Muse - The 2nd Law

 

The 2nd Law

 

Muse

Veröffentlichungsdatum: 28.09.2012

 

Rating: 4.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 07.02.2020


Keep the grandiosity, leave precision and ideas. Ein überladener Güterzug rast aufs Abstellgleis.

 

Manch Ereignis lässt sich schon relativ lange im Voraus erahnen, vermuten und vorhersagen. Das hat einmal nicht viel mit hellseherischen Fähigkeiten zu tun, sondern eher mit einem logischen Verständnis für Trends und deren folgerichtige Fortsetzung. Zwar sind derlei Entwicklungen durchaus auch dazu geeignet, irgendwann einmal umgekehrt zu werden, selbst das ließe sich allerdings in den meisten Fällen vorhersagen. So ist es aktuell keine große Leistung zu prophezeien, dass von den nächsten 10 Jahren zumindest 5 die heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen sein werden, dass CD-Verkäufe im selben Zeitraum ähnliche Einbrüche erleben werden wie sozialdemokratische Parteien überall in Europa und dass das mit dem Online-Einkaufen eher nicht aufhören wird. Keine Hexerei, kann man wohl sagen. Genauso war es beim Anbruch des mittlerweile vergangenen Jahrzehnts nicht schwer, die künstlerische Entwicklung des Muse-Œuvres vorherzusagen. Was sich davor in stetiger Konstanz zu einem immer bombastischeren, kitschigeren und zuletzt auch ideenärmeren Spektakel entwickelt hat, würde entsprechend weitergehen. "The 2nd Law" fügt sich dieser Gesetzmäßigkeit und stellt ein für alle Mal fast alles infrage, wofür die Briten stehen.

 

So mancher mag diesen Punkt bereits mit dem vorangegangenen "The Resistance" kommen gesehen haben, doch die dort erkennbaren Schwierigkeiten waren nur der Beginn eines Abwärtstrends, wenn auch in relativ drastischer Form. Dieser Abwärtstrend mündet hier in etwas, das sich aus diversen Gründen kaum verteidigen lässt. Zwar erscheint die sechste LP der Band, wie oben beschrieben, als logischer nächster Schritt, nur fährt man damit in ein Jammertal der Penetranz, des musikalischen Chaos und der geschmacksverirrten Reminiszenzen. Ein Mahnmal dessen ist es, dass das eröffnende Supremacy bereits der eindeutige künstlerische Gipfel des Albums ist, obwohl man schon hier ganz eindeutig merkt, dass der Rubikon zwischen großspuriger Dramatik und unausstehlicher Aufdringlichkeit verdammt nahe ist. Das liegt unter anderem daran, dass sich der Song wie so manch anderer hier als reichlich merkwürdige Verstrickung unterschiedlicher Stilrichtungen präsentiert. Supremacy überlebt das in tatsächlich relativ großartiger Manier, weil die Vermählung kerniger Rock-Riffs mit dramatischen Streicherstakkatos zu einem epischen Ganzen heranwächst, das die besten "James Bond"-Songs in Erinnerung ruft, diese überflügelt und mit kompromisslos schmalzigem Größenwahn alles niederwalzt. Marching Drums, verzerrt heulende Gitarren, ein Matt Bellamy zwischen gewichtiger Tiefe und schrillem Falsetto, dazwischen irgendwo ein Background Chor und gar noch ein paar Bläser und schon ist etwas entstanden, das Knights Of Cydonia zurückhaltend wirken lässt wie einen einsamen, folkigen Singer-Songwriter.

 

Ganz zu Beginn ist das wohl noch verschmerzbar, vielleicht sogar ein Asset für eine Eröffnung, die ganz für sich selbst nicht weniger sein will als ein epochales Spektakel. Zunehmend problematisch wird es aber, weil die übrigen Tracks schon auch danach klingen, gleichzeitig aber zwischen Ideenlosigkeit, geschmackloser Exzentrik und komplett fehlgeleitetem Chaos oszillieren. Leadsingle Survival ist das beste, weil dramatischste Beispiel. Queen'sche Theatralik durchzieht dieses elendiglich lang und bedenklich unkoordiniert wirkende Gemisch aus einander bekämpfenden Chorälen, Operngesängen, Bellamys übersteigerten Vocals, ungebeten lauten, harten Gitarreneinsätzen und genauso aufdringlichen Drums. Dass all das noch dazu mit tänzeldem Klavier in vollendeter Glam-Manier beginnt, ist nur das Sahnehäubchen einer beinahe komödiantisch daneben klingenden Vorstellung.

Interessanterweise schaffen es andere Songs, durchaus ähnlich daneben zu wirken, obwohl keiner mehr eine solch brutale Vermengung und Verstümmelung diverser musikalischer Stile wird. Follow Me macht anfangs den Anschein, es könnte ein atmosphärisches Stück Synth-Pop werden, dahingehend Map Of The Problematique nachfolgen. Letztlich mündet das in einer großtesken Annäherung an die kitschigen Seiten der Killers und einem definitiv jeder Erklärung entbehrenden Breakdown-Refrain, dessen ohrenbetäubende Dissonanz selbst die ohnehin minimalistische Prise Atmosphäre im Song abtötet. Save Me erspart sich zwar die elektronischen Beigaben, endet aber trotzdem als stinklangweilige Soft-Rock-Ballade mit Stoßrichtung Snow Patrol, Madness wiederum ist eine synthetisch ausstaffierte Nachahmung von U2 und deren jedes Stadion ausfüllender Harmlosigkeit, genauso wie es Big Freeze noch deutlicher, aber immerhin im rockigen Gewand ist.

 

Damit nähern wir uns zwar einem Bereich, der musikalisch nicht mehr weh tut, sondern lediglich ein fades Hintergrundrauschen darstellt. Das ist aber dann doch auch kein Ruhmesblatt, vor allem bei so offensichtlichem Fokus darauf, jede Sekunde wie eine gewichtige und bedeutungsschwangere wirken zu lassen. Dahingehend ist "The 2nd Law" komplett neben der Spur: Größenwahnsinnig, laut und aufdringlich, aber fast immer auf eine Art, die nach durchdringender Banalität riecht oder sogar schon ein bisschen lustig wirkt. Und diese Rechnung geht nur einmal ganz gut auf, nämlich im schrägen 80s-Funk von Panic Station, der es zwar ehrlicherweise schafft, belustigtes Entsetzen und lockere Unterhaltung als gleichermaßen berechtigte Reaktion erscheinen zu lassen, aber dann doch irgendwie letzteres eher hervorruft. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass dieser reichlich untypische musikalische Ausritt der penetranten Art der Musik noch am ehesten gerecht wird, vielleicht ist man auch einfach froh darüber, dass die Band mal etwas locker lässt. So oder so ist es einer der wenigen Licktblicke im Angebot.

 

Die anderen, die sich finden lassen, sind eindeutig gewichtiger Natur. Animals ist als drückend schwere Kritik an der Gier der Banker quasi ein Radiohead-Plagiat, als solches aber immerhin stimmig und ohne jeden Hang zu Glamour oder Großspurigkeit dargeboten. Der finale Zweiteiler The 2nd Law wiederum ist zwar genauso mit gesellschaftskritischer Botschaft angefüllt, präsentiert einem diese aber in weitaus dramatischerer Manier. Etwas gelungener im ersten Part, dessen musikalischer Kontrast aus orchestraler Dramatik, brachialem Dubstep und epischem Symphonic Rock zwar schwer zu verarbeiten ist, aber letztlich doch ein eindrucksvolles Ganzes ergibt. Wahrscheinlich wäre das nicht möglich, würde man nicht phasenweise Katie Razzalls Spoken-Word-Passagen hören, deren mechanischer, manipulierter Monolog dem Song das nötige Gewicht verleiht. Das können beide Parts für sich beanspruchen, das abschließende The 2nd Law: Isolated System kann allerdings musikalisch mit wenig außer einem langlebigen Verbund aus pulsierendem Beat und Klavier aufwarten. Daraus wäre mehr, eigentlich viel mehr zu machen gewesen, was nicht heißen soll, dass die repetitive Musik in Verbindung mit eingestreuten Nachrichtenschnipseln und weiblichem Chor nicht trotzdem seine Wirkung entfaltet.

 

Warum Muse dieses Album unbedingt so gestalten mussten, dass man von irgendwie gearteter Wirkungsentfaltung nur so selten sprechen kann, ist ein Rätsel. "The 2nd Law" wirkt in seiner Gesamtheit unglaublich daneben, fehlgeleitet von Grund auf und noch nicht einmal wirklich interessant. Das ist eigentlich schon wieder eindrucksvoll in Anbetracht dessen, wieviel die Briten hier musikalisch einzubauen versuchen. Das Ergebnis dieser Überfülle an stilistischen Eindrücken und gekünstelter Vielfalt ist jedoch lediglich, dass man mitunter an einen schlechten Scherz glaubt, obwohl es doch eigentlich um eine Band geht, die sich ziemlich ernst zu nehmen scheint. Um das zu rechtfertigen, ist diese LP aber viel zu chaotisch un zu grobschlächtig zusammengebaut. Diese Leichtigkeit, die bei der präzisen und lebhaften Umsetzung unterschiedlichster Einflüsse auf "Black Holes And Revelations" für ein beeindruckendes Ganzes gesorgt hat, ist hier in so weite Ferne gerückt, dass man eine Rückkehr zu einem solchen Hoch nicht einmal mehr erahnen kann. Stattdessen zeigt dank fehlender Ideen und abhandengekommenem Gefühl für das Arrangieren der eigenen Songs die Formkurve sehr deutlich nach unten.