Flogging Molly - Swagger

 

Swagger

 

Flogging Molly

Veröffentlichungsdatum: 07.03.2000

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 02.07.2014


Ein kleines, aber allzu feines Stück Irland in der sonst einförmigen Punk-Welt.

 

Ach, die Iren, ein lustiges Völkchen. Und ein musikalisches. Sie haben uns immerhin Thin Lizzy gebracht, für die etwas softeren Van Morrison und für die ganz soften Enya, Sinéad O'Connor oder Snow Patrol. Was fehlt ist natürlich U2, die Stadion-Rock-Allmacht der letzten Jahrzehnte. Nachdem die aber diese Woche ohnehin vom Kollegen hinreichend kritisiert werden, wende ich mich anderen Welten zu. Denn Tatsache ist: All diese haben mit Irland so viel gemeinsam wie anno dazumal Falco mit Österreich oder Nico mit Deutschland. Wer also wirklich ein wenig Irland erleben will, diese Insel hinter der britischen mit all den Kobolden, Goldtöpfen und Religionskriegen, der sollte vielleicht Dave King und seinen Kollegen eine Chance geben. Auch deswegen, weil Punk dieser Tage selten so einfalls- und abwechslungsreich klingt, wie es einem die Fake-Iren vormachen.

 

Fake-Iren deswegen, weil nur Sänger Dave King sich wirklich als Old Irish bezeichnen darf, die andern nur fade Amis sind. Ist aber egal, denn mit ihrem kraftvollen Celtic Punk und den vielsagenden Texten vom Frontmann lässt man ihnen das schnell als 'white lie' durchgehen. Vielleicht sollte man aber auch das Punk-Label hinterfragen, denn in dem Septett steckt eigentlich schon zu viel, um in diesem, bei aller Sympathie doch sehr eindimensionalen, Genre dahindarben zu müssen. Mit ihrer Violine, ihrem Akkordeon, Banjo, Mandoline und dem Gesangstalent von King an vorderster Front tun sich etwas zu viele Facetten dafür auf. Der Beweis gelingt früh: Schon Opener Salty Dog und Selfish Man breiten einem gleich viele der so positiven Seiten der Band aus. Beide mit kurzem Violin-Intro als Vorgeschmack auf die nächsten Minuten, in denen sich auf überraschend starke Art die harten Drums mit Streicher und Akkordeon vertragen und dazu John Donovan als vielseitiger Gitarrist überzeugt. So wird man im eröffnenden Sea Shanty sofort in einen irischen Pub gezogen, in dem der Kunst des alkoholbefeuerten Feierns nachgegangen wird. Mit viel Power, einer erfrischenden Lockerheit und diesem ureigenen Sound, der sie auch ganz eindeutig von den Dropkick Murphys abhebt, punktet die Band sofort.

 

Diese guten Qualitäten bleiben, erfreuen sich aber noch äußerst guter Gesellschaft. The Worst Day Since Yesterday überzeugt als mit Akkordeon verfeinerte Akustiknummer zwischen, im positiven Sinne lustlosem, Galgenhumor und beinahe schon so etwas wie Hoffnung. Während ein kurzes Gitarrensolo hier vielleicht zum falschen Zeitpunkt kommt, ist es wieder einmal die großartige Instrumentation und Dave Kings kerniges Organ, das ohne Abstriche überzeugt. Dazu kommt die lockere von Bridget Regan an der Tin Whistle unterstütze Mid-Tempo-Einlage von The Ol' Beggars Bush oder eine etwas deplatzierte, aber ohne Frage starke, weil auch kurze, A Capella-Performance von Grace Of God Go I, in der einmal mehr Dave King ein wenig für sich Werbung macht.

 

All das bringt "Swagger" in die beneidenswerte Lage kein Langweiler zu sein. In puncto Kurzweiligkeit und Frische können nur wenige Punk-Alben, auch nicht die übrigen der bandeigenen Diskographie, mit dieser Platte mithalten. Das bringt den Hörer wiederum in die beneidenswerte Lage die schnellen, kraftvollen Punk-Tracks der Truppe durchwegs sehr schätzen zu können. Säufer-Song Every Dog Has It's Day, ein kleiner Einblick in Kings Kindheit mit Life In A Tenement Square oder die auf allerbeste Art treibende Party-Hymne Devil's Dance Floor, alles, was sie hier im hochenergetischen Bereich anfassen, wird zu Gold oder kommt zumindest in die Nähe. Das Magnum Opus im Magnum Opus der Band ist so auch sicher Black Friday Rule. Dort packt die Band in sieben Minuten wirklich alles hinein, was sie zu bieten hat, liefert einen Top-Beat, den mit Sicherheit besten Auftritt von Gitarrist Donovan und wohl auch letztlich die besten Zeilen, die sich unter den vielen guten hier finden lassen. Kings Geschichte von seinen Problemen nach seinem Umzug in die USA wirkt emotional, ehrlich und schafft es trotzdem nie kitschig zu klingen, ist also so ziemlich perfekt. Immerhin bekommt man auch Zeilen wie diese:

 

"And for every tear that is lost from an eye

I'd dig me a well where no man could destroy

I want to believe in a freedom that's bold

But all I remember is the freedom of old

 

I've been down in this world, down and almost broken

Like thousands of people, left standing in their shoe

I've been down in this world, down and almost broken

As thousands they grieve, as the Black Friday rule"

 

Das, kombiniert mit einem großartigen Gitarrensolo und dem Violin-dominierten Outro, macht in der Gesamtrechnung schon sehr viel.

 

In Albumlänge leidet ebendiese Rechnung zumindest ein wenig an den ruhigeren Minuten der LP. Dort beweist die Band zwar einerseits, dass sie mit Sicherheit nicht eindimensional ist, kann aber abgesehen von The Worst Day Since Yesterday auch nicht wirklich mit ihren erfolgreichen lauten Ausbrüchen mithalten. Far Away Boys ist ein ordentlicher Closer, klingt vor allem textlich verdammt nach Bob Dylan, und auch The Ol' Beggars Bush macht seine Sache als Stilbruch mittendrin gut, beide fesseln einen aber weniger, als dass sie einem 'nur' ein goutierendes Nicken abringen können. Der eine einsame Fehltritt auf diesem Terrain bleibt aber These Exiled Years, in dem die Band jegliche Energie und auch die Harmonie des übrigen Albums vermissen lässt.

 

Drückt man hier ein Auge zu, erwartet einen aber ein ziemlich eindrucksvolles Studiodebüt, dem der Begriff 'well-crafted' steht wie wenigen anderen Erstversuchen. Die Band deckt alle wichtigen Attribute ab, wirkt frisch, mal ernst, mal ausgelassen, mal mit Punk für jede Barschlägerei, mal mit ruhigen Verschnaufpausen, hat eine LP geschaffen, die gleichsam locker, vielschichtig und fokussiert wirkt. Alles in allem - und da hab' ich mich noch gar nicht so sehr über Dave Kings oft autobiographische Lyrics ausgelassen; die sind nämlich oft erstklassig - eine Band, die genug eigenen Charakter besitzt, um einen manchmal zu überraschen, andererseits aber nie zu sehr aus dem Rahmen fällt, einen gar stören könnte mit ihrem Sound. Vielleicht sind ja die besten Iren die, die nicht aus Irland kommen.