Muse - Black Holes And Revelations

 

Black Holes And Revelations

 

Muse

Veröffentlichungsdatum: 03.07.2006

 

Rating: 8 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 22.03.2019


Imposante Einflussarmada im dichten Nebel größenwahnsinniger Dramatik und arrangierter Exzellenz.

 

Selbstvertrauen ist eine verdammt wichtige Sache, darin sind sich auf alle Fälle einmal alle Therapeuten, Life Coaches und Hollywood-Stars einig. Und das sind sie sich nur bei ganz wenigen Dingen. Ähnlich wertvoll dürfte auch ein gesundes Selbstbewusstsein sein. Interessant ist gleichsam, dass die Arroganz eine Eigenschaft ist, von der man sich laut einhelliger Meinung fernhalten sollte, obwohl deren Form und Wirkung nur schemenhaft von denen der beiden vorherigen Tugenden abzugrenzen ist. Gut, als Semantiker lässt sich dem Selbstbewusstsein trotzdem einiges abgewinnen, wenn man es nicht in der landläufigen, sondern einer buchstäblichen Weise interpretiert und also darin schlicht ein waches Bewusstsein für das eigene Dasein, dessen Form und Wirken versteht. Aber Selbstvertrauen und Arroganz, da wird es mit der Abtrennung leicht einmal schwierig. Und so scheiden sich wohl auch bei Muse, wie bei allen Bands, die sich mehr oder weniger oft einem musikalischen Größenwahn epochalen Ausmaßes hingeben, die Geister, ob da nun gesundes Selbstvertrauen oder doch eher selbstherrliche Selbstüberschätzung am Werk ist. Und weil da so oft "selbst" drin vorkommt, weiß ich es selbst auch nicht wirklich. "Black Holes And Revelations" ist allerdings ein starker Wegweiser in Richtung eines gespaltenen Urteils, das trotzdem in kaum getrübte Faszination ausartet.

 

Was zuvorderst dafür verantwortlich ist, ist die beinahe schizophrene musikalische Form des Albums, das sich zwar als einheitliches Trumm präsentiert, das auch durch die aufgeblasene Stadion-Rock-Machart hinreichend verstärkt, gleichzeitig aber mehr als ein halbes Dutzend künstlerischer Vorbilder sehr deutlich erkennen lässt. Entsprechend ergibt sich, global betrachtet, die Idealform eines Albums: Stilistisch und atmosphärisch wandelbar, gleichzeitig aber dank der musikalischen Herangehensweise trotzdem mit einem gemeinsamen klanglichen Unterboden, der den Eindruck einer zerrissenen LP verhindert. Wie eindrucksvoll die Briten das zustandebringen, verrät ein Blick auf die Singles, vor allem deren bessere Exemplare. Während nämlich Platinhit Supermassive Black Hole als funkiger Dance-Rock nach etwas klingt, das die Killers damals bieten hätten können, hätten sie davor noch schnell Maroon 5 verschluckt, bringen einem Map Of The Problematique und das ohnehin für Kritiker sakrosankte Knights Of Cydonia die theatralischere Seite der Band auf zwei diametral entgegenlaufende Arten näher. Hier der atmosphärische, voluminöse Synth-Rock als deutlichste Anlehnung an Depeche Mode, der die schillernden Elektronik-Melodien genauso gut stehen wie der zur Songmitte ausartende Paarlauf von Gitarre und Drums. Dort ein epochaler Space-Western, dessen Ernsthaftigkeit man nie endgültig einschätzen kann, der aber mit seiner melodisch komplexen und aufwendigen Instrumentierung alles bereithält, was man von einem sechsminütigen Epos erwartet.

 

Natürlich gibt es auch die anderen Singles, die uns direkt dazu führen, dass das vierte Album der Briten mitnichten fehlerfrei ist. Starlight klingt trotz markantem Riff dank der billigen Keyboard-Hook nach einem Abstecher in die weiten Täler Coldplays, ist entsprechend mäßig und nur durch markante Härteeinlagen im Refrain zu retten. Invicible zeigt einem mit schleppender Gangart und nicht enden wollenden Marching Drums dagegen genauso wie das kurze und trotzdem äußerst zähe Soldier's Poem, wie anstrengend die Band auch sein kann. Das vor allem dann, wenn man sich zwar atmosphärisch, nicht aber musikalisch exzentrisch gibt. Die Melodramatik ist all diesen Songs zwar anzuhören wie nichts sonst, die eher mauen Arrangements, die man gleichzeitig serviert bekommt, bedeuten aber eine schwergewichtige und pathetische Bewegungsarmut, die man sich gerne hätte sparen können.

 

Netterweise tut man das, wenn man auch nirgendwo sonst so ein Feuerwerk an Ideen aufgetischt bekommt wie im Closer Knights Of Cydonia. Das allerdings ist kein Nachteil, denn so viel dort mit Bläsersätzen, Effect Pedals, Keyboard und allerlei anderem Zeug herumgespielt wird, besinnt man sich in den meisten übrigen Songs auf eine geradlinigere Herangehensweise. Und so bekommt man quasi mit jedem neuen Song einen neuen Genreausflug, beginnend schon mit dem Opener Take A Bow, dessen frenetisches Zusammenspiel von röhrender Gitarrenriffs und flimmernden Synthesizern eine fast schon schmerzhaft offensive Hinwendung zum sphärischen Space Rock bedeutet. Das ist keine Enttäuschung, allerdings trotzdem ein Baustein in der schwächeren ersten Albumhälfte, die zwar zwei Highlights, sonst aber auch die erklärten Schwachpunkte der Tracklist in sich vereint.

Auf der anderen Seite beginnt mit den erratischen Gitarrenexzessen von Assassin, die beeindruckenderweise danach klingen, als wollte man System Of A Down Konkurrenz machen, eine Aneinanderreihung schwerwiegender Beweise für die Stärke des Trios. Denn Assassin punktet mehr als ordentlich mit den aufeinandertreffenden Gegensätzen chaotisch wirkender, langgezogener Instrumentalpassagen einerseits und ungewohnten Gesangsharmonien mit flehendem Unterton andererseits. An anderer Stelle bekommen mit Hoodoo auch all jene einen Beweis für den ohnehin zum Abschluss offensichtlichen Einfluss von Western-Soundtracks, entsprechend düsterer und spärlicher Gitarreneinsätze zum Songbeginn sei Dank. Dass das zur Halbzeit mit Glam-Piano in ein überbordend dramatisches Spektakel ausartet, ist dafür ohne Belang, wenn man auch ganz gute Nerven braucht, um diesen Umstieg problemlos zu verkraften. Um ein Vielfaches einfacher hat man es beim Trumpf-Ass des Albums, City Of Delusion, das ein arrangementtechnisches Meisterwerk darstellt und neben einer genialen Bassline dank der luftigeren Gitarren auch den nötigen Raum schafft, um die dickwandigen, mächtigen Refrains mitsamt den epischen Streicherparts nicht wie eine tödliche Dosis überlebensgroßer Theatralik wirken zu lassen. Stattdessen ist es ein perfekt austariertes Spektakel, das es noch dazu schafft, den dezent kitschigen, aber großartig klingenden Bläsersatz genau dann einzubauen, wenn man ihn hören will. Und als wäre das noch nicht genug, kann man zwar darüber streiten, ob der relativ minimalistische Text des Songs wirklich zu Bellamys besten gehört, so wie hier intoniert, kann man den Zeilen über Verschwörungstheoretiker und blindwütig Gläubige allerdings einiges abgewinnen:

 

"Stay away from me
Build a fortress and shield your beliefs
Touch the divine
As we fall in line

Can I believe when I don't trust?
All your theories turn to dust
I choose to hide
From the All-Seeing Eye"

 

Damit wäre der Glanzpunkt eines Albums gefunden, das zweifelsohne anstrengend sein kann, wenn man die Größenverhältnisse Muse'scher Musik generell nur schwer zu tolerieren weiß. Doch die Fülle an stilistischen Abzweigungen, die die Band auf "Black Holes And Revelations" einbaut und die souveräne Art, mit der sie diese umsetzt, sorgen für ein spektakuläres und eindringliches Ganzes, dem nur sehr selten wirklich die Ideen ausgehen. Wenn das passiert, hat man mit zäheren Minuten zu kämpfen, für die man aber immer mehr entschädigt wird, je länger das Album dauert. Der Rest ist exzentrische Theatralik, die nur dann zustandekommt, wenn deren Urheber mit verdammt breit geschwellter Brust an die Sache herangegangen sind. Rechtfertigungen dafür finden sich zur Genüge, selbst wenn man pingelig genug ist, um feststellen zu müssen, dass Western eigentlich ganz selten im Weltraum spielen und nicht jede Melodie dazu geeignet ist, mit Synthesizern zur Stadiongröße aufgepumpt zu werden.