Neil Young - Landing On Water

 

Landing On Water

 

Neil Young

Veröffentlichungsdatum: 28.07.1986

 

Rating: 3.5 / 10

von Mathias Haden, 10.12.2013


Onkel Neil legt mit diesem kreativen Armutszeugnis eine wahre Bruchlandung hin.

 

Jetzt ist es also doch passiert! Nach Bob Dylan hat sich jetzt der nächste Altmeister der vergangenen zwei Dekaden die Zähne am Zeitgeist der Achtziger ausgebissen. Ich weiß, dieses Achtziger-Gequatsche nervt tierisch, hat dieses kontroverse Jahrzehnt doch so manches Schmankerl und Weltklassehits hervorgebracht. Trotzdem kann man nur schwer wegleugnen, dass es auch einige der renommiertesten Künstler auf dem Gewissen hat. Nur selten hat der Stilwechsel vom schier unbegrenzten Spektrum der 70er in das enge Korsett des synthetischen New Wave-Pop geklappt. So sprach anno 1986 kein Mensch mehr über Neil Young, der vor zehn Jahren noch himmlisch verehrt wurde. Jetzt war es Zeit für all das, was früher und auch später keinen Platz mehr haben sollte. Da fallen einem temporäre Phänomene wie Duran Duran, der Culture Club oder aber auch konstante Größen und Kinder jener Zeit wie Bruce Springsteen oder Madonna und Michael Jackson ein, die in diesem Jahrzehnt Riesenerfolge hatten. Auch über R.E.M., die Smiths oder die Waterboys kann man sich eigentlich nicht beschweren.

 

Trotzdem gab es auch abseits vom Interesse der Medien einen Mann, der sich nicht hängen ließ und versuchte mit der Zeit zu gehen. So fielen seine Werke der frühen Achtziger, Trans und Re-Actor sehr elektronisch aus. Man merkte ihnen natürlich an, dass hier immer noch der nimmermüde Kanadier, und nicht etwa die Mannen von Kraftwerk oder New Order am Mischpult zugegen waren, dennoch hatten die beiden durchaus ihren Reiz. Nach einer kurzen Rückkehr zu Folk & Country kam mit Landing On Water, dem nunmehr 15. Studioalbum, wieder ein Schritt in die andere Richtung. Aber in welche Richtung eigentlich?

 

Jedenfalls nicht in die richtige. Egal, was es war, was Herrn Young dazu bewogen hat, dieses zehn Tracks fassende Zeugnis künstlerischer Unkreativität zu entwerfen, das tut wirklich weh. Wer auch nur den Hauch von Klassikern wie Cortez The Killer oder Heart Of Gold erwartet, der sollte sich diese LP sofort aus dem Gedächtnis löschen, es sei denn man ist Komplettist oder schlichtweg blinder Sympathisant des kriselnden Genies.

 

Wo fängt man am besten an zu kritisieren, wenn es nicht viel gibt, mit dem man im Ansatz zufrieden sein kann. Bleiben wir zuerst mal bei den positiven Aspekten. Derer gibt es insgesamt zwei: Zuerst das rundum solide Hard Luck Stories, das .... Tja, dazu kommt noch Hippie Dream, welches zumindest vom Text her überzeugen kann und einen Abgesang auf die verlorenen Hippieträume anstimmt ("And the wooden ships / Are a hippie dream / Capsized in excess / If you know what I mean"), aber dessen Mix eine kleine Katastrophe darstellt.

Dafür hört man hier viel, viel, was man nicht hören wollte. Young ist bemüht, den einzigartig dröhnenden, gitarrenlastigen Rock, den er zusammen mit seiner Hop On-Hop Off Begleitband Crazy Horse perfektionierte, mit den Zeitgeistsynthesizern zu mixen. Das Problem ist einerseits, dass besagte Crazy Horse gar nicht mit von der Partie sind. Und andererseits - was viel schlimmer ist - klingt es teilweise echt grausam.

 

Youngs Gesang ist irgendwo zwischen langweilig und nicht präsent, Synthies dominieren sämtliche Songs und das bizarre, fast schon greifbare Schlagzeug übertönt alles andere. Und wenn es dann mal tatsächlich zu Crazy Horse-artigen Gitarrenexzessen kommt, klingen diese sehr weit nach hinten gepresst und schlicht mies abgemischt.

 

Niemand hat erwartet, dass Onkel Neil 1986 wie ein Phönix aus der Asche steigt und ein neues Meisterwerk zaubert. Aber wieso um alles in der Welt schafften Cuts wie Bad News Beat oder I Got A Problem es, der kritischen Überprüfung standzuhalten und den Weg auf den finalen Mix!? Die anderen haben zumindest partiell anständige Texte (Violent Side, Weight Of The World), Touch The Night ist sogar als Ganzes gesehen immerhin unterer Durchschnitt, auf dieser LP ein großer Leistungsträger. Das faszinierende ist, auf die merkwürdigsten Minuten einer merkwürdigen Scheibe muss man mit Pressure (allein der Refrain) und Closer Drifter lange warten, mehr als große Fragezeichen hinterlassen diese mit Zeilen wie "A funny thing happened yesterday / I felt the pressure in a TV way" aber auch nicht.

 

Natürlich muss man das bis jetzt Verfasste an dieser Stelle ein bisschen relativieren. Würde man an einen Künstler wie diesen nicht bei jeder Veröffentlichung mit einem Riesenmaß an Erwartung an das Gezeigte herangehen, würde man die Musik wohl mit einem beiläufigen Seufzer abtun können (sofern man eine LP wie diese überhaupt kaufen würde).

Um es in aller Ehrlichkeit möglichst auf den Punkt zu bringen, ist das Album ein in belanglosem Rock eingemanteltes Armutszeugnis. Im direkten Vergleich mit Kollege Dylan könnte das sogar der kleinste gemeinsame Nenner sein, das schwächste Produkt der wenig Enthusiasmus einspielenden Bemühungen der beiden in den 1980er-Jahren.

 

Nein, bei jeglicher Sympathie, aber das war nun wirklich nichts. In dem unzählige Studio-, Live- und anderen Alben umfassenden Kanon des Neil Young ist es natürlich nicht einfach zu sagen, was denn nun das schwächste ist (Das beste lässt sich aber noch hundert mal schwerer finden). Landing On Water schreibt seine Empfehlung allerdings in fetten Lettern. Nicht einmal die genauen Kenntnisse über das Schaffen Youngs in diesen Jahren können einen Kauf dieses vermurksten Longplayers rechtfertigen. So legt er mit seinem fünfzehnten Werk eine Bruchlandung der bemerkenswerten Art hin, landet aber glücklicherweise im Wasser und kann sich bald darauf wieder aufrappeln.

 

Anspiel-Tipps:

- Hippie Dream

- Hard Luck Stories