Selena Gomez & The Scene - Kiss & Tell

 

Kiss & Tell

 

Selena Gomez & The Scene

Veröffentlichungsdatum: 29.09.2009

 

Rating: 5.5 / 10

von Mathias Haden, 27.03.2016


Von Masken, Identitätsfragen und frischem Blut aus dem sonnigen Hollywood.

 

Wie sagte einst Hugh Laurie? "Acting is largely about putting on masks, and music is about removing them." Und der muss es doch wissen, immerhin kennt der Mann, dessen Name irreversibel mit seiner Signaturrolle als Doktor Haus (original: Doctor House) verknüpft ist, beide Welten des Showbiz. Fragt man seine Kollegin im doppelten Sinne, Selena Gomez, wo ihre Motivation für ihre populäre Vielfältigkeit rührt, darf man sich wohl keine tiefsinnigen Epen erwarten. Mit gerade einmal 16 Jahren, mit denen Laurie selbst noch von seinen legendären Rollen in "Spice World", "101 Dalmatiner" und "Stuart Little" entfernt war, aber auch kein Wunder. So alt war Gomez nämlich, als ihr neben der erfolgreichen Teen-Star-Schauspiellaufbahn ein zweiter Karrierepfad nahegelegt wurde. So formierte sich um den in Texas geborenen Jungspund rasch eine Begleitband und im nächsten Moment stand man als Selena Gomez & The Scene zuerst im Studio, wenige Zeit später lachte man bereits vom Plattencover der ersten LP.

 

Die heißt Kiss & Tell und bietet eine Mischung aus Pop-Rock, der in einer ent'Punk'ten Form aus Avril Lavignes Frühphase stammen könnte und einer - hey, wir sprechen hier immerhin von den späten Nullerjahren - ordentlichen Prise Elektronik. So weit, so gut. So uninteressant die nächste E-Pop-Platte in Zeiten von Lady Gaga und den Black Eyed Peas klingt, so unbrauchbar kommt sie gar nicht daher. Wie an anderer Stelle schon beschrieben, ist Gomez nicht die stimmgewaltigste unter den Sprösslingen der Pop-Garde, dafür haben ihre Hitlieferanten einige verdammt eingängige Hymnen zusammengekratzt. Und dass so eine Aussage keineswegs negativ konnotiert sein muss, beweist direkt das als letzte Single ausgekoppelte Naturally. Dieses feine Pop-Juwel, das mit kleiner Verspätung auch die europäischen Breitengrade heimsuchte, bäumt sich mit seinem stampfenden Discobeat auf, schickt flimmernde Synthesizer ins Rennen, um mit seiner reißerischen Hook schließlich zum Tänzchen zu bitten und repräsentiert mit seiner einnehmenden Natur den Spirit des Albums. Zurückrudern muss der gar nicht so stolze Rezensent dann auch, immerhin brechen trotzige Punk-Maulwürfe gelegentlich durch den braven Synth-Asphalt. Mit As A Blonde, ihrem Versuch, mit verruchter Stimme ein paar Jährchen älter zu wirken, gelingt das Kunststück auch ganz gut, zwischen verträumten Keyboard-Tupfern mit der Brechstange drauf los zu rocken. Wäre da nicht wie so oft der Text als Spielverderber: "I'll be ever so enticing, cake a lot of icing / Never have to watch my weight / Yeah, when I'm gone / I'm gonna come back as a blonde".

 

Immerhin kann man dem Disney-Sternchen nicht vorwerfen, in irgendeiner Form abseits von der Vertonung am Produktionsvorgang dieses literarischen Mumpitzes beteiligt gewesen zu sein. Lediglich I Won't Apologize führt die Sängerin als beteiligte Songschreiberin - es sollte überhaupt bis zum dritten Album in dieser Konstellation (When The Sun Goes Down) der letzte Credit bleiben. Im Pop-Geschäft freilich keine Seltenheit, doch kann man dann auch nicht erwarten, dass sich die Vortragende mit allem identifizieren kann. Auf dem von ihr mitgeschriebenen Stück gibt sie sich immerhin bestimmt ("I'm sorry for changing / I'm sorry it had to be this way / Believe me, it's easier just to pretend / But I won't apologize for who I am"), ihr persönliches Profil lässt sich vorerst indes noch nicht herauslesen. Was schnell auffällt ist allenfalls, dass ihr die dynamischeren Titel mehr zu liegen scheinen, als die eher zurückhaltenden, bei denen ihre gesanglichen Fähigkeiten im Rampenlicht ein wenig entwaffnet werden. Besonders Stop & Erase entfaltet dahingehend Qualitäten als lässiges, Rock-infiziertes Pop-Gem mit ordentlich Drive und selbst der überladene Titeltrack offenbart trotz lyrischer Banalität und unguter Handclaps erfreuliche Tanzbarkeit.

 

Was uns auch schon zur anderen Seite von Kiss & Tell bringt. So sehr sich die Protagonistin streckt und windet, ihren kitschigen Céline Dion-Gedenknummern wie The Way I Love You mit Hingabe und Gefühl einen Charakter zu verpassen, so rasch werden ihr leider die stimmlichen Unzulänglichkeiten zum Verhängnis, deren Wichtigkeit gerade in dieser Disziplin nicht von der Hand zu weisen sind. Dass die Typen von Hollywood Records aber keine Schwachköpfe sind und ihren Schützling hauptsächlich in flottere Nummern einbetten, ist klar. Wo man auch hinhört, geht es straight nach vorne. Neben den ordentlichen Crush, auf dem sich die Band irgendwo zwischen Lavigne und Gwen Stefani einpendelt, samt pubertärer Lyrik und dem liebenswürdigen I Got U, auf dem wie so oft mäßige Backgroundstimmen zur unangeforderten Hilfe eilen, gibt es leider auch viele schwachsinnige Stücke. Vom stupiden Teen-Gemotze von Falling Down über das nicht wirklich ergiebigere More samt cheesy Synthies und verkrampft coolem Gesang hin zum besserwisserischen Closer Tell Me Something I Don't Know wird Gomez viel zu oft in unterschiedliche Rollen gepresst, wirkt - im Gegensatz zu Avril oder auch ihrer Disney-Kollegin Miley - praktisch nie wie sie selbst.

 

Muss sie aber auch gar nicht. So gern der Doktor, immerhin stolze 33 Jahre älter als die Disney-Prinzessin, über abgenommene Masken sinniert, so locker kommt Selena Gomez am Anfang ihrer Gesangskarriere mit selbiger auf dem Gesicht aus. Die Debütantin müht sich auf ihrem Album sehr, weiß trotz streitbarem Erkennungswert und von Flausen gespickten Teenie-Texten mit ihrem auf den Tanzfloor schielenden Elektro-Pop genauso oft zu überzeugen, wie sie zu nerven vermag. Ein faires Unentschieden auf sämtlichen Ebenen also und doch darf sich die auf diesem Gebiet reichlich unerfahrene Gomez wie eine heimliche Siegerin fühlen. Es sei ihr gegönnt.

 

Anspiel-Tipps:

- Naturally

- Stop & Erase

- I Got U