MusicManiac Top 10

MusicManiac Top 10 - The Offspring Songs

Es gibt einen Umstand, an dem meine Theorie der Unveränderlichkeit des Charakters zu zerbrechen scheint und das ist der sich ewig wandelnde Musikgeschmack. Interpreten kommen und gehen, oft sehr langsam, aber die allermeisten bleiben nicht ewig. Vielleicht tut sich also doch etwas bei uns allen. The Offspring, diese ehemaligen Überfavourites meiner Wenigkeit, sind allem Anschein nach im Gehen inbegriffen. Sehr langsam, aber der Trend zeigt nach unten. Die Freiheit, die mir die Alleinherrschaft über MusicManiac in diesem Sommer gibt, muss also genutzt werden, um der Band noch zu huldigen, obwohl sie so ziemlich jedem außer mir komplett egal ist. Die Kalifornier sind nämlich noch immer "Pop-Punk's Finest" und selbst mit ihren schlechtesten Alben für geniale Minuten gut. Perfekte Voraussetzungen also für eine Songauswahl, wie es sie kaum ein zweites Mal gibt.

 

erstellt am: 07.08.2016


 

10.

 

Have You Ever

 

Americana

1998

 

Ende der 90er waren Dexter, Noodles, Greg und Ron sehr vielen Leuten noch nicht egal, weswegen sie mit Pretty Fly auch kurz einmal Radio und Fernsehen dominieren durften. So mühsam, wie der Song sein kann, wird es niemanden enttäuschen, dass der Peak ihrer fünften LP ganz woanders zu suchen ist. Gleich am Anfang nämlich, wenn mit Have You Ever angerissen wird. Der albumumfassende zynische Blick auf die USA wird auch genau so eröffnet, mit einigen der humorlosesten Zeilen, die die Band abgeliefert hat und rastlosem High-Speed-Punk. Dass der plötzlich in sich zusammenfällt und nach schwelenden Drum- und Gitarren-Sounds mit leichtem Ska-Touch wiederaufersteht, macht ihn nur umso besser. Kein Ton deutet an, wie rasch es nach "Americana" bergab gehen sollte mit The Offspring und vor allem ist nichts  zu merken von der teils grotesken humoristischen Note, die Dexter Holland seinen Songs allzu oft mitgeben wollte. Pop-Punk der besseren Art, ohne Herzschmerz, ohne großen Mitsing-Refrain, ohne verweichlichtes Gelaber.

 

P.S.: YouTube gibt die Studioversion nicht her, dafür aber die nicht minder starke vom Woodstock '99.


 

9.

 

You're Gonna Go Far, Kid

 

Rise And Fall, Rage And Grace

2008

 

Es ist dies jene LP, die jedes Mal wieder als schmerzhaftester Dorn im Auge aller Offspring-Kenner herausgefiltert wird. Der in Albumform gebrachte Tod einer Punk-Band quasi. Tote Dinge sind aber oft sehr guter Dünger für Neues. Und so schaffte die Band 2008 das, womit eigentlich eh niemand mehr gerechnet hat, nämlich die erste Gold-Single in den USA. You're Gonna Go Far, Kid war aber nicht nur dafür gut, sondern verdeutlichte auch, wie unfassbar gut die unerbittliche Politur von Bob Rock der Band getan hat. Die Riffs, vor allem aber die Drums vom Aushilfstrommler Josh Freese erstrahlen in eigentlich schon penetrantem Glanz. So marschiert man ein bissl in Richtung Foo Fighters, macht aber dort halt, wo Hollands schräg-hohe Stimme einen der allerbesten Refrains der Bandgeschichte intoniert und mit voller Inbrunst den eindeutig abzunickenden Aufruf: "Dance, fucker, dance!" in die Welt hinausschreit. Man kommt nicht wirklich auf die Idee, dass dahinter "Lord Of The Flies" als Inspiration steht, ist aber auch beeindruckend uninteressant.


 

8.

 

No Hero

 

Ignition

1992

 

Aus Sicht der Außenstehenden zählt alles, was bei The Offspring vor "Smash" passiert ist, zu den vergessenen, nein, den schlicht unbekannten Tagen. Dabei war das Quartett gerade auf seiner zweiten LP voll auf der Höhe und präsentierte sich, wie die Zeit es eben verlangt hat, mit offensichtlicher Nähe zum Grunge. Allerdings ohne großspurige Refrains, ohne glattpolierte Zupfer, wo sie nicht hingehören. "Ignition" ist melodischer Punk im rohen Sound, allerdings mit markantem Schritt weg vom 80er-Sound des Genres. No Hero zählt leider selbst in diesen unbekannten Tagen zu den vernachlässigten Tracks und das trotz der genialen Bassline, den kargen Riffs, vor allem aber dem genialen Text, der Meilen entfernt ist von Why Don't You Get A Job. Hollands Geschichte vom "Weirdo" Johnny, der sich ganz urplötzlich das Leben nimmt, mutiert zur scheinheiligen Rechtfertigung des Freundes, der sich im Refrain zu einem wütenden "I ain't no fucking hero / I'm just trying to survive myself" hinreißen lässt.


 

7.

 

Dividing By Zero

 

Days Go By

2012

 

Den Weg zurück ins Mittelmaß haben die Kalifornier mit "Days Go By" relativ rasch wieder gefunden. Ein ständiges Hin und Her, dieses Album, das zwischen fast nostalgischer Rückbesinnung auf alte Tage und grässlicher künstlicher Selbstverstümmelung steckt. Zum qualitativen Leuchtturm wird der kürzeste Track, der nichts eher predigt, als dass The Offspring doch noch für unnachgiebigen Punk stehen. Dass Bob Rock mit seiner Produktion der Band doch auch schaden kann, wird überall anders offensichtlich, nicht allerdings in diesen zweieinhalb Minuten, die vom ersten Ton an einen der besten Riffs offenbaren, die Noodles in 25 Jahren aus der Gitarre geschüttelt hat. Mehr als beinahe jeder andere Song der Band ist dieser seine Show, unterstützt von Hollands Gesang und den genial simplen Drums. Und deswegen fährt Dividing By Zero nicht mit High-Speed gegen die Wand, sondern viel eher ins geheiligte Land des Punk. Des glattpolierten, komplett unrebellischen Punk zumindest.

 

P.S.: Weil der Song nur die erste Hälfte eines Zweiteilers ist, bringt auch das Video den Partnertrack Slim Pickens mit.


 

6.

 

The Noose

 

Splinter

2003

 

Unter den gern verrissenen Offspring-Alben des neuen Jahrtausends ist "Splinter" wahrscheinlich das, das man am leichtesten miserabel finden kann. Nur etwas mehr als eine halbe Stunde und dann ist ein Drittel nahe dran am Müll. Da müssen andere Songs tatsächlich zur Rettung heranschreiten. Während sich die Band also Gedanken darüber macht, wie scheiße ein ordentlicher Fetz'n eigentlich ist oder wie lustig es im Gefängnis zugeht, bleibt es The Noose und anderen überlassen, den Ernst des Lebens in den Mittelpunkt zu stellen. Kaum zu glauben, aber nichts anderes ist und war die Stärke dieser Band, der man die Ernsthaftigkeit kaum abnimmt. Weil dort die pfundigen Drums und die kernigen Riffs aus Brendan O'Briens Produktion einfach viel besser aufgehoben sind als in mancher bedenklich infantiler Stunde. Und sogar das keiner Stimmlage zuzuordnende Organ von Dexter Holland wird einem ungleich sympathischer, wenn es einem, der Verzweiflung nahe, entgegenbrüllt: "Well the traces from yesteryear are burning in the dust / Your bruises are reminders of naivete and trust / You're only feeling stronger cause your body's getting numb"


 

5.

 

Amazed

 

Ixnay On The Hombre

1997

 

Der Grunge war ein selten, aber sehr gern gesehener Gast bei den Pop-Punkern. Und er musste natürlich auch und gerade auf einer LP wie "Ixnay On The Hombre" seinen Platz haben. Immerhin war die Band davor und danach nie wieder so abwechslungsreich unterwegs. Was zum einen für die vom Grunge gepackte Ballade Gone Away gesorgt hat, die schleunigst zum Bandklassiker wurde, andererseits aber für das noch weitaus stimmigere Amazed. Das ist auf eine Art so nahe dran an Nirvana, dass es fast schon wieder kitschig ist, doch mit diesen kratzigen Lead-Riffs und dem nachhallenden Getrommel wird genug vorgearbeitet, um Hollands Selbstmitleid nicht weinerlich wirken zu lassen. Nett, wie er nun einmal ist, lässt er seine Zeilen unspezifisch genug für allerlei Interpretationsmöglichkeiten, allein die Zeilen: "Yeah, if I make it, I'd be amazed / Just to find tomorrow" lassen wohl die Richtung ganz gut erahnen. Kurz möchte man meinen, es wäre simples, rockiges Standard-Handwerk. Doch die Räder greifen ineinander wie selten, das wird sehr bald klar.


 

4.

 

Kristy, Are You Doing Okay?

 

Rise And Fall, Rage And Grace

2008

 

Auweh, der wird niemandem gefallen. Es ist dies Hochverrat für jede Band, die zumindest irgendwann einmal so etwas wie Punk ausgespuckt hat. Eine Semi-Akustik-Ballade, wehmütig, potenziell schmalzig. Wäre aber auch grundfalsch, Dexters musikalische Entschuldigung an die Jugendbekanntschaft mit dem gewalttätigen Vater in ein anderes Korsett zu zwingen. Eine Fehleranalyse könnte eigentlich eine lange Liste hervorbringen, angefangen bei der Unsitte, den Song zunehmend lauter und elektrischer werden zu lassen, bis zu dem Punkt, dass die Ähnlichkeit zu Wake Me Up When September Ends hörbar ist. Selbst wenn man einem Dexter Holland, der dank Bob Rock fast wie ein richtiger Sänger klingt, allerdings nichts abgewinnen kann, bleibt noch immer eines dieser kitschigen Lieder, die irgendwie ziemlich ehrlich daherkommen und gerade deswegen nicht versagen. Ganz im Gegenteil.


 

3.

 

The Meaning Of Life

 

Ixnay On The Hombre

1997

 

Der Sprung ist relativ deftig. Die Antithese zu obigem Kitsch, nämlich der punkige Vorhangöffner des vierten Longplayers. Das mit dem Opener hat diese Band drauf, lässt sich relativ schwer leugnen. Und so bleibt auch hier nach dem eröffnenden Skit schon kaum ein Stein auf dem anderen, wenn mit The Meaning Of Life eine dieser Punk-Nummern mit dem Zeug zur Hymne zum Besten gegeben wird. Natürlich mit dem unweigerlichen Gedanken an eine gewisse Pseudo-Rebellion, die aus dem Song spricht. Aber eben auch mit dem noch unweigerlicheren Fazit, dass pulsierender Bass, malträtierte Drums und röhrende Riff-Wände einfach ziemlich schön harmonieren, wenn man alles aufeinander abzustimmen weiß. Die Abstimmung passt, wie übrigens auch die Hook und der Refrain, der einen auch dann verfolgen wird, wenn man es eigentlich nicht will. Noch mehr wert ist dieser Track übrigens, weil er als (erfolglose) Singleauskopplung auch ein Video bekommen hat, das zu den schrägsten seiner Zunft gehört. Wie es dazu kam, niemand wird es wissen.


 

2.

 

Come Out And Play (Keep 'Em Separated)

 

Smash

1994

 

Nachdem die Gefahr besteht, dass ich einen Rechtsbruch beginge, würde sich hier kein Track aus dem legendären "Smash" finden, muss eben auch davon einer hier herein. Der Durchbruch der Kalifornier ist insgesamt vielleicht nicht gar so legendär, dafür will man zu sehr mit dem Schädel durch die Wand. Aber zumindest einmal gelingt es, einem Klassiker nicht nur nahe zu kommen. Come Out And Play ist, soviel kann man dann doch recht gefahrlos sagen, die krönende Leistung von Dexter Holland als Komponist. Ein rhythmisches Meisterwerk, das sich mit geradliniger Punk-Ästhetik genauso spielt wie mit dem dem Orient entliehenen Grunge-Riff, der schon das Intro kennzeichnet. Mit Einzigartigkeit spart der Song aber generell nicht, wo man hinblickt, tun sich in der Melodie, den Lyrics oder der musikalischen Ausstaffierung Kleinigkeiten auf, die für ein wahres Unikat sorgen. Allein deswegen wurde Jason McLean zur Kurzzeit-Bandikone mit dem tief ins Mikro gesprochenen "You gotta keep 'em separated." Den Haupttreffer landet man aber auch deswegen, weil neben dem infiniten Unterhaltungswert der Musik der zynische Kommentar Hollands zur Gewalt an High Schools nie aus dem Blickfeld verschwindet.


 

1.

 

Come Out Swinging

 

Conspiracy Of One

2000

 

Ein Sieger aus dem Nichts. Überhaupt eine einziges Paradoxon, dass das schwächste Album des Quartetts hier den ersten Platz für sich beanspruchen darf. "Conspiracy Of One" plagt jedoch genau das Problem, das auch andere schwache Performances der Band haben, nämlich das unglaublicher Unbeständigkeit. Ein dauerndes Auf und Ab mit Tiefen, wie man sie nie wieder hören will. Und so, wie 2000 auch der mieseste Track der Bandgeschichte das Licht der Welt erblickt hat - Special Delivery, über das besser der Mantel des Schweigens ausgebreitet wird... -, gibt es eben mit Come Out Swinging auch die Vermählung all dessen, was The Offspring können. Mit weniger Varianten als Come Out And Play, ganz sicher. Aber mit der Waffe der ultimativen Direktheit auf ihrer Seite, mit O'Briens dem Hard-Rock entliehener Produktion und einer Dreifach-Ladung Energie. Und weil der Sound die Drums so in den Vordergrund rückt, dass bei ausreichender Lautstärke die Trommelfelle bersten und Noodles irgendwie seine Saiten nicht in Ruhe lässt, liegt Punk in der Luft. Punk, der Joe Strummer oder Sid Vicious zum Speiben gebracht hätte, aber wer braucht die beiden bitte?


Schlusswort:

Das Ende naht, geschätzte Mitreisende. In der Annahme, nein, dem Wissen, dass das hier nicht jedermanns Lieblingsliste werden wird und dass The Offspring eigentlich der Welt eh schon seit ca. 15 Jahren komplett am Hintern vorbei gehen, folgender Verweis: Der Kollege kommt bald wieder! Und er wird interessantere Dinge mitbringen aus dem Urlaub als die Pop-Punker von anno dazumal.
Bis dahin ein kleiner Salut an die Songs, die es schaffen hätten sollen, aber nicht durften, allen voran Crossroads - Vertreter des zu Unrecht ignorierten Debüts -, Dirty Magic, Vultures, Takes Me Nowhere oder Totalimmortal. Egal, für die findet sich sicher noch Verwendung. Vorerst aber verneige ich mich vor einer Band, die wohl irgendwann aus meinen Bestenlisten verschwinden wird, vor allen, die sich die Top 10 trotzdem nicht haben entgehen lassen und natürlich denen, die sich in den Kommentaren als Offspring-Fans outen!

 

Kristoffer Leitgeb, ganz sicher jemandes Offspring