MusicManiac Top 10

MusicManiac Top 10 - Sum 41 Songs

Eine Zeitreise in das Jahr 2000 bedeutet, dass man in einer Welt landet, die musikalisch zwar an vorderster Front von blonden Teenie-Prinzesschen und meistens im Rudel singenden Mädchenschwärmen dominiert wurde, aber eben auch von juvenilen Pop-Punkern und Leuten, die die Vermählung von Rap und Metal predigten. In dieser Zeit kam es einer Erfolgsgarantie gleich, diese beiden Dinge irgendwie miteinander zu verbinden und das einigermaßen hörbar zu gestalten. Sum 41 machten genau das und sie waren damit weniger überwältigend, aber unterhaltsam unterwegs. Die glorreichen Tage kamen erst, gezeichnet von schwindendem kommerziellen Erfolg, sie gingen aber auch irgendwann wieder. Gleichzeitig kam und ging der Gitarrist, genauso wie die Gesundheit des Frontmanns, was nichts daran ändert, dass es sie heute immer noch gibt, ohne dass das wirklich jemand mitbekommt. Und genau darum ist es schade, denn trotz diverser Fehltritte haben es Sum 41 hinbekommen, ein paar geniale Songs unter die Leute zu bringen.

 

Erstellt am: 26.11.2018


10.

 

Noots

 

Chuck
2004

 

2004 war das Jahr der Jahre für die Kanadier. Zumindest musikalisch hat das immerwährende Gültigkeit, auch für den damaligen Bonustrack Noots, der sich zwar stärkerer Abnutzung ausgesetzt sieht als andere Songs auf dem Album, aber mit den gleichen überzeugenden Eigenschaften hausieren geht. Die setzen sich zusammen aus einer von Weltschmerz und jungerwachsener Depression geprägten Wut an der gesanglichen und textlichen Front, gleichzeitig einem Spagat zwischen den poppig-punkigen Anfängen der Band und der zunehmenden Machtübernahme durch Melodic Hardcore und Metal. Letzteres überzeugte von Seiten der Kanadier immer eher, ist bei Noots vielleicht nicht ausgeprägt genug für den absoluten Volltreffer, für eine rundum souveräne Vorstellung reicht es aber allemal.

9.

 

Blood In My Eyes

 

Screaming Bloody Murder
2011

 

Die Ambition hinter der fünften LP von Sum 41 war eine überschießende. In gefühlt 20 Richtungen gleichzeitig gehen zu wollen, kann ohne exorbitantes Talent und noch größere Kontrolle der eigenen Kreativität nicht gelingen. Whibley kann auf keines von beidem bauen, wobei ihm ersteres noch weit näher ist. Um die Kontrolle seiner selbst war es damals, in seinen finstersten Tagen, ganz schlecht bestellt. Diese Finsternis auf persönlicher Ebene hatte aber den Vorteil, dass er musikalisch trotz aller unnötiger Abzweigungen mit theatralischer und doch ehrlicher Brutalität zu Werke gegangen ist. Blood In My Eyes verdient diesbezüglich größtmögliches Lob, weil es als einziger Track der LP erfolgreich mehrere stilistische Wendungen übersteht. Damit gelingt Whibley das Kunststück einer Art Rock Opera in einem einzigen Song, der sich allerdings immer noch dann am besten macht, wenn die Riffs in metallischer Härte dahinrollen. Passiert oft genug, dementsprechend imposant klingt die Sache.

8.

 

No Reason

 

Chuck
2004

 

Kompositorisch ist No Reason das krasse Gegenteil zum vorangegangenen Eintrag. Straighter waren wenige Songs in der Bandgeschichte und das heißt eigentlich einiges in Anbetracht der punkigen Wurzeln. Mit dem Opener ihrer dritten LP wird wirklich einfach mal losgeprescht und eine aggressive High-Speed-Hymne wider die Unmenschlichkeit zum besten gegeben. Eloquent oder subtil ist daran absolut gar nichts, verlangt aber auch keiner und wäre wohl sogar kontraproduktiv, wenn doch Whibley als zornerfüllter Schreihals in der Einfachheit sein größtes Heil gefunden hat. Gibt es sonst noch etwas anzumerken? Ach ja, Top-Riff wieder einmal.

7.

 

I'm Not The One

 

Chuck
2004

 

Besonders Hellhörige unter Beobachtern der Band dürfte aufgefallen sein, dass es Sum 41 schon das eine oder andere Mal gelungen ist, verdammt nach Linkin Park zu klingen. Wer dabei besser oder schlechter geklungen hat, sei dahingestellt - wobei Linkin Park ihre besten Momente oft genug abseits der geradlinigen Härte gefunden haben, während Sum 41 wiederum genau dort geglänzt haben. So ist es auch bei I'm Not The One, das sich zwar etwas mondänerem Tempo hingibt und damit auch einen dezent dramatischen Charakter an den Tag legt, aber deswegen nicht weniger eindringlich daherkommt. Natürlich sind auch dafür die Riffs von Dave Baksh und Whibley hauptverantwortlich, auch wenn die hier nicht gerade Virtuosität vermitteln.

6.

 

Fake My Own Death

 

13 Voices
2016

 

Es hätte in zwei sehr unterschiedliche Richtungen gehen können, dieses Comeback. Whibley hätte als vom Totenbett Auferstandener jedes Recht gehabt, eine sentimentale, weinerliche und versöhnliche LP aufzunehmen und damit seiner Karriere ein dunkles, grausam schlechtes Kapitel hinzuzufügen. Stattdessen hat man sich für den besseren Weg mitsamt Rückkehr von Dave Baksh nach über einem Jahrzehnt Absenz entschieden. Also werden da Wände eingerissen. Wieder einmal, könnte man monieren, allerdings hat die Band damit einen nahtlosen Anschluss an ihre besten Minuten geschafft und damit zwar kein ganzes Album, aber immerhin diesen Track angefüllt. Der kommt auch deswegen überraschend frisch und kraftvoll daher, weil sich nicht nur der Metalriff hören lassen kann, sondern auch die Produktion den Seiltanz zwischen roher Härte und aufpolierter Massentauglichkeit schadlos übersteht.

5.

 

Count Your Last Blessings

 

Underclass Hero
2007

 

Das bisher mieseste Kapitel der Bandgeschichte hatte eigentlich nur dann eine Chance, wenn man sich zumindest Teile der Aggressivität bewahrt hat, die Vorgänger "Chuck" ausgemacht haben. Ist zu selten passiert und dann auch meistens zu sehr in akustischen Schmalz verpackt worden. Nicht so bei Count Your Last Blessings, dessen Zugeständnis an den Pop-Punk und die hemmungslos melodramatischen Tendenzen des Albums fast ausschließlich im ungemütlich dahinrumpelnden Klavier-Loop bestehen. Der stört nicht, hilft sogar beim Aufbau der drückenden Atmosphäre und wird einem außerdem im kompromissbefreiten Refrain erspart. Der ist nur laut, hart und depressiv-wütend, also ein absoluter Gewinn für eine LP, die den verweichlichten Romantiker in Derrick Whibley hervorgekehrt hat.

4.

 

We're All To Blame

 

Chuck
2004

 

Sollten sich auch jene, die Sum 41 nur mit abschätzigen Kommentaren und Ignoranz begegnen, auf zumindest einen guten Song der Band festlegen müssen, es wäre wohl die durchaus mutige Leadsingle ihres dritten Albums. Dass man mit der nicht den Chartsturm probt, sondern eher unter der Wahrnehmungsschwelle der großen Öffentlichkeit dahinspielt, musste der Band klar sein. Dass sie es trotzdem gewagt hat, diese erbarmungslos harten und mit glorreichem Riff-Feuerwerk gesegneten Minuten zu veröffentlichen, gehört ihnen hoch angerechnet. Retrospektiv ist es wohl Bakshs größte Stunde, in der er nicht nur dem Metal mit drückendem Geschredder alle Ehre macht, sondern auch die melodischeren, ruhigen Phasen des Songs perfekt auskleidet. Wie wenig kitschig da das Klavier klingt, ist überdies bemerkenswert, wenn auch dank der gebotenen Härte weniger verwunderlich. Und Whibley, der schafft tatsächlich nicht seine großartigste, aber eben doch eine beeindruckende gesangliche Performance, die den Spagat zwischen dem bisschen notwendigen Drama und der brodelnden Wut mühelos hinbekommt.

3.

 

Hyper-Insomnia-Para-Condrioid

 

Does This Look Infected?
2002

 

Wir begeben uns endgültig ins Tal der Depression und finden dort die drei Songs, die zwar womöglich die Finessen und die kaum zugetraute Virtuosität des Viertplatzierten vermissen lassen, gleichzeitig aber ein Maximum an Intensität, Leidenschaft und Emotion anzubieten haben. Den ersten Schritt in diese Richtung macht Hyper-Insomnia-Para-Condrioid, dem nicht nur des Songtitels wegen Preise gebühren würden. Natürlich kann man sagen, dass die High-Speed-Drums und die schwergewichtigen Power Chords keine fantasievolle oder in irgendeiner Weise spezielle Basis für den präsuizidalen Schub Whibleys darstellen. Das stimmt auch, allerdings macht es in diesem Fall die Ausführung und da gerade der Frontmann, dessen gesangliche Arbeit immer dann am eindrucksvollsten war, wenn er sich jeglicher Melodramatik entledigt und stattdessen quasi einfach ins Mikro hineingeschrieen hat. So auch hier.

2.

 

Jessica Kill

 

Screaming Bloody Murder
2011

 

Hätte "Screaming Bloody Murder" nicht zumindest dieses eine Meisterwerk der Geradlinigkeit zu bieten, es wäre wohl versunken. So aber genießt man die Absenz von allem Genießbaren. Jessica Kill ist zwar durchaus mit polierter Produktion gesegnet, abseits davon aber ein Dröhnen und Rauschen, das nur dann wirklich unterbrochen wird, wenn dafür Steve Jocz seinen Drums das Möglichste abverlangt und unablässig auf sie eindrischt. Insofern ist es schon musikalisch ein Abstieg in die emotionalen Untiefen Whibleys, der sich textlich nur noch mehr manifestiert und in verzweifelter Aggressivität und dem ultimativen Statement "Tell me the difference between love and death / You fear them both as they take your breath" aufgeht. Das Drumherum ist ähnlich fröhlich und macht dahingehend dem Albumcover Konkurrenz, ohne dabei komplett auf effektvolles Songwriting zu verzichten.

1.

 

Angels With Dirty Faces

 

Chuck
2004

 

Dem frenetischen Gitarrengewitter dieses Songs ein ruhiges, fast komplett Whibley überlassenes Intro voranzustellen, ist vielleicht der effektivste Schritt, den die Band je gesetzt hat. Gerade einmal vier Zeilen braucht es, um einen komplett einzustimmen für einen mörderischen Ritt über Riffs, die kein Halten kennen und sich vermeintlich formlos als düstere, schwergewichtige Wände rund um Whibleys Gesang aufbauen. Der ist so aufopfernd, allerdings auch so hoffnungslos wie nie sonst und macht die in den Zeilen zu Tage tretende Ausweglosigkeit und Selbstaufgabe schmerzhaft spürbar, ohne dabei auf viel mehr setzen zu müssen, als sein unablässiges Gebrüll, mit dem er einem so ziemlich jede Zeile entgegen schmeißt. Das entbehrt natürlich jeder Eleganz und Schönheit, beides wäre hier aber auch Fehl am Platz. Umgekehrt könnte man sagen, mit der in Dunkelheit gehüllten Botschaft haben die Kanadier das gefunden, dem sie am besten einen Song widmen können. Und was für einen...

Schlusswort:

Natürlich ist Sympathie zu so einer Band nur durch eine gewisse kindliche Prägung zu erklären. Und meine kindliche Prägung kannte verdammt viel Pop-Punk, zu dem auch Sum 41 gehört haben. Aber nostalgische Erinnerungen sind keine qualitative Kategorie und ihre Irrelevanz wird allein schon dadurch veranschaulicht, dass ausgerechnet vom Debüt und damit ihrer bekanntesten und kommerziell wichtigsten LP genau nichts hier zu finden ist. Das hat Gründe, unter anderem die mangelnden Ecken des Sounds und der Kompositionen. Da kam später mehr und dieses Mehr ist hier immer noch nur teilweise verewigt. Man kann der Band nämlich einen Mangel an textlicher Tiefe und ihre zeitweise Anbiederung an die Charts genauso gern vorwerfen wie vermeintlichen oder tatsächlichen Plagiarismus, ein bisschen auf die starken eigenen Ideen und vor allem die mitunter mächtige Umsetzung darf man dabei aber schon auch hinweisen. Wäre hiermit über die Maßen erledigt, ich erwarte also ein Dankesschreiben von Derrick Whibley.

 

Kristoffer Leitgeb, Paradefall eines Hyper-Insomnia-Para-Condrioid