Sum 41 - 13 Voices

 

13 Voices

 

Sum 41

Veröffentlichungsdatum: 07.10.2016

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 25.02.2017


Screaming Bloody Comeback – mit erwachtem Gitarrismus und mehr Linkin Park als Linkin Park selbst.

 

Wie sind wir nicht alle froh, dass sie endlich zurück sind! Yes, Kanadas wichtigster Musikexport, seit ein röhrender Elch 1812 die Grenze zu den USA überschritten und die Musikwelt im Sturm erobert hat, ist von den Toten auferstanden. Wobei Sum 41 als solches nie tot waren, nur eben Deryck Whibley. Fast. Der ist aber wieder genauso putzmunter wie seine trockengelegte Leber und dementsprechend konnte er sich aufrechten Fußes in Richtung Studio begeben, um wieder ein bisschen den Rock zu beackern. Jetzt ist die Historie der Band eine voller Missverständnisse, die die äußere Betrachtung genauso betreffen, wie interne Zersetzungs- und Mutationsprozesse anbelangen. Anders ist "Underclass Hero" auch heute noch nicht zu erklären. Ein wichtiges Missverständnis betrifft allerdings die scheinbare Stümperhaftigkeit des nunmehrigen Quintetts, die so nie existiert oder zumindest nur in wenigen Minuten zum Vorschein gekommen ist. Anders ist "Chuck" auch heute noch nicht zu erklären. Und weil das Comeback der Kanadier genau zwischen diesen beiden Alben liegt, qualitativ weder in Himmelshöhe noch in Kellernähe gerät, bedarf es anno 2016 einer ganz neuen Erklärung.

 

Die aber, wie mittlerweile auch jedes Album von Sum 41, doch irgendwie eine alte sein könnte. Denn vor dem gesundheitlichen Zusammenbruch Whibleys stand der mentale Zusammenbruch Whibleys nach der Trennung von Avril Lavigne und diese Parallele bedingt anscheinend, dass auch stilistisch nicht allzu viel an Änderung stattzufinden hat. Deswegen klingt "13 Voices" insgesamt doch ziemlich nach dem Vorgänger, was aber auch darin begründet liegen könnte, dass sich Whibleys sonniges Gemüt auch diesmal mit einigen Songs seine seelischen Schmerzen noch ein bisschen mehr einbrennt. Hätte er nicht schon vor fünf Jahren eine Suite A Dark Road Out Of Hell getauft, es gäbe keinen Grund, das von Wut, Isolation und dem Wandeln an der Grenze zur Selbstaufgabe geprägte Album nicht genau so zu nennen. Es begegnet einem auch oft genug das Wort Death, wodurch aber zumindest zeitweise garantiert ist, dass Whibley mit seinen Mitstreitern, allen voran dem plötzlich wieder aufgetauchten Gitarristen Dave Baksh, die Härtegelüste aller Lauscher bedient. Anders gesagt: Man besinnt sich der eigenen Stärken und setzt in Tracks wie Goddamn I'm Dead Again oder The Fall And The Rise auf die Kombination aus Punk und Metal, die bereits die besten Zeiten der Band geprägt hat. An der Drumfront herrscht auch nach dem Personalwechsel wunderbar harte Einfachheit, an den sechs Saiten gesellt sich allerdings wieder die Fingerfertigkeit Bakshs hinzu, die die Soli auf beinahe der gesamten LP zu den lohnendsten Momenten macht.

 

Whibleys Aussagen gehen in all dem "Lärm" gern etwas unter, geben allerdings immerhin soweit Anlass zu einem kleinen Lob, als dass das abgeschliffene, aber trotzdem kompromisslose Hardcore-Stück Fake My Own Death zur gekonnten Aggressivitätsausdünstung wird, deren trotzige Lebensmüdigkeit alle anderen Minuten mit Naheverhältnis zum Tod recht blass aussehen lässt. Was noch kein harsches Urteil über die LP erlauben soll. Denn die auf 37 Minuten gestutze Playlist hat den Vorteil, dass sich nicht zu ignorierende Fehltritte diesmal selten bis gar nicht finden lassen, stattdessen sogar die gleichermaßen naive und im Lichte der eigenen Vergangenheit fragwürdige Popkritik God Save Us All (Death To POP) unter den richtigen Voraussetzungen verdammt gut hört. Ja, ok, man muss tunlichst versuchen, den Text zu ignorieren oder aber ihn aus seinem ursprünglichen Kontext zu reißen, aber musikalisch wäre das Potenzial dafür da, in "Chuck"-Sphären vorzudringen.

 

Dass das albumumspannend nicht funktioniert, ist vor allem der manchmal kaum zu fassenden Nähe zu Linkin Park geschuldet. Das wäre - man kennt mich soweit - auch noch kein Problem, würden die weniger zwingenden Minuten nicht dort angesiedelt, wo man den geschliffenen Alt-Rock verortet, den Linkin Park mit "Minutes To Midnight" geprägt haben. Also Metal bestenfalls vom Gitarrensound her und selbst dann diese etwas der Trägheit verfallene Rock-Ballade, die lange, lange um einen Stimmungsaufbau zu kämpfen hat. Wie komplett daneben Whibley auch als Nüchterner noch liegen kann, wird dahingehend bestens dadurch illustriert, dass ausgerechnet War zur Leadsingle werden durfte. Ausgerechnet der fade Pop-Rock, dieses Leave Out All The Rest ohne wirklichen Gesang. Warum nur, warum? Wahrscheinlich nur, weil Breaking The Chain zwar als Wiederaufbereitung der eigenen Erfolgssingle Pieces auch gut ins Chartbild passen würde, allerdings mit einem kurzen, genialen Solo und angehängter, starker Bridge die Qualifikation für den mittelmäßigsten Song des Albums doch noch deutlich verpasst. Der heißt übrigens am Ende Twisted By Design und klingt nach dem Inbegriff eines austauschbaren Rocksongs der musikalischen Moderne, erarbeitet sich mit einem lautstarken Refrain allerdings immerhin noch das Prädikat "bemüht".

 

Das gleichermaßen dem ganzen Comeback-Auftritt der Band zuzuschreiben, wäre dann aber doch gemein. "13 Voices" geht ohne jeden Zweifel all das ab, was ein großartiges Album ausmachen würde, sieht man einmal von Fake My Own Death ab. Doch bedingt durch die von Whibley vorgenommene Seelenspülung, die die Texte kennzeichnet, der Rückkehr von Dave Baksh und die radikale Straffung der Laufzeit, fällt der Mangel an nicht zu bekritelndem Material weit weniger auf. Was bleibt, ist ordentliche Arbeit. Das mutet einigermaßen merkwürdig an, betrachtet man Vor- und Entstehungsgeschichte des Ganzen. Die produktionstechnische Ausgestaltung bedeutet allerdings, dass aus der emotionalen Kraft, die Whibley vielleicht investieren wollte, zu viel handzahme Minuten werden. Vielleicht ist das Album auch nur geplant risikoarm. Die paar Treffer, die man trotzdem verbucht, würden das durchaus verständlich machen.