The Offspring - Smash

 

Smash

 

The Offspring

Veröffentlichungsdatum: 08.04.1994

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 18.02.2017


Eine Hälfte für die Punk Hall Of Fame, eine Hälfte für's Albumformat.

 

Manche Erfolge kommen urplötzlich aus heiterem Himmel und ohne jeden Grund. Natürlich nicht, aber sowas klingt immer besser, als zugeben zu müssen, dass man die Gründe für Durchbruch und die zukünftige persönliche fiskalpolitische Sorglosigkeit nicht kennt. Im Falle des wortwörtlichen Smash Hits, der The Offspring von einem Tag auf den anderen zu Rockstars hat werden lassen, ist die Spurensuche aber gar nicht so schwer. Es war immerhin 1994 und damit das Jahr, für das Gott vorbestimmt hat, dass da der Punk noch einmal ein Popularitätshoch erleben sollte. Und es gab ja schon die auf dem aufsteigenden Ast befindlichen Rancid, vor allem aber eine LP mit Namen "Dookie", die fleißig Fundament gelegt haben für das dritte Album eines kalifornischen Quartetts, das zuallermindest verdammt viel Energie und Power zu verschenken hatte.

 

Punk mag nachweislich wenig mehr als diese beiden Dinge, womit "Smash" in puncto Genre schon einmal durchaus ordentlich angesiedelt ist. Übrigens auch dahingehend, dass man sich im Hause Offspring von übermäßiger Poppigkeit weitestgehend fernhält. Nur das zum Pop-Punk-Klassiker gewordene Self Esteem bahnt sich trotz der dominanten Riffs im Refrain einen Weg dorthin, wo man Schwierigkeiten bekäme, würde man musikalische Vergleiche zu härteren Gefährten aus den 80ern ziehen. Deren vorbildhaftes Material scheint man sich genauso zu Herzen zu nehmen wie die damals endgültig auf dem Höhepunkt angelangte Grunge-Manie, die sich zumindest produktionstechnisch und im Gitarrensound hinreichend niederschlägt. Wo da noch Zweifel über die Gründe des Erfolgs bestehen können...

 

Nun, vielleicht hat es damit zu tun, dass vom Vorgänger damals schätzungsweise 15000 Einheiten verkauft wurden und Epitaph als Label generell nicht dafür bekannt war, kommerzielle Goldesel zu beheimaten. Außerdem klingt auch die eröffnende Riffkanonade von Nitro (Youth Energy) nicht unbedingt dazu geschaffen, die Millionenmassen zu vereinnahmen. Gleichsam allerdings der beste Beweis dafür, dass Dexter Holland und seine Mitmusikanten durchaus mit dem Punk-Label bedacht werden durften, damals, in weiter Vergangenheit. Die Kriterien dafür - schnell, hart, nicht viel außer Power Chords, schreiartige Sangeskunst - wären soweit bravourös erfüllt und man lässt auch in den folgenden Minuten nicht so wirklich locker, wenn es darum geht, rhythmische Unterbauten in ein dröhnendes Spektakel mit beneidenswerter Durchschlagskraft zu verwandeln. Das gemächliche Bass-Intro von Bad Habit, ja, nicht einmal das störrische Hard-Rock-nahe Irgendwas Gotta Get Away können darüber hinwegtäuschen, dass die erste Hälfte der LP eine geniale Hetzjagd durch zynische Anflüge von Gesellschaftkritik und jugendlichen Übermut ist. Befeuert von allen Mitgliedern zwar, ohne jeden Zweifel aber am meisten von Gitarrist Noodles, dessen Performance, von Holland mit einigen genialen Hooks gefüttert, ein nie wieder gesehenes Hoch erreichen sollte.

 

Wer dezent überfordert ist mit latenter Ruhelosigkeit, wunderbar konterkariert durch das gesprochene Intro, ähnlich gut getroffen mit dem früh ausgegebenen Motto "Live like there's no tomorrow", wird folglich hier nicht glücklich werden. Tracks wie Something To Believe In, It'll Be A Long Time oder das unstrittig rifftastische Genocide sind im Endeffekt allen voran das musikalische Äquivalent zu einem Dragster-Rennen: Kurz, gesundheitsgefährdend laut und schneller, als die meisten Polizisten es erlauben würden. Man wandelt damit auf den Spuren der Labelkollegen von Bad Religion, auch wenn in Hollands Ergüssen weit weniger rebellische Weisheit steckt und weit eher jugendliche Tatkraft zum Vorschein kommt. Immerhin aber weder Halbromanzen entsprungenes Selbstmitleid - hallo, Green Day -, noch konfuser Pseudohumor - NOFX incoming - und auch nur ein einziges Mal der nicht so ganz fruchtende Versuch, dem Ska alle Ehre zu machen. Ok, Self Esteem ist einer Halbromanze entsprungenes Selbstmitleid, aber ansonsten ist das Quartett brav.

 

So brav mitunter, dass nicht nur Genocide und Something To Believe In ein Schäuferl vager, perspektivenloser Gesellschaftskritik loswerden, sondern mit Come Out And Play (Keep 'Em Separated) überhaupt gleich eine kleine lyrische Perle wartet. Nicht im Cohen'schen Sinne fortgeschrittener Poesie, aber dann doch so, dass von einem souverän geglückten Blick auf die Bandenmentalität an mancher US-High-School die Rede sein kann. Etwas skurril eigentlich, dass sich ausgerechnet dieses Thema ideal mit der Middle-Eastern-Hook verträgt, Einsprüche wird gegen dieses gelungene Zusammenspiel aber wohl keiner erheben. Immerhin fließt dort dann alles ineinander, was man von vier Musikern erwarten kann. Auch die Rhythm Section gibt sich da keine Blöße, wie überhaupt Bass und Drums trotz technisch unspektakulärer Performances unerlässlich sind für die nötige Portion Abwechslung auf "Smash". Die existiert zwar im großen Ganzen weniger, findet nur in Self Esteem, dem erwähnten Ska-Ausritt What Happened To You? und dem trägen Gotta Get Away statt. Doch die Band lässt sich wie schon in früheren Jahren eben doch zum ein oder anderen Stilbruch hinreißen. Vor allem dann wird die geschlagene Brücke zum Grunge deutlicher, auch wenn man sich - vielleicht gar nicht zum eigenen Vorteil - klanglich wieder ein Stück vom Genre wegbewegt hat und vor allem auch einen möglichen emotionalen Moment wie Dirty Magic oder No Hero diesmal verpasst.

 

Nicht ganz schuldlos daran ist mit Sicherheit Dexter Holland, der sich einer textlichen Geradlinigkeit hingegeben hat, die zwar in dieser Hinsicht perfekt auf den Sound abgestimmt ist, leider aber inhaltlich etwas flach daherkommt. Das mag auch der Grund dafür sein, dass einem die zweite Hälfte der LP weit weniger großartige Minuten zu bieten hat. Im Gegenteil, mit Self Esteem beginnt der Weg ins Mittelmaß, aus dem man mit einem unspektakulären Cover von Killboy Powerhead oder dem langweiligen So Alone sicher nicht herauskommt. Selbst der finale Titeltrack, der noch einmal mit starker Melodie aufwarten kann, schafft als Ode an die Nonkonformität nicht mehr den Sprung aufs Anfangsniveau. Entgegen aller Prognosen wird man nämlich des harten Feuerwerks irgendwann ein wenig überdrüssig und findet in den simplen Botschaften, die die Band in ihrem Übermut zu bieten hat, nicht das nötige Auffangnetz, um solche Abnutzungserscheinungen ganz vergessen zu machen.

 

Andererseits ist man zu dem Zeitpunkt schon ziemlich zufrieden mit dem Gebotenen. Es spricht auch überhaupt nichts gegen textliche Einfachheit, wenn sie einen einführt in die wunderbare Welt manisch-aggressiver Autofahrer. Dann ist alles bestens und netterweise ist das beim dritten Album der Kalifornier noch oft genug der Fall. Ein kleiner Rückschritt ist dieser in Songform gebrachte Energieüberschuss gegenüber "Ignition" zwar trotzdem, die Enttäuschung darüber hält sich allerdings in sehr engen Grenzen. Zwischen genialen Riffs, schrillen Vocals und einer Zeile wie "Something's odd, feel like I'm god you stupid dumbshit goddamn motherfucker" ist für sowas kein Platz.