Lorde - Pure Heroine

 

Pure Heroine

 

Lorde

Veröffentlichungsdatum: 27.09.2013

 

Rating: 7 / 10

von Mathias Haden & Kristoffer Leitgeb, 25.08.2017


I live in a hologram with you - Der verheißungsvolle Auftakt einer gefeierten Jung-Millionärin.

 

Vorhang frei für die Frau der Stunde! Nicht Beyoncé, nicht Kim Kardashian und erst recht nicht Theresa May. Und das obwohl Ella Marija Lani Yelich-O'Connor diesen namhaften und immerzu im Rampenlicht stehenden Damen vor allem im namhaft Sein und stets im Rampenlicht Stehen bislang offensichtlich Lichtjahre hinterher hechelt. Zugegeben, den Künstlernamen Lorde trägt die Neuseeländerin nun auch schon einige Zeit, gerade aber ihre Entscheidung, nach ihrem die moderne Pop-Landschaft prägenden Hit-Debüt Pure Heroine für einige Zeit von der Bildfläche zu verschwinden und sich auf ihr zweites, umjubeltes Studioalbum (Melodrama) zu konzentrieren, machte die junge Teen-Sensation endgültig zum Superstar von 2017.

 

Heute werden wir aber vorerst dem Erstwerk ein paar Worte widmen. Einem Album, dem wir, ohne es zu wissen, einiges mitzuverdanken haben - Gutes wie Schlechtes. Zum Beispiel die Entwicklung, dass sich plötzlich jede selbstbewusste Trällerelse mit hauchdünnem Stimmchen zu sparsamen elektronischen Beats zwischen Pop und Hip Hop in die Herzen der Hitparade singen konnte. Also im Prinzip das, was der liebe Kollege besonders an der etwas früher angekommenen Lana Del Rey so sehr liebt. Andererseits ist es genau Lordes lässige Attitüde, die immerhin einen Kontrast zu Miley Cyrus-Aufmerksamkeitsbuhlen und Lanas narkotischer Extravaganz darstellte und den Trend, sich irgendwie vom Rest abheben zu müssen, ein wenig abkühlen ließ.

 

Same same but different, mögen clevere T-Shirts zu diesen transparenten Parallelen sagen. Dabei wirkt Lordes Herangehensweise deutlich entschlackter und on point. Gemeinsam mit dem tatkräftigen Produzenten Joel Little verpackt die zu Zeiten der Aufnahmen 16-Jährige ihre juvenilen Erfahrungen in kühle Arrangements mit drückendem Bass und unaufgeregten Beats. Noch weniger aufgeregt wirkt aber die junge Protagonistin, die in dem elektronisch minimalistischen Pop-Potpourri aufblüht. Eigentlich schon bei der adoleszenten Opener-Hymne Tennis Court, nicht minder aber bei der folgenden Hit-streak, die sich von 400 Lux mit den coolsten Sirenen des 21. Jahrhunderts bis hin zum von Handclaps und wabernden Synthesizern angetriebenen Team, immerhin dem sechsten von zehn Tracks, zieht. Die Hooks geben sich dazwischen immer höchst eingängig und ergiebig, ob am soziokritischen Smash-Hit und Millionenseller Royals, dem neben den ganzen Verkaufsschlagern sträflich unterschätzten Ribs mit seinem immer wiederkehrenden, hypnotischen Sequenzen oder dem gar nicht so heimlichen Herzstück der LP, Buzzcut Season, das neben einer für ihr Alter verdammt starken Sängerin auch eine außergewöhnlich begabte Songwriterin zur Schau stellt.

 

Obwohl es Lordes selbsterklärtes Ziel war, die LP mit möglichst wenig Füllmaterial und abgespeckter Laufzeit zu veröffentlichen, wird man letzten Endes aber doch den Verdacht nicht los, als wären die finalen Stücke schließlich genau das. Hier erzählt die Neuseeländerin von White Teeth Teens und ihrer Taktik, im wirren Pop-Zirkus nicht den Verstand zu verlieren (Still Sane). Zu diesem Zeitpunkt textlicher Banalitäten erschöpft sich leider auch der am Anfang so erfrischende Aha-Effekt zunehmends.

 

Nichtsdestotrotz liefert die Sängerin mit ihrem Debüt ein Versprechen, das sie nach vier Jahren nun offensichtlich auf beeindruckende Weise eingelöst haben mag und das gerade im Rückspiegel ebendieser Zeitspanne eine ganz eigene Magie offenbart. Pure Heroine ist Teen-Angst, bodenständiger Kitsch und die Lebensrealität einer 16-Jährigen - verpackt in diesen über weite Strecken exzellenten Tracks aber ein verheißungsvolles Statement und eine Warnung an die Konkurrenz. Weil ich dem Kollegen bei seiner Wertung hier nicht so ganz vertrauen mag, spendiere ich noch einen halben Extrapunkt. Bei Dumbledore hat sich ja auch niemand beschwert.

 

M-Rating: 7.5 / 10

 


Weniger minimalistische Pop-Rettung, mehr auf CD gebanntes Potenzial.

 

Ich bin kurz davor in mir einen elendigen Sexisten zu sehen. Aus irgendeinem Grund reißt die moderne, erfolgreiche Damen-Riege bei mir keine Wände ein. Zur Rehabilitierung, der Thron in meinem Musikreich ist weiblich besetzt und ich schätze immerhin Adele, wenn auch nicht albumumspannend, Amy Winehouse und Angel Olsen als Leuchttürme der organischen Musik inmitten synthetischer Klänge. Lorde dagegen versucht das Organische im Synthetischen zu finden und landet, wo sie alle damit landen.

 

Nämlich bei einem bemühten Debüt mit starken Grundzügen. Revolutionär ist an diesen trotz aller Jubelstürme über Pop-Rettungen wenig. Die Formel lautet musikalisch effektiv: The xx - Jamie xx + Lana Del Rey. Also dieses pseudo-verträumte Elektronikgemisch rund um alleingelassene Beats, nur hier ohne nachhallende Gitarrenklänge und dafür mit dem ganzen rhythmischen Beat- und Synthesizer-Schnickschnack aus dem Hip-Hop. Passt vielleicht besser zu der Neuseeländerin und offenbart zumindest in der Albummitte unüberhörbare Stärken. Das dezente Winehouse-Channeling in Welthit Royals wird dem trotz des unwiderstehlich zusammengestückelten Refrains noch nicht ganz gerecht, immerhin ist es aber eine gelungene Bewährungsprobe für die Sängerin und die Texterin in Lorde gleichermaßen. Trotzdem müssen vor allem die pochenden Beats stimmen, möglichst wenig aufdringlich erklingen und sich mit den spärlichen rundherum platzierten Keyboards, Claps und anderem Beiwerk zu etwas vermengen, das Atmosphäre entstehen lassen kann. Können effektiv nur Ribs und Buzzcut Season, moderat überraschend die Tracks, die am ehesten nach The xx klingen. Das allerdings ist ohne einen Funken Kritik geschrieben, sondern als Lob in der Hinsicht zu verstehen, als dass Lorde und den helfenden Händen im Studio die Vermählung der schüchternen Ästhetik der Briten, einer zögerlichen R&B-Nähe und der Dynamik der Hip-Hop-Einflüsse gelungen ist.

 

Ansonsten hört man entweder Team und damit beinahe pastorale Töne hinter der gleichermaßen natürlichen und befremdlichen Abrechnung mit dem Showbusiness. Oder aber man wird mit klanglichen Mäßigkeiten versorgt. Tennis Court, ja, mag gefeiert werden. Es könnte aber eben trotzdem auch einer dieser Del-Rey-Songs mit latentem Drogendunst sein. Die quietschigen Stimmspielereien Glory And Gore streifen am Anstrengenden an, Still Sane dagegen an der schlichten klanglichen Langeweile, der weder stimmlich noch textlich irgendwie beizukommen ist. Die Sirenenklänge aus 400 Lux - Marke "Bombenalarm, wenn der Sirene die Batterien ausgehen" - sind dann eigentlich weder Draufgabe noch sonst irgendetwas, sie sind einfach da. 

 

Möglicherweise bräuchte es einfach ein größeres Verlangen nach den lyrischen Ergüssen einer 16-Jährigen. Jetzt ist Lorde im Vergleich eine äußerst talentierte und, ihren Texten nach zu schließen, verhältnismäßig reife Jugendliche. Beim Gedanken an mögliches eigenes Geschreibsel in dem Alter steigt in mir das Grauen auf. Aber es ist eben doch eine 16-Jährige und selbst ein kritischer Blick auf Sein und Schein der Stars macht das Thema nicht interessanter, genauso wie ein zynisches Augenzwinkern bei jeder romantischen Avance noch keine Großtat ist, auch nur bedingt Authentizität versprüht. So bleiben ein gutes Debüt, das unter so vielen guten Debüts vielversprechender Damen im Pop und darüber hinaus, und weiterhin der Satz "This is so opulent, but it's also bullshit." als Beschreibung von Lana Del Reys Texten als ihre bis dahin größte Leistung.

 

K-Rating: 6.5 / 10

 

Anspiel-Tipps:

Ribs

Buzzcut Season

Team