Sum 41 - Underclass Hero

 

Underclass Hero

 

Sum 41

Veröffentlichungsdatum: 18.07.2007

 

Rating: 4.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 01.11.2013


Der übliche Versuch gealterter Pop-Punker relevant zu bleiben und sicher keiner von der guten Sorte.

 

Viele, ja, abertausende Bands haben es in den letzten Jahrzehnten geschafft, sich auf die ein oder andere Art ihre paar Minuten Ruhm zu sichern. Allzu viele davon sind bald wieder verschwunden und selbst die, die nicht als ewiges One-Hit-Wonder herhalten müssen - so wie Wheatus (Teenage Dirtbag) oder, etwas peinlicher, Los Del Rio (Macarena) - haben oftmals ihre Schwierigkeiten damit, irgendwie am Radar des Musikhimmels zu bleiben. Jetzt gibt's genug Möglichkeiten, dieses Ziel zu erreichen. Man könnte eine Kurzzeitehe arrangieren, sich beim Super Bowl von Justin Timberlake ausziehen lassen - was für ein intelligenter Move, Janet - oder man ist tatsächlich dumm genug, es auf musikalischem Weg zu versuchen. Die Kanadier rund um Deryck Whibley waren dumm genug. Nachdem sie von Beginn an im Schatten von blink-182 und Green Day gestanden haben, sind sie jetzt endlich...noch weiter weg von ihnen.

 

Etwas kläglich, vor allem nachdem mit den beiden Vorgängern in Wahrheit ein paar verdammt gute Schritte in Richtung Eigenständigkeit gemacht wurden. Aber eine Hochzeit mit Avril Lavigne und den Verlust des Lead-Gitarristen später und Whibley mutiert zum verunsicherten Softie, der seine Band zurück führt in die bereits vollends ausgekundschafteten Gewässer des Pop-Punk. Dabei bedient er sich so ziemlich allem, was sich finden lässt, holt sich Inspiration von Green Day, My Chemical Romance, Jimmy Eat World und was weiß denn ich, von wem noch. Man möchte ihm fast Plagiarismus vorwerfen, aber wir wollen hier ja niemandem etwas nachsagen.

 

Es hilft dann allerdings auch wenig, wenn die Lead-Single sogleich eine lauwarme Wiederaufbereitung eines früheren Bonus-Tracks ist. Underclass Hero hieß früher Subject To Change, hat aber anno 2007 trotz gegebenen Ohrwurm-Ambitionen das meiste an Biss verloren, wirkt überproduziert und insgesamt wie genretypische 08/15-Kost. Während nicht alles so offensichtlich 'outdated' klingt, läuft Vieles trotzdem falsch. Top-Material wie Walking Disaster oder Speak Of The Devil versüßt einem den Beginn. Beide plagt allerdings Whibleys Versuch aus "Underclass Hero" etwas Wichtiges zu machen. Und so gibt's hier kaum etwas, das 'straight forward' ist, sondern so manchen Track, der durch unnötig schmalzige Momente zerstört wird. So präsentiert einem Walking Disaster, sowohl vor als auch nach dem starken Punk-Part, komplett unnötigen Kitsch in Form von schwachen Drums, banalen Gitarren und Zeilen wie: "I will be home in a while / You don't have to say a word / I can't wait to see you smile / Wouldn't miss it for the world". Noch schlimmer schaut's im Outro von Speak Of The Devil aus, in dem Whibleys peinliche Sätze von noch peinlicheren "Uuuuhs" im Hintergrund begleitet werden.

 

Während wir hier noch von einzelen Song-Teilen sprechen, bieten die meisten Balladen das über die gesamte Länge. Am schlimmsten erwischt es Dear Father, in dem Whibley ohne Aggression, in Wahrheit wie ein kleines Mädchen, von seinem verschwundenen Vater singt. Aber auch die Akustik-Nummern So Long, Goodbye oder Look At Me lassen einen mit einem verwunderten Gesichtsausdruck zurück. Nichts übrig von der früheren, so unglaublich starken Härte, dafür schmalzige Balladen vom Fließband. Einzige Ausnahme ist die durchaus gelungene Single With Me, die es dank dem lauteren Refrain zumindest zur Power-Ballade bringt.

 

Würde es bei diesen Fehltritten bleiben, das Album wäre ein milder Absturz. Doch die schnelleren Momente sind keineswegs universell stark. Während der Beginn einen noch bei Laune hält und der einzige Top-Song, Count Your Last Blessings, beinahe alte Wut wiederaufleben lässt, verlieren sich Tracks wie Pull The Curtain oder Confusion And Frustration In Modern Times in ihren widersinnigen Stilwechseln, die Up-Tempo-Punk gegen Klavier-Parts und peinliche hymnische Choräle eintauschen. Dabei hätte der Band bei Count Your Last Blessings schnell klar sein müssen, dass das die richtige Richtung ist. Denn zumindest hier zeigt sich, dass die Gitarren auch ohne Dave Baksh genauso hart sein können, die Texte um nichts softer sein müssen und der Gesang auch weiterhin genug Aggression bietet. In dieses Terrain begeben sich die drei allerdings nur noch mit dem leider viel zu kurzen King Of Contradiction, das kurzzeitig sogar ein wenig Metal-Sound zurückbringt.

 

Dagegen beschränken sich Sum 41 viel lieber auf banalste Drum-Parts, deplatzierte Klavier-Einsätze, den ein oder anderen starken Riff und durchschnittliche Lyrics. Irgendwo dazwischen haben noch Streicher, ein bisschen Keyboard und ein paar größenwahnsinnig-pompöse Minuten Platz. Und natürlich die komplett unentbehrlichen Akustik-Teile, die jegliches Momentum abtöten. Die großen Weisheiten beschränken sich auf lauwarme Ansagen ("Now it's us against them / We're here to represent / To spit right in the face of the establishment"), ausgediente Phrasen ("Divided we stand / Together we fall") und eine Zeile aus Pull The Curtain, die man Whibley doch wünschen würde: "I'll pay for all the bad things I've done".

 

Andererseits gelingt es den Kanadiern dann doch nicht, alles zu versauen. Denn wann immer die Gitarre das Wort hat, dann klingt sie stark, wann immer Derycks Stimme lauter wird, kommt sie an, und wann immer die Band altbekannte Aggressivität und Depression aufkeimen lässt, dann merkt man, dass sie nicht vollkommen neben der Spur ist. Leider ist das nur vergleichsweise selten der Fall. In Wahrheit gehen die Jungs unter in dem Versuch, ihren Debüt-Erfolg "All Killer, No Filler" genauso zu bewahren wie die beiden späteren Alben und dann doch mit der Zeit zu gehen. Denn das 'mit-der-Zeit-gehen' wird hier viel eher zu einem Kniefall vor denen, die das früher geschafft haben, am offensichtlichsten Green Day mit ihrem Mega-Comeback "American Idiot". So etwas wie eine eigenständige Weiterentwicklung findet dagegen hier keinen Platz.

 

Das schmerzt. Gerade dann, wenn vor dieser LP so ein Meisterwerk wie "Chuck" unter die Leute gebracht wurde. Dass die Pop Punker ihren außerordentlichen Ausflug in Richtung Metal nicht wiederholen können, war zu erwarten, dieser Absturz ist allerdings doch mehr als man den Fans zumuten kann. In Wahrheit ist "Underclass Hero" kein Totalversager, keine musikalische Grässlichkeit. Viel eher ist es ein Ausbund an uninspirierten, missglückten Ideen, die nichts Neues bieten, im Gesamten ein gescheiterter Versuch auf der Pop-Punk-Landkarte sein Territorium zu behaupten.