Lorde - Melodrama

 

Melodrama

 

Lorde

Veröffentlichungsdatum: 16.06.2017

 

Rating: 8 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 01.02.2018


Die neue Königin des Elektronik-Pop kreiert Songs in schillernden Farben und doch voll Einsamkeit.

 

Die generelle Begeisterungsfähigkeit eines Menschen ist wahrscheinlich direkt verantwortlich dafür, wie sehr er sich von aktuellen Trends und den Jubelstürmen anderer mitreißen lässt. Manche sind ja geboren, um allem, was ein einigermaßen wahrnehmbares Beliebtheitslevel erreicht, blind nachzulaufen. Nachdem das mit dem begeistert Sein keine meiner prägendsten Eigenschaften zu sein scheint, ist mir zumindest die Freiheit von unerwarteter Verblendung gegeben und manch - also fast jeder - Trend geht an mir vorbei wie der sprichtwörtliche Kelch. Das entspannt, stiehlt einem weit weniger Zeit als die gegenteilige Erscheinung und ist auch durchaus hilfreich bei dem, was man generell als Kritikertum bezeichnet. Ansonsten wäre wohl auch die Anerkennung für ein Album wie "Pure Heroine" größer gewesen, die Masse war sich immerhin einig, dass da was Großes geliefert wurde. Vier Jahre später ist man sich noch sicherer und siehe da, die Lücke schließt sich.

 

Weil auch ich nunmehr überzeugt bin. Nicht von der Person hinter Lorde, die soll sein, dabei aber mich in Ruhe lassen. Die Musikerin Lorde dürfte allerdings wirklich mit das Talentierteste sein, was der Pop in diesem Jahrzehnt anzubieten hat. "Melodrama" unterstützt diese Behauptung einfach sehr eindrucksvoll, zumindest phasenweise. Wer mit Green Light beginnt, kann dann auch nur mehr sehr schwer verlieren, so viel ist sicher. Dass man da zumindest atmosphärisch großspurigem Material beiwohnt, erkennt man nach ein paar Sekunden an den schallenden, kristallklaren Klavier-Akkorden, über denen sich Lordes kantige Stimme ausbreitet. Dass man auch großartigem Material beiwohnt, erkennt man spätestens dann, wenn die Ablöse dessen durch einen pochenden Hip-Hop-Beat und eine dynamische Piano-Hook folgt. Es ist eine magische Balance aller eingesetzten Mittel, die die Neuseeländerin dabei findet, mit der sie auch problemlos die Brücke vom melancholischen Kern des Songs zum partytauglichen, trotzdem kaum aufdringlichen Korsett schlägt. Genau das soll sie sein, die Stärke einer LP, die sich musikalisch zu gleichen Teilen auf den Tanzflächen bewegt und ein beneidenswertes Gefühl für die Verhältnismäßigkeit der elektronischen und orchestralen Hilfsmittel findet, die aber textlich vor allem einen einsamen, melancholischen Exzess darstellt.

 

Dass dem so ist, merkt man als Zuhörer allerspätestens mit dem besten Track und riskantesten Auftritt der Sängerin, dem berührenden Liability. Dass die bisweilen zwischen schwierigem Hedonismus und ähnlich anstrengendem Weichspül-Zynismus pendelnde Lorde eine berührende Piano-Ballade mit ihrem zerbrechlich zurückhaltenden Gesang so gewinnend interpretieren kann, ist unerwartet. Der Text macht es allerdings:

 

"The truth is I am a toy that people enjoy

'Til all of the tricks don't work anymore

And then they are bored of me

I know that it's exciting running through the night

But every perfect summer's eating me alive until you're gone

Better on my own"

 

Dass sie damit alsbald fast jede kindlich-naive Qualität aus ihren Songs verbannt, hilft enorm, um die gleichermaßen präzisen wie romantisierend angelegten Arrangements der Neuseeländerin erfolgreich auszustaffieren und ihnen ihre Legitimation zu verschaffen.

 

Es bleibt nämlich ein relativ einsamer Ruhepol, der zwar mitnichten von Hyperaktivität umkreist wird, sich aber allein gegen die Hip-Hop-Einflüsse und die zwischen 80ern und heute umherwandernden Synths durchsetzt. Letztere haben aber durchaus viel für sich, wenn sie in passende Form gebracht werden. Lorde gelingt das häufig genug, unter anderem mit dem dahinschwebenden 80er-Moment Supercut, dessen schimmernde Synthie-Dissonanzen zusammen mit dem wuchtigen Beat nur deswegen nicht "No Jacket Required" in Erinnerung rufen, weil Phil Collins immer kitschiger geklungen hat und der makellose Umgang mit Stimmmanipulationen und abrupten Wechseln zwischen sanfter Akustik und aufdringlichem Elektronik-Gewand gleichzeitig fähiger und unpersönlicher wirkt als die Arbeit des 80er-Kitsch-Meisters. Etwas wohler dürfte sie sich ohnehin in der Gegenwart fühlen, was relativ rasch dazu führt, dass man die überall eingebauten Hip-Hop-Anleihen bald als wichtiges Asset der Songwriterin wahrnimmt. Summa summarum klingt Lorde damit im Falle des schwer zu entgehenden Closers Perfect Places wie die potenzierte Qualität von Lana Del Rey und Taylor Swift 2.0, indem sie sich zu gleichen Teilen am beschwingt-lockeren Synth Pop und dem schwermütigen Dream Pop vergeht, beide reibungslos zu einem Ganzen formt. Wie mühelos sie da die mächtigen Hooks aus dem Klavier herauslockt, ist ähnlich eindrucksvoll wie die nicht zu verbessernde Unterstützung durch Bläsersätze im unterkühlt instrumentierten Sober, dessen hypnotischer Beat sich ansonsten nur bedingt mit den verzerrten Stimmspuren verträgt.

 

Es verträgt sich ohnehin nicht alles immer. Auch wenn nämlich die gemachten Schritte seit dem Debüt allzu offensichtlich sind, so erkennt man auch die Spuren des allzu gleichförmigen Vorgängers immer wieder und bleibt gerade dann etwas ernüchtert zurück. Homemade Dynamite und der über die Maßen minimalistisch aufgebaute Doppel-Song Hard Feelings / Loveless versprühen weniger genialen Esprit, sondern eher den Duft wohlgeformter Langeweile, durchzogen von durchwachsenen Soundentscheidungen, die selbst im überladenen Outro von Hard Feelings keinen positiven Eindruck hinterlassen wollen. Genauso wie man sich beim Liability (Reprise) fragt, warum denn nun eine verletztliche, fragile Klavier-Ballade wie Liability einen so gewöhnlichen, unspektakulären Elektronik-Schläfer als Bruder bekommen muss.

 

Das sind allerdings eher Nebenerscheinungen, als dass sie den Gesamteindruck, den "Melodrama" hinterlässt, bestimmen würden. Mit ihrem zweiten Album hat es Lorde viel eher geschafft, das Bild einer rundum fähigen Songwriterin zu komplettieren, die problemlos mehr als ein musikalisches Revier abgrasen kann und sich in den Nuancen ihrer Kompositionen nicht verliert, sondern gerade durch produktionstechnisches Feintuning gewinnt. Atmosphärisch ist die LP deswegen nicht unbedingt breiter gefächert als das Debüt, doch von überbordender Gleichförmigkeit kann musikalisch keine Rede mehr sein, trotz der stilistisch fest geschlossenen Tracklist, die dem Gardemaß des modernen Elektronik-Pop entspricht. Gepaart mit der nicht nur verfeinerten, sondern schlicht der platten jugendlichen Schlagfertigkeit entrissenen Lyrik, ergibt sich so ein zum größten Teil formvollendetes Pop-Album, dem es in den entscheidenden Phasen an Konstanz und Songs mit Lizenz zum sprachlos Machen mangelt. Das kann man aber noch nachholen, wenn man erst einmal dort thront, wo Lorde mittlerweile angekommen ist.

 

Anspiel-Tipps:

- Green Light

- Liability

- Perfect Places