Mitski - Be The Cowboy

 

Be The Cowboy

 

Mitski

Veröffentlichungsdatum: 17.08.2018

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 21.11.2018


Die Magie der perfekt inszenierten Romantik und Suche nach dem eigenen Glück.

 

Selbst Menschen mit erkennbarer kulinarischer Offenheit und Abenteuerlust werden eingestehen müssen, dass es da draußen Gerichte gibt, deren Zutatenliste allein dieses wohlige Gefühl sich anbahnenden Erbrechens verursacht. Schottlands Leibspeise Haggis ist dahingehend ganz weit vorne und ist noch dazu das Paradebeispiel dafür, dass man nicht einfach wahllos irgendwas zusammenpanschen sollte, will man wirklich Genießbares hervorbringen. Auf der anderen Seite gibt es genug Beispiele dafür, dass auch unorthodoxe Geschmackskombinationen genauso munden wie das eine oder andere Allerlei. Letzteres, quasi kann verlegenes Restemenü sein oder auch ein Best Of aller verfügbaren Ingredienzien. Gilt für die Musik genauso, wo sich nicht automatisch jede Vermählung erfolgreicher Genres als hörbar herausstellt und man eher weniger dazu raten würde, sich die Charakteristika von einem Haufen bekannter Musiker zusammenzusammeln, um daraus etwas eigenes zu basteln. Aber es kann funktionieren und im Falle von Mitski gerät das so meisterlich, dass man fast schon vergisst, wen man da eigentlich alles heraushört.

 

Dem kristallinen und jeglichem angestaubten Daseins fernen Klang ist es zu verdanken, dass man sich nicht wahnsinnig weit in die Vergangenheit begeben muss oder kann bei der Suche. Sagen wir so, Prä-Björk braucht das Namedropping nicht beginnen. Die Isländerin ist allerdings ein guter Anker, auch wenn der Background klassischer Klavierausbildung bei Mitski zumindest musikalisch weniger Überschneidungen zulässt. Aber die Aura des Poetisch-Mystischen, die Björk seit den späten 90ern umgibt, kann Mitski durchaus auch kreieren. Vereinzelt und auf dieser LP nicht einmal songweise, aber eben doch. Dazu gesellt sich ein Hauch von St. Vincent, der mit "Be The Cowboy" und dessen wandlungsfähigem Einsatz von Bläsern und vor allem Synthesizern hier erstmals durchscheint, andererseits schon durch die mit dem Vorgänger gefundene Liebe zu röhrenden Riffs aus dem Garage-Rock- und Punk-Eck angedeutet wurde. Der wiederum ruft auch Angel Olsens zweite LP ins Gedächtnis, was besser ist, weil sich mit dem Engel aus Illinois größere Gemeinsamkeiten puncto atmosphärischer Zerbrechlichkeit und gleichzeitig angriffiger Romantik finden. Irgendwo kommt einem auch Regina Spektor in den Sinn, einfach weil Mitski in Old Friend und insbesondere Me And My Husband ihr Klavier und die rhythmische Eigenwilligkeit ins Zentrum rückt. Wer noch dazu in den ersten Sekunden von Geyser oder dem abschließenden Two Slow Dancers an kirchliche Orgelklänge erinnert wird, versteht auch, warum die von mir mittlerweile exzessiv referenzierte Ramona Lisa wieder genannt werden muss.

 

Was sagt uns all das? Genau, nichts! Weil Mitski spätestens mit diesem Album so viel mehr ist als diese Einzelteile und sie diese so grandios zu einem kunstvollen, wandlungsfähigen Ganzen formt. Man wird schon zu Beginn so mühelos von einem atmosphärischen Setting ins nächste geleitet, erlebt den majestätischen, an Madonnas spirituelle Ausritte erinnernden Anfang von Geyser, dessen Wechsel von schwelenden Orgel- und zaghaften Klavierklängen hin drückenden, aber nie zu dominanten Gitarrenriffs zwar nicht abrupt, aber trotzdem unerwartet kommt. An Intensität bleiben sich beide Seiten nichts schuldig, genauso wie der hymnenhafte Charakter des Openers durch das laute Aufwallen zur Songmitte nur verstärkt wird. Darauf folgt nicht etwa eine Fortsetzung, sondern stattdessen der unwiderstehliche galoppierende Rhythmus von Why Didn't You Stop Me? und dessen Indie-Charme, der mit schrägen Synthesizer-Spuren ausgeschmückt wird. Und dann wiederum bekommt man mit Old Friend eine zwar vergleichsweise durchschnittliche Pianoballade, der die glitzernden Keyboard-Klänge sicher nicht helfen, die aber trotzdem einen wirkungsvollen emotionalen Schwenk bedeutet.

 

Was soll man also von ihr halten, der souveränen US-Amerikanerin mit japanischen Wurzeln? Vielleicht muss man nicht genau wissen, was es ist, aber dann doch, dass sehr viel von ihr zu halten ist. Denn das Album ist ein glorreicher Streifzug durch die zwischenmenschlichen Beziehungen und das Sichzurechtfinden darin, ohne auch nur in einer Sekunde dem Kitsch oder der Übersteigerung zu verfallen. Im Gegenteil, Mitski punktet ganz gewaltig mit einem bissigen Blick auf sich selbst und die Leute um sie herum, wenn sie beispielsweise in Lonesome Love niedergeschlagen feststellt:

 

"I'll call you, to see you again
So I can win, and this can finally end
Spend an hour on my makeup
To prove something
Walk up in my high heels
All high and mighty
And you say, "Hello"
And I lose"
Lockerheit ist trotzdem eine seltene Qualität der versammelten Songs, was als Gegenteil eines Makels zu verstehen ist. Fern jeglicher Melodramatik wirkt kein Song hier frei von emotionalem und gedanklichem Ballast. Selbst das verspielte Me And My Husband klingt in seiner lieblichen Romantik eher bittersüß und wie ein Blick zurück auf kindliche Träumereien. Resigniert wird trotzdem nicht, stattdessen gelingt mit dem Amalgam der Sounds auch eine beeindruckend effektive und konturstarke Verbindung unterschiedlicher Stimmungen. Aus dem schwermütigen, schleppenden Dream Pop von Come Into The Water spricht seelenruhige Erfüllung genauso wie eine ernüchterte Stille. Nobody wiederum schließt konträr an, liefert musikalisch mit einer gewaltigen Mischung aus funkigen Disco-Anleihen und beschwingtem Piano-Pop eine unbekümmerte Aufbruchsstimmung, die sich trotzdem reibungslos mit dem textlichen Hadern mit dem Status Quo und Flehen nach dem "honest kiss" verträgt. Und dann bekommt man es irgendwann noch mit Washing Machine Heart zu tun, dessen pulsierende Retro-Elektronik Mitskis offiziellen 80er-Moment bedeutet und dessen Titel eine wunderbare Ambivalenz gegenüber der Liebe offenbart.
Über oder besser in all dem tobt sich Mitski stimmlich weniger aus, als dass sie mit ihrer seidenweichen, zwischen hellen Serenaden und tiefem, beinahe murmelnden Gesang schwebenden Performance den einenden Ankerpunkt der LP markiert. Hoch anzurechnen ist es ihr dahingehend, dass sie mitunter verdammt weit auseinanderklaffende musikalische Ideen mit einer emotionalen Ambivalenz und Schwere ausstattet, dass man die Tracklist als zusammenhängende Einheit begreifen kann und das dramatische, rein dem Klavier überantwortete A Horse Named Cold Air kein störender Kontrast zum folgenden Washing Machine Heart oder dem am Country-Rock anstreifenden Blue Light darstellt.
Glänzend wie Gold ist da wie üblich trotzdem nicht alles, gerade Blue Light schwimmt ähnlich wie das behäbige Pink In The Night eher gemächlich und im direkten Vergleich ohne jede vereinnahmende Qualität dahin. Und trotzdem reicht es nicht zu ausdrücklichen Schwächephasen, weil sich die meisterliche Arbeit im stimmigen, klanglich abgerundeten Arrangieren auch in den weniger speziellen und erinnerungswürdigen Minuten zeigt. Mit anderen Worten hat Mitski ein unfassbares Gefühl für den passenden Sound, für die markante und trotzdem harmonische Ausgestaltung ihrer Songs. Gepaart mit der Tatsache, dass sie diesmal ihr musikalisches Arsenal deutlich erweitert, beziehungsweise ihre früheren stilistischen Ausflüge auf "Be The Cowboy" erfolgreich in einer LP zusammengeführt hat, bedeutet das ein klanglich ziemlich buntes Album, das sich allerdings allein schon stimmungsmäßig in keinen Neonfarben, sondern eher düster angehauchten Pastelltönen entfaltet. Man bekommt viele Schichten serviert, ohne dass einem eine davon geschmacklich dazwischenfunken oder das Gesamtbild auch nur im Ansatz seiner Qualität berauben würde.