Sum 41 - Does This Look Infected?

 

Does This Look Infected?

 

Sum 41

Veröffentlichungsdatum: 26.11.2002

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 04.04.2015


'Keep it simple' und 'I'm all grown up now' treffen aufeinander. Was kommt raus? Genau, wirklich starker Pop-Punk!

 

Ein dreifaches Hoch auf die Einfachheit! Zur Hölle mit all dem komplizierten Schmarrn, dem wir uns tagtäglich stellen müssen. Gesetzestexte nur mehr in kindgerechter Sprache, das Wirtschaften muss genauso locker-flockig funktionieren wie beim DKT und, verdammt, malen wir alle Farben des Rubikwürfels endlich gleich an! Ich weiß, da brandet allenorts vor dem Computer Jubel auf bei solch kühnen Forderungen - reicht eigentlich eh schon für ein ordentliches Parteiprogramm.

Wo wir dabei sind, weg mit all diesem komplexen Zeug in der Musik, Tod dem Jazz, Tod dem Prog! Und schon fliegen die Tomaten. Wird auch postwendend zurückgenommen, das Hoch aufs Simple bleibt aber. Was wäre schon die Welt der wohlgeformten Akustik ohne die großen Artisten der Geradlinigkeit. Schon die Beatles wussten, wie gut das Einfache ist und haben es mit Ob-La-Di, Ob-La-Da auch hinlänglich.....naja, zumindest Sum 41 beweisen es hier einmal ganz ordentlich.

 

Denn der Pop-Punk, er verträgt sich nicht so gut mit dem Wunsch nach ausgefeilten Klängen. Irgendwie logisch, genauso wie aus Butter und Salz nicht plötzlich ein Fünf-Gänge-Menü wird, wird aus Pop und Punk eben nichts in den Sphären von Mozarts Requiem. Ist aber wurscht, gestorben wird sowieso woanders. Und weil die Kanadier nach ihrem Debüt auch gleich den Metal für sich entdeckt haben, bekommt die LP einen wunderbaren Drall gesunder, aber nicht überstrapazierter Härte mit. Also unheilschwangere Bass-Lines, aber nicht zu düster, anspruchsvollere Riffs, aber dann wieder nicht so, dass man die Power Chords irgendwann nicht regieren ließe und Drums, die zwar ziemlich 'pounding' sind, aber weder Geschwindigkeitsrekorde noch ausgekugelte Schultern des daran Werkenden zum Ziel haben. Dynamisch, kraftvoll und mit ordentlich Dampf auf allen Zylindern, aber doch noch überschaubar. Was jedermanns Liebling The Hell Song zu Beginn gleich zur tollen Pop-Punk-Hymne macht, allein deswegen, weil nach einem passablen Debüt jetzt endlich von eigener Identität die Rede sein kann. Auch bedingt dadurch, dass sich nur wenige daran machen würden, einen Song über die Nachricht von der HIV-Infektion der letzten Freundin zu schreiben. Passt schon, gut so.

 

Es würden auch wenige zum komplett austickenden Wrack werden, nur weil sich nach der letzten Nacht wieder mal der Filmriss meldet, aber Deryck Whibley tut auch das. Und so kommt mit Over My Head (Better Off Dead) der wirkliche Vorgeschmack auf den neuen Sound. Mehr Aggressivität gibt's und gerade das Niveau an Maturität, dass man wenigstens über die eigene Dummheit von früher Bescheid weiß. Und auch um die der anderen, weswegen "Does This Look Infected?" viel Kritik auf verständliche Art bietet. In Tracks wie Still Waiting oder Mr. Amsterdam wird nicht groß herumphilosophiert, da wird klar gesagt, dass die Welt ziemlich scheiße ist. Da kann ein Song schon einmal so beginnen:

 

"I said this before

No matter how hard I try

I can't help be bored

While this world passes by"

 

Das klingt vielleicht nach Green Day'schem Langeweile-Lamento, irgendwann wird aber ein Schuh draus und Whibley zeigt schon, dass aus ihm halbgare Weisheiten rauszuholen sind. Und weil die nicht ganz durchgekocht sind, vertragen sie sich in ihrer schnörkellosen Wut auch gleich viel besser mit Dave Bakshs großartiger Arbeit an der Gitarre und Steve Jocz' angestrengter Trommelei. Das zwischen Harmoniegesang und Gebrüll steckende Frontmännchen fügt sich da perfekt ein in diese kurzweiligen Songs mit ihren eingängigen Melodien und der nicht zu verleugnenden Emotion dahinter. Sind doch viele Zutaten für gute Minuten, oder?

 

Die werden trotz aller Kürze des Albums auch nicht so schnell weniger. So wirklich dreht man nämlich erst auf, wenn der Schatten der Depression über der Band wabert. Damit werden No Brains und Hyper-Insomnia-Para-Condrioid - und der K-Songtitelaward geht an... - zu den Prunkstücken, die das Quartett hier im Angebot hat. Ersterer besticht als härteste Nummer, der dahingehend nur Mr. Amsterdam Konkurrenz macht, mit den starken Metal-Riffs, die auch manchen Tempowechsel gut überstehen und dem Song so ein großartiges Solo und viel Dynamik verleihen. Dazu kommt die starke Bridge mit drei konkurrierenden Gesangsspuren und voilà, schon fertig. Das Titelwunderwerk gibt sich dagegen klassisch punkig, hat banale Drums, die auch die Ewigkeit überstehen, und eine klare lyrische Marschrichtung, die wenig Gutes verheißt:

 

"Silence is ringing in my head

Stuck on repeat

Not much longer I'll be dead

So just forget me

I'm losing my mind

And I don't think you could save me this time"

 

Andernorts soll es weniger weh tun und mit der Todessehnsucht verschwindet dann leicht auch die Anteilnahme beim Hörer. Denn die Erinnerungsbrocken an alte, seichte Pop-Punk-Tage, die sind die verzichtbarsten Minuten. My Direction erlaubt sich wenigstens noch ein paar nette Tempospielereien und gute Einlagen von Baksh und Jocz an ihren Geräten. Doch wirklich unnötig wird's dann mit dem banalen All Messed Up, dass ganz danach riecht, als wäre es in einer gelangweilten Stunde vor der musikalischen Härte-Epiphanie der Band entstanden. Vergeudete Momente, wie auch A.N.I.C. einer ist. Wenigstens ein kurzer, denn in 40 Sekunden bleibt wirklich nicht genug Zeit, um irgendetwas ausreichend zu zerstören, auch wenn das knappe Hass-Memo gerne im Studio hätte bleiben können.

 

Weil aber der Rest seine Zeit besser draußen, also beim geneigten Musikliebhaber verbringt, wird auch bei dem ein Auge zugedrückt. Zum großen Triumph fehlt es vielleicht ein wenig an wirklichem Killer-Material, tut doch bei einer kurzen halben Stunde jede vergeudete Gelegenheit weh. Doch der Schritt vorwärts, den die Kanadier mit ihrer zweiten LP getan haben, ist ein beachtlicher. Viel wichtiger noch, er klingt einfach oft verdammt gut. Und mit seinen Texten, die irgendwie simpel und dann doch nicht kompliziert sind, streift Whibley auch öfter irgendwo an der Wahrheit an, als man es ihm zutrauen würde. Reicht doch, sollte man meinen.