Green Day - American Idiot

 

American Idiot

 

Green Day

Veröffentlichungsdatum: 20.09.2004

 

Rating: 8 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 24.10.2014


The Rise and Fall Of St. Jimmy oder Wie Billy Joe zum Rockstar wurde.

 

Nachdem wir uns ja alle so sicher sind, dass das hier das Album unserer Generation ist, wird's wohl Zeit diesem Standing endlich Rechnung zu tragen. Wie sagt mein Kollege mit dem M am Namensbeginn immer: "Jeder damals mit der Granate auf dem T-Shirt!" Ja, war schon ein Comeback der eindrucksvolleren Sorte anno 2004. Und dabei gehen gerade die so gerne genüsslichst schief. Aber Mr. Armstrong - weder der Mondmann, noch der Ex-Radler - war dann doch wieder ein paar Schritte näher am Rock-Himmel, hat die Charts belagert, die Grammys gecrasht und in Wahrheit auch alles andere gemacht, was einem so ein Erfolg eben ermöglicht. Viel wichtiger scheint, dass das Unglück rund um gestohlene Tapes, Erfolgsschwund und die Frage nach dem 'Was jetzt?' auch die Rock Opera auf eindrucksvolle Art wiederbelebt hat. Ein Hoch also auf unseren Helden St. Jimmy.

 

Dem folgen wir nämlich einfach mal 50 Minütchen auf seinem Trip durch die 'No Future'- und 'Everything Sucks'-Parolen von Billie Joe Armstrong. Zu Beginn vollkommen unbemerkt, wird doch der Titeltrack zur gänzlich storybefreiten Zurschaustellung punkigen Protests. Da reißt jemand auf die richtige Art an. Ein Song gegen Bush, gegen Cheney und eigentlich auch gegen sonst alles, was 2004 so unter dem Star Spangled Banner stand. Dank kernigem Riff und einer simplen Drum-Vorstellung zum Applaudieren markiert das auch gleich eine in aller Einfachheit gesagt großartige Eröffnung für die LP. Zu dem Zeitpunkt gibt man sich als Album-Neuling ohnehin freudig überrascht, findet doch der schon etwas überstrapazierte folkige Pop-Rock des Vorgängers keine unnötige Fortsetzung. Punk rules, schreien die ersten Minuten eher, auch wenn man ihn wohl selten so aalglatt gehört hat.

 

Tatkräftige Unterstützung folgt in dem, was schon allein als bandeigenes Magnum Opus reichen würde. Neunminüter Jesus Of Suburbia wird zur fünfteiligen Suite, die in ihrer Komplexität angriffigen Punk - mit ein bisserl Rockabilly hineingemixt -, gesittete Piano-Spielchen, dezente Akustik-Minuten und ein hymnisch-episches Finale zu einer nimmermüden Genialität vereint. Selbst der ohnehin grandiose Opener wirkt hier etwas blass dagegen, zeigt die Band doch in dieser dahinfließenden Darbietung eine Wandlungsfähigkeit und eine Vitalität, die nicht nur für Green Day eine positive Überraschung markiert. All das wird nur unterstrichen durch die konträren Textteile, die in verschiedensten Gewässern zwischen 'Fuck You' und wehmütiger Melancholie herumschwimmen, locker die Brücke zwischen

 

"Everyone is so full of shit

Born and raised by hypocrites

Hearts recycled but never saved

From the cradle to the grave"

 

und

 

"I don't feel any shame, I won't apologize

When there ain't nowhere you can go

Running away from pain when you've been victimized

Tales from another broken home"

 

schlagen.

 

Man ist beeindruckt, etwas verdutzt ob der unerwarteten musikalischen Macht, die einem gegenübersteht. Das gibt sich im Laufe der übrigen Songs. Die Band packt auch weiterhin aus, was zu finden ist. Zwischen den launigen Allerweltsrocker Holiday und das knackige Punk-Duo St. Jimmy und She's A Rebel drängt sich da zum Beispiel das atmosphärische Boulevard Of Broken Dreams, dessen Botschaft nach 30 Sekunden ausreichend dargelegt scheint, trotzdem aber auch vier Minuten später noch nicht alt wirkt. Dazu bringt man das zwischenzeitlich dank Intro-Percussions und Riff-Künsten dezent orientalisch angehauchte Extraordinary Girl, das zur kraftvollen Liebesballade mutiert. Dem folgt die musikalisch wie inhaltlich härtere Trennungsnummer Letterbomb und die allen bekannte, starke Akustik-Schnulze Wake Me Up When September Ends. Was alle eint, ganz egal in welche Richtung sie soundtechnisch denn nun marschieren, ist einerseits das offensichtliche Fehlen anfänglicher Brillanz, andererseits die beeindruckende Konstanz, mit der die Band hier auf verschiedensten Terrains ihrem Helden eine qualitativ hochwertige musikalische Bühne bieten kann.

 

Unterminiert wird das nur sehr vereinzelt. Give Me Novacaine sorgt mit seinem Versuch, ruhige Melancholie, drogenberauschte Vernebelung und im Refrain dann doch wieder harte gitarrenlastige Realität zu bieten, für eher ambivalente Urteile. Ähnlich schaut's mit dem zweiten Epos im Epos, dem schwierigen Homecoming aus. Man erwartet sich fast schon ein bisschen der vorher gebotenen Qualität und zu Beginn scheint ein zweites Jesus Of Suburbia sogar möglich, wenn Billie Joe zu starken Riffs direkt aus dem Garage Rock dahinsingt. Je länger das Ganze dauert, desto bizarrer wird das Schauspiel aber auch. Da steckt weniger Dramatik, dank den unterwältigenden Sangeskünsten von Mike Dirnt und Tré Cool - beide dürfen sich in einem Part des Songs verewigen - aber dann doch etwas Lächerlichkeit und Naserümpfen drin. In wohligere Gewässer geht's dann dank erneutem Wechsel am Mikro erst wieder im letzten Drittel. Kurz: Eine verpasste Chance.

Zum wirklichen Lowpoint mausert sich in Windeseile aber Are We The Waiting. Dort darf man sich neben dem störrischen Getrommel noch die schnulzigen Lyrics von Billie Joe anhören, die einen Weltretterkomplex á la Bono vermuten lassen und mitsamt dem mühsamen Background-Geheule ein ungutes Maß des Zuviel erreichen.

 

Gerade darauf herum zu reiten scheint aber alles in allem kaum angebracht. Vielmehr darf man die Band endlich einmal feiern. Nach mehr als einem Jahrzehnt konstanter Überbewertung des eigenen Schaffens wird man mit "American Idiot" endlich so ziemlich allem gerecht, was dem Album denn so zugeschrieben wird. Laut, aggressiv, episch, emotional, aussagekräftig, humorvoll, und, und, und. Nicht immer ist es penible Präzision, die Green Day hier zum Sieger macht, dafür ist viel eher der gezeigte Ideenreichtum und die ständig augenscheinliche Abwechslung verantwortlich. Das Trio verharrt nirgendwo länger als nötig und so verzeiht man ihnen den einen oder anderen kleinen Fehltritt, vor allem auch im Lichte der außergewöhnlich mächtigen Eröffnung der LP. Man hätte ja damals nicht mit Granaten-Shirt in der Gegend herumwatscheln müssen, das Album zu hören scheint schon viel eher ein kategorischer Imperativ zu sein. Ich lass also das schwülstige Gerede mal und sage einfach: Hut ab!

 


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