The Offspring - Dark Horse

 

Days Go By

 

The Offspring

Veröffentlichungsdatum: 26.06.2012

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 12.09.2015


Der Jugend auf der Spur und dabei gar nicht so oft auf der falschen Fährte.

 

Na geh bitte, wo ist denn der Wisch jetzt, wo die perfekte Eröffnung für den Review drauf steht?! Nicht zu finden. Eh klar, da gibt man sich verantwortungsvoll, schreibt sich das fein-säuberlich (oder so) auf und dann, wenn's heißt: Jetzt gilt's!, ist das Ding nirgends zu finden und die Erinnerung daran, wo es denn zuletzt vor dem tragischen Verschwinden gesehen wurde, ist genauso futsch. Kommt man sich gleich steinalt vor bei solch offensichtlichen Gedächtnislücken. So nebenbei für alle, die mit dem höheren Alter wirklich zu kämpfen haben, hier kurz die Vorzüge: Die trotteligen Dummheiten der Jugend sind großteils Geschichte; Zukunftsplanung ist kein Muss mehr; man darf bald wieder Windeln tragen; die Grabinschrift, die man sich als Junger im philosophischen Drang zurechtgezimmert hat, darf endlich bald eingraviert werden! Das ist doch was. Außerdem ist man im Leiden nicht allein, die Pensionisten dieser Welt leiden mit, mancher historische Baumriese wahrscheinlich auch und sogar ein paar Bands drückt der Schuh des Älterwerdens. Aber hey, days go by (oder so).

 

Die Sherlock Holmes-Imitatoren werden schon bemerkt haben, zwischen Einleitung, Album und sogar dem Cover besteht eine gewisse Verbindung. Für alle Watsons noch der Hinweis, dass das ehemals mit stromdurchwirkter Energie geladene Quartett ja schon länger etwas mit der Batteriesäure und ergo mit Engpässen beim Nachladen der Akkus zu kämpfen hat. Deswegen wurden die Wartezeiten zwischen Alben länger, als es sich jeder Beamte in seinen feuchten Träumen wünschen könnte, und auch qualitativ wurde die Output-Bilanz durchwachsener. Zumindest das Bemühen war ihnen aber selbst in den dunkelsten Tagen nicht abzusprechen, was neben einem Goldsternchen im Mitteilungsheft immerhin auch bedeutet hat, dass sich schon irgendwie 50% einer LP in die Nähe des eigenen musikalischen Gipfels retten und so auch das jeweilige Album noch zumindest im Halbschatten existieren darf. Jetzt ist die Leadsingle gleichzeitig der Titeltrack, was wegen dessen allzu offensichtlicher Mäßigkeit gleich einmal dem Rest mehr Verantwortung auferlegt. So eine Hoffnungshymne mit imprägniertem Durchhalteaufruf ist einfach nicht das Gelbe vom Ei, vor allem wenn man mit den hyperglatten Riffs nach einer schläfrigen Variante der Foo Fighters klingt und den Mid-Tempo-Rock als next big thing abfeiert. Man nimmt sich zumindest die passable Hook und verzeiht's vorerst.

 

Denn welch Wunder, es gibt eine zweite Leadsingle. Und wie die fetzt, na bist du gelähmt... Spätestens da merkt man, dass den Titeln der Songs viel abzulesen ist, denn was sich schon Cruising California (Bumpin' In My Trunk) schimpft, schafft den akustischen Absprung weg von dieser Befremdlichkeit nicht mehr. Man stelle sich den Protagonisten aus Pretty Fly - also anno 1998 - heute vor, so in etwa klingt die Sache. Parodieren will man immer noch, nur landet man mit der Billig-Synthie-Mischung genau so weit unten, wie es die eigentlich genüsslich verspottete Pop-Welt auch ganz leicht selbst schafft. Steigt die Band im Refrain ein, dann läuft die Geschichte eh gleich wieder runder - was wirklich Linderung bedeutet -, ansonsten bleibt einem aber nur Dexter Hollands schiefe Stimme bei dem Versuch, einige der miesesten Lyrics ever nicht ganz so grässlich klingen zu lassen. Überhaupt beweist man auf "Days Go By" wieder einmal, wie mies der eigene Humor über die Jahre geworden ist. Die miserable Reggae-Mariachi-Kombo von OC Guns legt das mit den schwer verdaulichen Vocals genauso nahe wie die infantile Pop-Punk-Rückbesinnung von I Wanna Secret Family (With You), die allzu deutlich macht, warum Männer in ihren Fünfzigern für dieses Genre einfach nicht mehr geschaffen sind.

 

Wie war das mit der Hälfte? Naja, man kann sich wohl auch mal irren. Ich natürlich nicht, woher denn?! Der Packen lebendiger, ungreisenhafter Minuten findet sich aber wirklich nur dort, wo man noch mit voller Inbrunst dem eigenen Verständnis des Melodic Punk fröhnt. Dann aber wenigstens mit beeindruckender Konstanz. Darf's ein bisserl düstere Gesellschaftskritik sein? Bitte, hier ist The Future Is Now, jung und doch vital, mit leichtem Sounddiebstahl bei Rise Against, dank Gitarrist Noodles und Hollands Ausflucht aus den übrigen Peinlichkeiten allerdings auch mit reichlich Eigenleben. Was kann auch schief gehen, wenn bei einem Punk-Song Drums, Riffs und Lyrics passen? Die Antwort gibt Turning Into You. Auch dort ist nämlich alles am angestammten Plätzchen und auch dort geht wenig schief. Die Unterschiede sind trotzdem offensichtlich, immmerhin lebt es sich auch mit ähnlichem Stil - noch einmal bedient bei Rise Against und das ziemlich offensichtlich - ganz anders, wenn nur das Tempo etwas gedrosselt und urplötzlich auf die Beziehungsschiene gewechselt wird.

Gleichzeitig bekommt man mit den straighten Punk-Nummern Hurting As One und Dividing By Zero auch noch Erinnerungsstücke an die alten Tage, die schon ins Land gezogen sind. Während einen erstere in brachial abgemischter, drumfokussierter und stadiongroßer Art an die "Splinter"-Rettungsringe erinnert, ist man mit den manischen, unablässigen Metal-Riffs und Hollands großartigen Auftritten von Dividing By Zero überhaupt gleich wieder in den frühen 90ern angelangt. Und ehrlich, was könnte für Offspring besser sein, als sich dort wiederzufinden? Nicht viel, deswegen ist dort eindeutig Zufriedenheit, nein, höchste Zufriedenheit angesagt. Auf so vielen Zylindern laufend, so fokussiert und dank Bob Rock - der hier sonst den Punk-Nummern weniger Gutes tut - auch bestens in Szene gesetzt hat man die Band noch selten erlebt.

 

Ein singuläres Event auf dieser LP, ganz ohne jeden Zweifel. Man merkt eben die Spuren der längst vergangenen Jahre, auch wenn sich die Kalifornier noch so sehr dagegen zu wehren versuchen. Vielleicht kommt das aber auch gerade daher, dass man den Kampf gegen die Zeit teilweise auf höchst fragwürdige Art ausfechten will und damit bestenfalls in den Wettstreit um den schlechtesten Offspring-Song einsteigt. Doch die so wichtige starke Hälfte ist immer noch da. Das Quartett ist eindeutig noch nicht müde genug, um nicht noch mit ein paar Punk-Ausbrüchen der feineren Sorte für Erleichterung inmitten der verpassten Chancen zu sorgen. Und vielleicht kommt man sogar dort drauf, dass eh nicht mehr als ein mäßiges Remake des eigenen Songs oder eine durchschnittliche Ballade drinsteckt, also nicht Hopfen und Malz verloren ist. Es würde ihnen nur gut tun, die jugendlichen Dummheiten endlich sein zu lassen, dann muss von Grabinschriften auch noch länger nicht die Rede sein.

 

Anspiel-Tipps:

- The Future Is Now

- Turning Into You

- Dividing By Zero (inkl. Slim Pickens...)