Snow Patrol - Eyes Open

 

Eyes Open

 

Snow Patrol

Veröffentlichungsdatum: 01.05.2006

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb & Mathias Haden, 12.07.2014


Ein U2 ohne Weltretter-Syndrom oder ein Coldplay ohne Sinn für Ausgewogenheit. So oder so, Snow Patrol bieten abgeklärten Pop-Rock.

 

Chris Martin ist schuld. Immerhin war's er, der mit "A Rush Of Blood To The Head" diesen Pop-Alternative-Stadion-Piano-Rock so en vogue werden hat lassen. Und genauso wie mit der Drum Machine in den 80ern oder den röhrenden Nirvana-Riffs in den 90ern macht's dann eben auch irgendwann jeder, was uns sogar 2012 noch in den Genuss bringt mit den Imagine Dragons einen dieser Coldplay-Klone serviert zu bekommen. Die Frage, die sich also bei all diesen Bands mit dem ach so außergewöhnlichen Sound stellt, ist keineswegs die nach der musikalischen Originalität, sondern nur die der gekonnten Umsetzung des bereits Altbekannten.

 

So auch bei Snow Patrol, die mit Gary Lightbody sogar in puncto Frontmann nicht so weit weg sind vom 'Original' und dementsprechend auch glatt produzierte Rock-Nummern mit angeblich gefühlvollem Balladen-Material zu kombinieren versuchen. Geht wie fast immer doch auf. So irgendwie. Denn so viele Fehler können einem dann auch im Jahr 2006 in dieser Disziplin nicht mehr passieren. Deswegen sind die stadiontauglichen U2-Gedenknummern You're All I Have, Hands Open und It's Beginning To Get To Me allesamt in Maßen animierend, in Maßen interessant, in Maßen als stark zu deklarieren. Denn zum einen sind verliebte Kitschtexte noch immer besser als Bonos ewiges 'Heal The World'-Gedudel, zum anderen bin ich vorsichtig mit Vorwürfen gegen Gitarrist Nathan Connolly, wenn Tracks mit einem Riff wie dem von Hands Open beginnen oder wie im Fall von Shut Your Eyes und Open Your Eyes - welch Zufall, dass es diese beiden sind - von perfekt einleitenden, ruhigen Akkorden eröffnet werden. Vor allem deswegen, auch nebenbei wegen der ein oder anderen sehr gelungenen Zeile, sind die pseudo-aggressiven Songs hier sicher eine nette Beschallung, die aber trotzdem nie, und damit meine ich nie, den Weg in Richtung wirklich großartiger Musik geht.

 

Mit dem Balladesquen schaut's weniger rosig aus. Dort bricht eine unüberhörbare Kitsch-Welle über einen herein, die weder in den übertriebenen Allerwelts-TV-Minuten von Chasing Cars positiv heraussticht, noch im merkwürdigen Xylophon-/Elektronik-Gemisch von You Could Be Happy oder dem fragwürdig leblosen Closer The Finish Line. Wenigstens mit dem großspurigen Duo Make This Go On Forever und Set The Fire To The Third Bar kann die Band das etwas ausbügeln. Die beiden Sehnsuchtssongs überzeugen vor allem wegen ihrer unterschiedlichen Herangehensweise. Einmal eine pompöse von Streichern, Klavier und Chor unterstützten Hymne, der Lightbodys unaufdringliche Stimme hilft, andererseits das mehr als gelungene Duett mit Martha Wainwright, das hier ein einziges Mal die Emotion spürbar macht, die wohl die ganze LP durchströmen sollte.

 

Gefühlvoll sind nämlich die lauteren Songs zu wenig, die ruhigen dafür oft zu sehr. So schafft's "Eyes Open" zwar doch mehr als einmal einen musikalisch zu überzeugen, vor allem dann, wenn Snow Patrol der Definition einer Rock-Band gerecht werden, bewegend kann man die elf Tracks aber kaum nennen. Es bleibt eine etwas kühle Performance, der man die Grundintention ständig anmerkt, genauso aber auch die durchwachsene Umsetzung. Denn abseits von Set Fire To The Third Bar kann man sich beinahe ausschließlich mit der Entscheidung herumschlagen, ob einem Gitarren in Stadion-Format oder abgehalfterte Möchtegern-Romantik lieber ist. Man entscheidet sich für Ersteres und behält mäßig melancholische Minuten im Kopf, die einem oft gefallen, aber nie das erreichen, was man sich wünschen würde.

 

K-Rating: 6 / 10

 


Abgeklärt, aber ohne wirkliche Hits – der Megaseller der bemühten Briten.

 

Eigentlich haben wir es ja gar nicht so mit den Kuschelrockern. Dass sich dann doch Künstler wie The Fray oder eben Snow Patrol unter die Feder schleichen, das kann nur der Omnipräsenz und der enormen Nachfrage nach ebendiesen Acts, wie man sie vor einigen Jahren gesehen hat, geschuldet sein. Lasst mich auch kurz den Gedanken des Kollegen weiterdenken: Mittlerweile haben Coldplay mit ihren überambitionierten Bombastalben die Gunst der Kritiker verspielt und die Jungs von The Fray oder Snow Patrol arbeiten an Alben, die sich zwar gleichzeitig gut verkaufen werden, aber auch niemand gehört haben wird.

 

Und irgendwie haben wir es dann doch mit den Kuschelrockern. Zumindest, weil das 2006 veröffentlichte Eyes Open weit weniger Angriffsfläche bietet als zuletzt The Fray. Immerhin schaffen es die Briten, ihrem Jammerlappen-Pop etwas rockige Würze mitzugeben. Freilich nichts Neues oder gar Originelles, aber das kann schon gut klingen. Gerade die 'stadiontaugliche U2-Gedenknummer' You’re All I Have schafft den Bogen vom üblen Kitsch zum berührenden Schenkelmitwipper und kann in gewissen Stunden beinahe Wunder bewirken. Auch die andere, vom Vorredner sicherlich nicht unberechtigt in diese Schublade gesteckte Nummer It's Beginning To Get Me hat ihre Momente. Zu den positiven Eindrücken, die man der LP entnehmen kann, gehören natürlich auch die beiden Eyes-Tracks mitsamt ihren packenden Einstiegen, die jedes Festival zum Kochen bringen.

 

Kommen wir nun zur anderen Seite der Medaille, den behäbigen Balladen. Hier fällt das Urteil zumindest etwas zwiespältig aus, denn Set The Fire To The Third Bar, das Duett mit Madame Wainwright steht der Band und insbesondere Frontmann Lightbody, dessen Stimme wie maßgeschneidert zum Dargebotenen passt, wie auf den Leib geschnitten. Anders, damit meine ich ganz anders, sieht es mit dem im selben Atemzug genannten Make This Go On Forever aus. Überlang, überproduziert und übermäßig mühsam zu schlucken. Dieser Fan-Liebling kann weder mit seinem wenig essentiellen Chor, noch seinem fast sechs minütigen Wehklagen Werbung in eigener Sache machen. Und auch wenn der melancholische Grundton Interesse weckt, verliert sich der Song schließlich viel zu sehr in seiner kaum glaubhaften Sehnsucht: "Please just save me from this darkness"

 

Der Meinung bezüglich den anderen Langweilern (The Finish Line) und grässlichem Kitsch (You Could Be Happy) kann ich mich bedenkenlos anschließen, an dieser Stelle möchte ich übrigens auch nicht verhehlen, wie ätzend ich den Radiodauerbrenner Chasing Cars nicht finde. Ich habe ja nichts gegen gepflegte Langeweile, aber dieses monotone und ebenso nichtssagende Ungetüm geht auf keine Kuhhaut.

 

Hoppla, letztlich vielleicht zwar weniger Angriffsfläche, zumindest ist ihnen die Konkurrenz aus den Staaten aber um die wirklichen Hits voraus. Die Briten machen es nicht schlecht, uns ihre lauwarmen Herzschmerznummern mit fetter Produktion um die Ohren zu hauen. Leider fehlen ihnen wirklich gute Songs, um auch nachhaltig zu überzeugen.

 

M-Rating: 5 / 10