Rodrigo Y Gabriela - 11:11

 

11:11

 

Rodrigo Y Gabriela

Veröffentlichungsdatum: 07.09.2009

 

Rating: 8 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 10.05.2018


Kein Maximal-Minimalismus mehr, aber immer noch ein Fest für alle Flamenco- und Rock-Guitareros.

 

Minimalismus in der Musik ist ja an und für sich nicht ganz so schnell beschrieben. Natürlich ist es eine Form radikaler Reduktion, wenn die ganze instrumentale Begleitung in der Form eines Triangel-Spielers stattfindet, aber es ist nun einmal nicht die einzige. Auch mit vielen Instrumenten kann man wenig machen, Paradebeispiel für diese Disziplin ist natürlich - wie könnte es anders sein? - John Cage und sein 4'33". Jetzt muss man nicht so weit gehen, ein ganzes Orchester auffahren zu lassen, nur um dann viereinhalb Minuten Stille zu bieten. Das ist eine extravagante Praxis, einfach nur, weil man es kann. Aber man kann auch mit mehr als nur einer Akustikgitarre noch relativ ruhig und zurückhaltend agieren. Gleichzeitig kann man, so die zu ziehenden Schlüsse aus "Rodrigo Y Gabriela", auch mit verdammt wenig ziemlich viel Wind machen. Nun ist allein das schon Beweis der außergewöhnlichen Fähigkeiten, mit zwei Gitarren und ohne jegliche Stimmgewalt da zu sitzen und ein Feuerwerk zu zünden, es engt aber dann doch auch dezent ein. Die Möglichkeiten sind begrenzt, auch wenn sechs Saiten erfahrungsgemäß recht viele Akkorde hergeben. Gerade deswegen dürfte man auch "11:11" mehr wollen.

 

Andererseits muss man einschränkend sagen, dass der selbstbetitelte Vorgänger ja ohnehin eine Ausnahme war, weil sie sich da so ganz alleine ins Studio gesetzt haben. Gereicht hat es für ganz, ganz viel. Trotzdem betritt man auf größtenteils subtilem Wege neues Terrain, lässt den kompletten Purismus außen vor und erlaubt sich nicht nur den einen oder anderen Gast auf der LP, sondern sogar den einen oder anderen Studiotrick, um dem eigenen Geschrammel die nötige Tiefe zu schenken. Dass das schon im Opener gut genug gelingt, um etwaige Befürchtungen in Richtung eines drastischen Genialitätsabfalls wegzuwischen, beeindruckt nur insofern, als dass man das kurzzeitige Abdriften in die Soundqualität der 30er nie und nimmer als Störfaktor wahrnehmen würde. Hanuman ist natürlich schon ein bisschen Tamacun und so ein Naheverhältnis zum Höhepunkt der letzten LP kann leicht schaden. Was allerdings passiert, ist viel eher, dass man vom kraftvollen Einstieg, des High-Speed-Duetts an den Gitarren und dem charakteristischen Gemisch aus Flamenco und Rock-Avancen fast genauso weggeblasen wird wie drei Jahre vorher. Es gibt einfach keinen Ansatzpunkt für wirkliche Kritik, weil sich das Zusammenspiel um nichts verschlechtert hat, im Gegenteil lockerer klingt.

 

Man würde jetzt auch in der Folge keinen relevanten Abnutzungserscheinungen begegnen. Selbst die Tatsache, dass das Erfolgsschema, diese beiden begnadeten Gitarristen allein auf weiter Flur, bereits bekannt sind, raubt den Songs wenig an ihrer faszinierenden Aura. Dazu kommt, dass "11:11" als ein großer Tribut konzipiert wurde. Nicht aber als Tribut an ein Idol, sondern viel eher als Konglomerat vieler Ehrerbietungen gegenüber den Helden des Duos. Naturgemäß kennt man nicht alle, gerade die Albummitte scheint sich vor diversen Jazz- und Latinkünstlern zu verbeugen, von denen bestenfalls Al Di Meola und Paco De Lucía dem geneigten Kretin etwas sagen. Macht aber nichts, ummantelt wird all das nämlich von Songs, deren Ziel die Anlehnung an wirkliche Legenden ist. Dass man sich Carlos Santana vornimmt, ist wenig überraschend, die klangliche Überschneidung ist ohnehin nie zu überhören. Und er bekommt mit Hanuman auch gleich einen Volltreffer.

Größeres Interesse wecken andere Titel, allen voran das späte Atman, gewidmet Dimebag Darrell und damit unweigerlich dem Metal verpflichtet. Und sowohl Rodrigo als auch Gabriela können das, haben es auch schon bewiesen. Der Song ist dementsprechend auch eine aggressive Mischung aus klassischen Flamenco-Rhythmen und trockener, harter Percussion, die zwar nur an den Gitarren selbst gespielt wird, trotzdem aber für einen Anflug von Düsternis sorgt. Verstärkt dadurch, dass mit Alex Skolnick tatsächlich noch ein Metal-Gitarrist seinen Platz bekommt, gelingt der musikalische Spagat. Die blueslastige Distortion der E-Gitarre mitsamt schrillem Shredding hilft genauso sehr wie die Studiospielereien, die das Akustikgezupfe mehrmals klanglich auf- und abtauchen lassen, gegen Ende für ein psychedelisch angehauchtes und von Oud und Darbuka ausgefülltes Fade-Out sorgen. Da kommt nicht so viel heran, weder das mit Klavier und Produzent John Leckie eingespielte, Pink Floyd zugetane Finale 11:11 noch Buster Voodoo, das Jimi Hendrix alle Ehre machen will. Beide gelingen, keine Frage. Das eine als atmosphärischer, mit nachhallendem, dezent spacigem Sound versehener Pseudo-Prog, dem es lediglich ein wenig an Tempo mangelt. Das andere als sprunghaftes, mit diversen Tempobrüchen versehenes Spektakel, dem man zwar die Imitation von Hendrix' Gitarrenexzessen anmerkt, nur dass diese ohne E-Gitarre und entsprechende Effektpedals nicht ganz ausgefüllt werden können.

 

Macht nichts, genauso wie einen auch die Nähe von Santo Domingo zu früheren Kompositionen oder die relative Überlänge des abwechslungsreichen Hora Zero irgendwie störend wären. Was dann doch dezent an der Ausbeute nagt, sind zumindest Logos und Chac Mool - letzteres immerhin nur ein quasi-Intro für Atman. Beide erscheinen trotz anders gearteter Widmung wie Nachahmungen der klassischen, im Hard Rock und Metal seit den 70ern fast verpflichtend einzustreuenden Akustik-Interludes, offensichtlich angelehnt an ähnliche Übungen von Black Sabbath oder aber die epochalen Metallica-Intros selber Prägung. Dem Stil entsprechend traben beide eher dahin, opfern damit aber die Fingerfertigkeit und die Energie anderer Tracks für eine stimmungsgetragene Vorstellung, die wenig Stimmung mitbringt.

 

Das sind Schwachstellen, andererseits beinahe noble Versuche, weil sie Teil der Songfront sind, die sich erfolgreich gegen etwaige Abnutzungserscheinungen wehrt. Dass die unausweichlich gewesen wären, beweist der relativ große Mittelbau, der zum Inbegriff solider Arbeit wird. Ausreißer gibt es, Santo Domingo zum Beispiel konserviert erfolgreich die explosive, mitreißende Qualität des Vorgängers. Selbst da ist es aber keine Offenbarung mehr, sondern mehr eine Bestätigung des Bekannten, mit der man sich sehr gerne anfreundet, die aber weniger Best-Of-Potenzial beweist.

 

Wobei das wenig daran ändert, dass man auf hohem Niveau kritisiert, wenn man allein darauf beharrt, dass hier nicht alles an die Höchstleistungen des mexikanischen Duos heranreicht. Effektiv ist "11:11" immer noch eine Ansammlung beeindruckender Darbietungen von Rodrigo und Gabriela, die beide nichts an Finesse eingebüßt haben. Der Überraschungseffekt ist vielleicht ein wenig verloren gegangen. Das kann ihnen aber keiner vorwerfen, eher noch sind da die Ausflüge in Richtung gesetzter, fast schon in Ambient-Sphären abdriftender Minuten eine Sünde, die ein wenig Erklärungsbedarf von Seiten der Gitarristen bedeutet. Ansonsten ein weiterer Ohrenschmaus für all jene, die sich mit der Tatsache anfreunden können, dass ein Instrument für diese beiden Gottstatus besitzt und alles dominieren darf. Solang das so gut passiert, gibt's von mir einmal sicher keine Einwände.

 

Anspiel-Tipps:

Hanuman

- Santo Domingo

Atman

- 11:11