The Offspring - Rise And Fall, Rage And Grace

 

Rise And Fall, Rage And Grace

 

The Offspring

Veröffentlichungsdatum: 17.06.2008

 

Rating: 9 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 28.11.2014


Verspottet, verkannt, verhasst. Der tiefste Mainstream wird zum höchsten Genuss.

 

Manchmal muss man sich unweigerlich die Frage stellen: Wie realitätsfern bin ich eigentlich? Üblicherweise kein angenehmer Prozess, aber in diesem Fall unausweichlich. Denn Offspring-Fan - als den ich mich nicht betrachte, aber gut - heißt, "Smash" anzuhimmeln, ein bisschen über die miserablen Machwerke der letzten Jahre herzuziehen, um dann wieder "Smash" anhimmeln zu können. Da auf die 2008 veröffentlichte LP der Band zu setzen, es gleicht Selbstmord. Das ist keine mutige Außenseiterwette mehr, das ist der Glaube an ein altersschwaches, lahmendes Pferd, das bereits 300 Meter hinter der Konkurrenz liegt. Dementsprechend ist wohl gegen den Strom schwimmen auch keine Option mehr, viel eher ist der Strom überhaupt schon Meilen entfernt. Aber ein gut geführtes Plädoyer rettet so manchen, einen Versuch ist es bei diesen zwölf Tracks allemal wert.

 

Nichtsdestoweniger muss man auch eingestehen, dass die Vorzeichen nicht die allerschönsten waren. Zwei in den Durchschnitt abrutschende Vorgänger, ein abtrünniger Drummer, fünf Jahre Pause...und zu allem Überfluss noch Bob Rock - Mr. 'I single-handedly killed Metallica' - als Produzent. All das fügt sich zu einer Vorstellung zusammen, die Fans so nicht erwartet, nicht gewollt und dementsprechend nicht geschätzt haben. Punk war gestern, glatter Alt Rock in vielen Ausformungen heißt das neue Rezept und entgegen der Quoten geht dieses glänzend auf. Vielleicht auch dank eines sanfteren Umstiegs, denn zu Beginn ist doch noch das altbekannte Gesicht des Quartetts zu hören. Half-Truism macht sich zwar als Green Day-esque unheilschwangere, auf gewichtige Aussage getrimmte Eröffnung, lässt aber die röhrenden Riffs vor allem in den starken Strophen nicht ausklingen. Dort zeigt sich auch Aushilfstrommler Josh Freese wieder von feiner Seite und so ist ein wenig Power Rock angesagt. Wuchtig fortgesetzt zuerst mit dem auf die 90er schielenden Trust In You, dessen harte Gitarrenarbeit perfekt mit Hollands Stimmchen harmoniert, komplettiert von dem ungleichen Single-Duo You're Gonna Go Far, Kid und Hammerhead. Zum einen wäre da eine Verbeugung vor den eigenen lockeren Pop Punk-Momenten, denen man hier dank des treibenden Beats und des mächtigen Refrains ein starkes Kapitel hinzufügt, andererseits gibt's eine atmosphärisch eingeleitete Zurschaustellung der eigenen Kraft, die sich mit grandiosem Riff und einprägsamer Melodie ihr Lob redlichst verdient. Umso mehr als von Dexter Holland ein Text zusammengezimmert wird, den man in solcher Qualität selten von ihm gehört hat:

 

"I am the one

Camouflage and guns

Risk my life

To keep my people from harm [...]

 

And you can all hide behind your desks now

And you can cry, 'teacher come help me!'

Through you all

My aim is true!"

 

Man wähnt sich lange in kriegerischen Zeiten, von denen eben mal wieder die Schattenseiten berichtet werden. Spätestens mit dem dazugehörigen Kommentar wird aber klar, hinter der martialischen Beschreibung steckt in Wahrheit die unheimliche Szenerie eines High School-Amoklaufs.

 

Die markante Wende weg von Härte und Wut kommt abrupt und unerwartet mit A Lot Like Me. Ein schwieriger Schritt, dem die Band mit den unbeholfen hinein gezwängten Keyboard-Tönen und Hollands fragwürdig aufpolierter Stimme auch nicht souverän begegnet, dank ausreichendem Tempo wird die Ballade trotzdem zum ordentlichen Zwischenspiel, zu mehr reicht es nicht. Das ruhige Material der Platte, ohnehin vielgescholten, ist auch dezent daran beteiligt, der Band das Leben schwer zu machen. Fix You wird zu einer Demonstration in schmalzigem und gleichzeitig inhaltliche Leere versprühendem Pop, markiert in seiner defensiven, vollkommen austauschbaren Art den einzigen großen Makel, der nur von den starken Vocals notdürftig aufgefangen wird. Ein viel wichtigerer Kontrast ist aber das großartige Kristy, Are You Doing Okay?. Ohne eine griffige Begründung dafür vorbringen zu können, dort läuft alles glatt, vom perfekten akustischen Intro, über die Lyrics vom missbrauchten Mädchen aus Dexters Jugend und nicht zu vergessen seine eigene unerwartet starke Gesangsperformance.

 

Darauf aufbauend muss auch für Bob Rock ein Lob ausgesprochen werden. Glatt ist das Album natürlich, aber der Band wurden hier eine Menge verschiedener Gesichter verpasst, die vom dank crunchig abgemischter Gitarren kurz Metal-Züge annehmenden Hammerhead, über kurzweiligen Spaß-Rock wie Stuff Is Messed Up bis hin zu für die Band fast komplett neues ruhiges Material reichen. Noch viel mehr ist ihm zu Gute zu halten, dass Holland nach seinen teilweise aufs Schiefste abgemischten Vocals auf den Vorgängern diesmal zwischendurch den Eindruck erweckt, er könnte gut singen, was - bei aller Sympathie - schon fast ein Novum in der Historie der Kalifornier ist.

Die vielen Facetten zwischen den genannten Grenzen werden mitunter mit ausgezeichneten Minuten gefüllt. Das schnörkellos eingespielte Takes Me Nowhere bringt auch diesmal, wie schon früher ab und an, dezente Grunge-Einflüsse zum Vorschein, präsentiert das Ganze aber im abgerundeten Stil mit penibler Produktion und wenig Raum für Misstöne. Klingt nach einer musikalischen Unart, das Ergebnis bleibt aber ein Feines. Ähnlich wie der auf merkwürdige Art gutgelaunte Pop-Rock von Nothingtown, in dem der Ausbruch aus der tristen Umwelt in ungekannt unterhaltsamer Manier propagiert wird. Was rauskommt, ist ein Ohrwurm, der einen durchaus länger verfolgen könnte.

 

Das wiederum bedeutet im Gesamtpaket ein Album, dessen Ruf ohne Frage besser sein könnte. Sympathiefrei betrachtet riecht "Rise And Fall, Rage And Grace" zwar danach, als ob beide Augen auf die Charts gerichtet sind und von allem, was erfolgreich ist, entliehen wurde. Ignoriert man aber das Faktum, dass von Revolution im musikalischen Sinne keine Rede sein kann, bleibt einem ohne Weiteres die Möglichkeit die Evolution der Band mit Wohlwollen zu belauschen. Es mangelt weder an Ideen, noch an der Umsetzung und nach der Performance der Band zu schließen auch keineswegs an der Motivation. Dementsprechend wird hier ein bisschen The Offspring gratuliert, dort ein bisschen an die Leser empfohlen: Hören ist angebracht!

 

Anspiel-Tipps:

- You're Gonna Go Far, Kid

- Hammerhead

- Takes Me Nowhere

- Kristy, Are You Doing Okay?