metal-Track des Albums, bleibt einem eine dürftige Front, die hier zu retten hat, was noch zu retten ist.

 

Das wiederum ist im Falle von "Minutes To Midnight" nicht wahnsinnig viel. Wobei wir da von einem Album sprechen, das sich zumeist so gemütlich mäßig anhört, dass die Vorwürfe schwer anzubringen sind. Auch weil die Beweggründe für den Soundwechsel in ausgerechnet diese Richtung ein partielles Rätsel bleiben. Rick Rubin, zu gleichen Teilen beeindruckender Perfektionist und Großmeister der musikalischen Schleifmaschine, könnte einiges dazu beigetragen haben, dass aus chartfreundlichem, aber eben doch in Maßen kantigem Nu-Metal noch chartfreundlicherer, im Übermaß kantenloser Stadion-Rock geworden ist. Den Rest besorgt die Band selbst, weil man sich aus der Nische eines aussterbenden Genres befreien wollte und im Endeffekt musste, dafür aber irgendwo in melodischen, profillosen Tälern gelandet ist. Oft genug zumindest. Die hochwertigen Minuten im Blick wäre ein kleines Ständchen zum baldigen zehnjährigen Jubiläum trotzdem nicht zu viel verlangt.

 

Anspiel-Tipps:

- Given Up

- No More Sorrow

- In Pieces