The Offspring - Conspiracy Of One

 

Conspiracy Of One

 

The Offspring

Veröffentlichungsdatum: 14.11.2000

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 08.03.2018


Vier Kalifornier outen sich als einzige Opfer des Y2K-Problems und landen kurz am Fassboden.

 

Schon im Review zu "Willennium" kurz erörtert, halte ich die Idee eines globalen Crashs der Computersysteme wegen eines simplen Jahrtausendwechsel, wie ihn die Erde schon zig Mal erlebt hat, immer noch für eine der lustigsten Anekdoten der digitalisierten Welt und ihrer absurd dämlichen Schwächen. Wir leben allerdings auch 2018 weiter und haben mittlerweile selbstfahrende Staubsauger, sprechende Heim-Suchmaschinen, die urplötzlich in gruseliges Lachen verfallen, und sogar Vibratoren mit eingebautem Bluetooth. Insofern dürfte sich alles bestens entwickelt haben und es bleibt nur mehr die Suche nach denen, denen die Jahreszahlen mit dem Zweier vorne wirklich einen ordentlichen Abstieg beschert haben. Südkalifornien hat Kandidaten zu nominieren und es sind ausgerechnet die konstantesten der Pop-Punker, die die 90er belebt haben, nämlich The Offspring. Denen ist auf unerklärliche Art die Luft, die Inspiration, die Ausdauer für eine ganze LP ausgegangen, just mit dem neuen Millennium.

 

Kausale Zusammenhänge sind noch Gegenstand laufender Forschungen und werden daher nicht kommentiert, stattdessen sei verwiesen auf die bis zu "Americana" zumindest auf Albumlänge beinahe makellose Bilanz der Band. Fünf LPs und darunter keine schlechte, keine schwächelnde, nicht einmal eine ordentliche. Starke Arbeit, wo man nur hinblickt, sieht man von kleineren Anflügen musikalischen Vollversagens ab. Mit "Conspiracy Of One" ändert sich allerdings so manches, darunter auch der Produzent. Und wenn bei Metallica immer Bob Rock am Niedergang schuld sein soll, warum hier nicht einfach Brendan O'Brien? Der ist plötzlich da und macht eigentlich das, was er immer macht. Er bringt harte, schwergewichtige Gitarrenklänge mit, kombiniert sie aber mit sterilisierter Produktion und einer zumindest für den Punk wenig vorteilhaften Glätte. Nun gut, glatter Sound ist, sofern er sich nicht gleich anhört wie ein Anime-Opening aus den 90ern, nicht generell zu verteufeln. Die Puristen unter den Punkern hassen ihn zwar, die Puristen unter den Ohrenbesitzern könnten aber im Gegensatz dazu anführen, dass es nett ist, mehr als Riffs und wüstes Getrommel herauszuhören und dabei dieses Gefühl präziser Studioarbeit mitserviert zu bekommen. Schön, nett, kann toll klingen. Kann auch nach Original Prankster klingen, was nicht mehr bedeutet, als dass man den größten Hit, Pretty Fly (For A White Guy), repliziert und trotz anziehender Hook mit billigen Keyboardtönen, Redman-Gastauftritt und schrillem, bellendem Gesang unnötig anstrengend macht. Irgendwie passt das schon, Offspring dürfen manchmal auch anstrengend sein, ohne gleich durchzufallen. Vom Brauchen auf Konsumentenseite kann aber auch keine Rede sein.

 

Wonach man viel eher lechzt, sind die mit hoher Drehzahl runtergespielten Riffs, die im Produktionsglanz erstrahlen und im besten Fall mit dem aufgepumpten Drum-Sound so gut harmonieren, dass man sich an Hard Rock erinnert fühlt, selten von der Band gehörte Härte vermutet. Es bleibt irgendwie bei der Vermutung, eigentlich kommt nichts so wirklich an die durchdringende Kraft von "Smash" heran. Nichtsdestotrotz ist gegen geradlinige Minuten wie die von Dammit, I Changed Again, Conspiracy Of One oder dem europäischen Bonustrack Huck It nichts einzuwenden. Im Gegenteil, aus den Tracks spricht gitarrenlastige Großartigkeit, befeuert von Power Chords, die unter keinen Umständen als Gipfel songwriterischer Qualität angesehen werden können, die aber trotzdem einfach ordentlich anreißen. Ein bisschen gleichförmig tun sie das, allerdings ist das genretypisch und insofern verkraftbar. Außerdem bringt eine radikale Abkürzung auch nichts, das eineinhalbminütige All Along dreht nämlich in diesem Sinne in aller Schnelle sehr ordentlich auf, vergräbt den Bass wirkungsvoll unter knorrigen Stakkato-Riffs, ist aber gefühlsmäßig schon zu kurz, um sich komplett entfalten zu können.

Insoferne ein Ja zu Huck It, dessen verzerrt nachhallende Riffs im Intro nur eine mäßige Vorbereitung auf die geniale Hook des Songs sind, ähnliche Bestätigung auch für Dammit, I Changed Again und den klanglich eng damit verbundenen Albumhaupttreffer Come Out Swinging, dessen in allen Belangen unspektakuläre Gesamtmischung sich so perfekt zu einem geradlinigen Punk-Track schnörkelloser Art auswächst, dass es gar keinen Sinn macht, nur irgendwie die Einzelteile zu beschreiben.

 

Das ist soweit alles großartig, fängt aber nicht die Tatsache ein, dass die Band alsbald müder und in ihren Ideen fehlgeleiteter wirkt, als das bis dahin der Fall war. Dass man sich zum Beispiel eines Monsterriffs wie dem von A Million Miles Away bedient, nur um ebenden über fast vier Minuten in einer Tour rauf und runter zu spielen und ihn so fast komplett seiner Qualitäten zu berauben, zeugt von wenig verbliebenem Feingefühl. Wie auch die allzu biedere, weil von 50 anderen Bands ähnlich präsentierte Single Want You Bad zwar ordentlich Tempo macht, aber eher an die Austauschbarkeit von SR-71 als an deren einzigen irgendwann irgendwo erwähnenswerten Song erinnert. Ist allerdings alles Banane, solange man sich im gemäßigten Fahrwasser bewegt und bestenfalls ein wenig Langeweile aufkommen lässt. Das steigert sich allerdings, in wirklich unangenehmem Ausmaß, sodass man nach dem schwachsinnigen Rocker Living In Chaos - wozu genau braucht's diese quietschigen Blues-Riffs? - in tatsächlich unerklärliche Tiefen vordringt und Special Delivery präsentiert. Ich kann den Entstehungsprozess hinter diesem Track nicht verstehen oder erahnen. Es ist einfach unbegreiflich, wie man eine nervige, komplett isolierte Rhythm Section nur von dem unerträglich schiefen Kreischen Dexter Hollands überlagern lassen kann, gleichzeitig aber in den Refrains ein musikalisches Chaos vom Zaun bricht, unkoordiniertes Mischen von Gitarre, Drums und den nervigsten vorstellbaren Synth-Sounds forciert und sich noch dazu erdreistet, das eröffnende "Ugachaka" aus Blue Swedes Hooked On A Feeling zu sampeln. Noch einmal lesen, spätestens dann wird klar, dass man es mit einem Gesamtkunstwerk der Grässlichkeit zu tun hat. Effektiv nicht so fad wie das unwirksame Gefühlshaschen in der theatralischen, emotionslos intonierten Ballade Denial, Revisited, aber trotzdem noch um einiges schlimmer.

 

Will man nun zum Kern des Albumproblems vorstoßen, wird man nicht an der Person Dexter Holland vorbeikommen. Wäre auch schwierig, er ist alleiniger Songwriter der Band. Das wirft Fragen auf, einerseits wegen der Gleichförmigkeit fast aller starken Songs, mehr aber noch aufgrund der nervtötenden Natur der schlechten. "Conspiracy Of One" ist in mehr als einem Moment bemitleidenswert fehlgeleitet, einfach komplett am falschen Dampfer, wenn es um hörenswerte Musik geht. Warum das und vor allem warum so urplötzlich? Keine Ahnung, allerdings wird der Wandel zum Negativen noch an zwei anderen Fronten untermauert, an der textlichen und der gesanglichen. Will man die Texte auf ihre mangelnde Qualität hin analysieren, braucht es eigentlich keinen Vorstoß zu One Fine Day und den lächerlichen pubertären Fantasien vom lustigen Leben. Der lenkt sogar ab, weil er einfach nur ein dämliches Lied herauspickt. Viel wichtiger ist die Textarmut der ganzen LP, die zwar immer wieder großartige Zeilen abwirft, darunter das auf einfache Art epische "And in the sun / A loaded gun / Makes for conversation", gleichzeitig aber latente Substanzarmut offenbart. Zu viel an Platitüden und simplen Botschaften.

Gut, nicht so viel, dass man sie nicht trotzdem noch genial verpackt finden könnte. Gerade das oben zitierte Vultures zeigt für ein Mal, wie gut die Band klingen kann, auch wenn sie sich nicht auf ihre Paradedisziplin verlässt. Stattdessen hallt der einsame, voluminöse Zupfer an der Gitarre ganz allein als Einleitung und es bei einer Grunge-Reminiszenz, die sich in der Form gewaschen hat, weil sie Holland trotz fehlender gesanglicher Kompetenz effektiv wie selten zeigt und noch dazu die Intensität im Refrain genau richtig scheint, um den Song langsam in Richtung Höhepunkt zu bringen.

 

Das bringt ein wenig Abwechslung in die Riege starker Tracks und deren gibt es in Wahrheit noch genug. Nicht nur das, manchmal präsentieren einem die Kalifornier mit das beste Material, das je von ihnen gekommen ist. Aber in alles andere als konstanter Form. Die großartigen Riffs sind eigentlich da, selbst mit der Produktion kann man sich anfreunden. Doch die allzu sehr am Silbertablett servierten stimmlichen Schwächen, die textliche Rückentwicklung und die qualitativen Atempausen, die man auf "Conspiracy Of One" erlebt, wiegen in Wirklichkeit relativ schwer, betrachtet man das Album im Lichte der Vorgänger. LP #6 bedeutet den Abschied von der konstanten Stärke des vorangegangenen Jahrzehnts und ebnet den Weg in die Mittelmäßigkeit. Dieser durchschnittliche Charakter, der The Offspring ab 2000 charakterisieren sollte, manifestiert sich schon hier, wie es ab da - bis auf eine schwarz-rot schillernde Ausnahme - immer sein wird: Mit einer Mischung aus ausdauernden Volltreffern, verschiedenen Graden ordentlicher Routine und musikalischen Klogriffen so bitter, dass man es kaum beschreiben kann.