Skillet - Rise

 

Rise

 

Skillet

Veröffentlichungsdatum: 25.06.2013

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 13.03.2018


Ein neuer Riffmeister im Kampf gegen Kitsch und ein Konzeptalbum ohne Konzept.

 

Naturgesetze haben etwas latente Demotivierendes an sich. Im Gegensatz zu stinknormalen Gesetzen kann man sie nämlich für gewöhnlich eher weniger brechen. Grundsätzlich stellt sich natürlich schon die Frage, warum man sie brechen wollen würde. An und für sich machen sie jetzt nicht so viel mehr, als uns ein paar sichere Gegebenheiten in einer ach so unsteten Welt zu bescheren, an denen man sich festhalten kann, selbst wenn Donald Trump Präsident ist. So etwas ist wertvoll. Andererseits schwebt da auch ein Hauch von Schicksal um fast alles, wenn sich so verdammt viele Erscheinungen in unserer Umwelt ganz leicht über die wenigen Naturgesetze erklären lassen. Eine diese Erscheinungen könnte die Popifizierung so vieler erfolgreicher Rockbands sein. Man nenne mir eine, die nicht auf dem Höhepunkt wahrnehmbaren Erfolgs urplötzlich die Softies in den Mitgliedern hervorgekehrt hat! Ok, stopp, das endet nie. Es gibt Gegenbeispiele, aber vordere Chartplatzierung und musikalische Weichspülerattentate gehen zu oft Hand in Hand, das sei gesagt. Und Skillet sind nah genug dran, als Attentäter angeklagt zu werden.

 

Es besteht die berechtigte Annahme, dass John Cooper Downgrade vom Solo-Songwriter hin zum schreiberischen Kollaborateur etwas damit zu tun haben könnte. Diese Entwicklung kann schon "Awake" nicht gut getan haben und "Rise" hatte zwar ganze vier Jahre Zeit, um zum botschaftsschwangeren Bombast zu reifen, gewinnt aber auch nur bedingt durch die zusätzlichen Songwriter. Warum ist das realistisch? Weil der beste Song der LP, vielleicht der ganzen Bandhistorie der einzige ist, den Monsieur Cooper allein ausgetüftelt hat. Der heißt Circus For A Psycho und ist dementsprechend selbstverfreilich von inhaltlicher Eloquenz geprägt, weiß allerdings definitiv die Riffgötter auf seiner Seite. Ob Neuankömmling und Leadgitarrist Seth Morrison jetzt wirklich den Gottstatus verdient, ist eine zweifelhafte These, er ist aber definitiv eine Lebensversicherung für Album und Band. Der Introriff dieses Tracks allein ist Rettungsring für die übrigen elf Songs, ob die es nun nötig haben oder nicht. Und am Ende konnte die Band nie irgendetwas besser als ein bisschen die Metal-Muskeln spielen zu lassen und noch ein kleines bisschen Elektronik für den nötigen millennialen Anstrich im Stile von Papa Roach zu sorgen. Nur sind Skillet ein gutes Stück besser darin, das weder outdated noch ewig gleich klingen zu lassen.

 

Das qualifiziert sich bis jetzt weniger als kritische Auseinandersetzung mit der LP, was aber auch daran liegt, dass die Band notorisch gut darin ist, erste Albumhälften unverdächtig souverän wirken zu lassen. Nicht fehlerfrei, diesmal schon gar nicht. Aber konstant genug, um einen nicht zum Murren zu bringen. Nachdem diesmal sowieso noch eine Leadsingle wie Sick Of It und also ein zweiter verdammt mitreißender Dampframmen-Track dabei ist, dem man literarische Schwächen im Handumdrehen verzeiht, kommen Schwachstellen ohnehin weniger zum Tragen. Natürlich hat all das ein wenig spröden, ein wenig kindischen, ein wenig ausgelutschten Gimmick-Charakter, insbesondere wenn die Phrase "Sick of it" gefühlte 300 Mal in drei Minuten vorkommt. Aber es rockt, ziemlich ordentlich sogar. In diesem Sinne überrascht es dann auch weniger, dass die unten empfohlene Dreifaltigkeit - ein religiöser Begriff muss in einem Skillet-Review vorkommen, sonst stimmt irgendwas nicht - abgerundet wird durch einen Song mit Namen Madness In Me. In Kurzform lautet die Gleichung für die Band: Wann immer John Cooper am Durchdrehen ist, klingt man stark. Nicht, dass es nicht anders auch ginge, zumindest "Comatose" hat das irgendwann einmal bewiesen. Auch eine Motivationshymne wie Rise hat dank guten Arrangements und Rückbesinnung auf die Anflüge von Symphonic Metal das Potenzial, ein Album ordentlich anzureißen, wenn auch nur dank eines Abschlusses, den einem der unheimlich kitschige, aber doch immer wirksame Kinderchor versüßt.

 

Dass es so ganz anders irgendwie überhaupt nicht geht, beweist die Band hier aber eindeutig zu oft. Irgendwer hat anscheinend die fragwürdige Idee gehabt, die musikalische Öffnung müsste unbedingt auch in Richtung softer, süßlicher, unpackbar klischeebeladener Balladen führen. Warum ist nicht eindeutig zu klären, wer genau daran Schuld ist, weiß man auch nicht. Andererseits gibt es zwei Co-Songwriter, die schon am unpassend optimistischen, effektiv etwas dümmlichen, aber doch irgendwie ansprechend sonnigen Good To Be Alive mitgeschrieben und dann auch noch American Noise verbrochen haben. Punkt 1: Heartland Rock kann fast keiner, ohne dabei lächerlich zu wirken. Punkt 2: Nur weil man aus Tennessee kommt, muss man nicht irgendwann den musikalischen Patriotismus für sich entdecken. Punkt 3: "Lift up your voice / Let love come through the american noise", ernsthaft?! Um es kurz zu machen, dahintrabende Drums, schwimmende, kratzige Schunkelriffs und pseudo-kerniges Gesinge sind in der Form sehr oft eine Zumutung, mit dem kindlich-naiven Ton, den Cooper anschlägt gleich noch ein wenig mehr.

Das ist das eine erlaubte Streichresultat, das jede LP bekommt. Nur schreibt das Ehepaar Cooper die zweite Albumhälfte fast komplett zu zweit und meine Güte, die sind nicht mehr nur kitschig, die sind Leonardo und Kate. Im Lichte mancher Ansage von Donald Trump an Kim "Sie nannten ihn Pummelchen" Jong-un ist das vielleicht anders, aber aus Fire And Fury trieft als Titel einer archetypisch mit allerlei unnützen Instrumenten verunstalteten Rockballade schon gehörig Schmalz. Nicht, dass es grausam klingen würde, wenn da die Herrin über Keyboard und Rhythm Guitar mit dem Frontmann ein Duett zum Besten gibt, aber man kann Emotionen schon auch wirksam Ausdruck verleihen. Kurz klingt es danach, in der vom Klavier angeführten, härteren Bridge. Der Rest ist eigentlich eine Schnulze, immerhin mit Akkordeon.

 

Das verdeutlicht zwei Aspekte der LP: Da versucht offensichtlich jemand, musikalisch nicht das bereits Gebotene zu wiederholen. "Rise" betritt für die Band Neuland, auch wenn die Ambition nicht ausreicht, um den spröden elektronisch aufbereiteten Beat von Hard To Find nicht untergehen zu lassen oder den funkigen Unterton von My Religion auch irgendwie atmosphärisch zu unterstützen. Das offenbart auch den anderen Aspekt, nämlich dass sich da offensichtlich jemand verdammt schwer tut, nicht die alten Muster aufzubereiten. Wobei nicht einmal gesagt ist, dass Skillet nicht mit aller zur Verfügung stehenden Energie der Versuchung nachgegeben haben, dem Pop-Rock und dem Kitsch Tür und Tor zu öffnen. Es ist nur schmerzhaft deutlich, wieviel besser alle Beteiligten im harten, von Jen Ledgers Drums unerbittlich vor sich hergetriebenen Hard Rock klingen. Das kann auch nur damit zu tun haben, dass John Cooper dort daheim klingt, während er in den Balladen meistens nach einer vollkommen deplatziert seine kernige Stimme ausbreitet. Das vermittelt jetzt den Eindruck, emotional und atmosphärisch ginge so gar nicht, nur hat das Quartett schon das Gegenteil bewiesen und schafft es hier auch wieder. Man muss nur doch ein bisschen darauf schauen, dass die Musik dabei nicht komplett zu Grunde geht. So wie bei Not Gonna Die, dessen Riffwände sich wunderbar mit den theatralischen Streichern vertragen und endlich auch einen starken Unterboden für ein gelungenes, dramatisches Duett bieten. Und es muss noch nicht mal so nah am Althergebrachten sein, What I Believe geht melodischere Wege, vertraut dem Klavier fast schon mehr als der Gitarre und klingt trotzdem nach einem harmonischen Ganzen, in dem nicht nur die Melodramatik regiert.

 

Natürlich kann man jetzt anführen, dass Skillet der Inbegriff der Melodramatik sind und sich textlich nie in sonderlich zurückhaltendem Terrain herumgetrieben haben. Das stimmt soweit, die Metaphern waren oft grenzwertig, Emotionalität und schlichte Gefühlsduselei oft nahe beieinander. Die dürfen das, weil sie dabei noch immer selten genug miserabel klingen. Das gilt effektiv auch für "Rise", das allein deswegen scharfe Kritik verdient, weil die immer wieder eingestreuten Soundbits aus den Nachrichten eher nach dystopischer Untergangsfantasie klingen als nach Kitschfest und weil man die besten Minuten der bisherigen Karriere mit unnützem Schmarrn vermengt. Muss jetzt nicht unbedingt sein. Der Mittelbau bleibt aber und das bedeutet effektiv, dass die Gitarrenkunst noch immer genug Tragfähigkeit besitzt, um Schlimmeres zu verhindern, auch weil die Lyrics gegenüber dem Vorgänger wenigstens nicht weiter abgebaut haben. Eine starke Wiederauferstehung aus der Mittelmäßigkeit des Multi-Platin-Erfolgsalbums hört sich zwar anders an, aber immerhin ist die gute alte Zeit noch herauszuhören und trotzdem erkennt man aufgestoßene Türen, die in der Zukunft die eine oder andere Großtat ermöglichen könnten.