Rodrigo Y Gabriela - Rodrigo Y Gabriela

 

Rodrigo Y Gabriela

 

Rodrigo Y Gabriela

Veröffentlichungsdatum: 17.02.2006

 

Rating: 9 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 02.04.2016


Grenzen werden gesprengt. Präzision wird gepredigt. Folk Rock wird gelebt.

 

Die Instrumentalmusik ist ein mir im Grunde meines Geistes fremdes, ja, fast unverständliches Gebiet. Warum so einfach auf die tragende Stimme verzichten? Und dann erst auf die Texte, also quasi jede entzifferbare Botschaft? Ein Mysterium. Aber Mexiko ruft und im Gegensatz zu ein paar menschlichen Kuriositäten, die zu diesem Land allen Ernstes eine Mauer bauen wollen, heißt es hier auf MusicManiac: Willkommen! oder vielleicht doch besser: Bienvenido! Mit dem nordamerikanischen Staat gelingt also nicht nur das versprochene klimatische Upgrade zum letzten Erkundungsausflug, sondern auch eine musikalische Offenbarung, die weit über den Titelsong für Speedy Gonzales hinausgeht. Dafür sorgen - einer kleinen Schummelei sei Dank - die beiden in Irland beheimateten Exil-Mexikaner Rodrigo Sanchez und Gabriela Quintero, die sich als Duo weitaus vielseitiger zeigen, als man das von zwei Leuten mit nichts als akustischen Gitarren erwarten sollte.

 

Die Erklärung dafür findet sich schnell in der Geschichte der beiden. Irgendwann in grauer Vorzeit, also den 90ern, waren beide im Metal daheim, praktizierten ihn wenig erfolgreich, behielten aber die großen Helden von damals - Metallica, Megadeth, Slayer - im Hinterkopf und nahmen sie mit in die Welt akustischer Musik. Entgegen anderslautenden Vermutungen passt das sehr gut, allein weil die beiden Gitarristen alles andere als Stümper sind. Mit einer beeindruckenden Finesse, Energie und Ausdrucksstärke verbinden sie Folk Rock, Flamenco, Latin und die Einflüsse aus Hard Rock und Metal zu etwas, das sich eigentlich einer treffenden Beschreibung entzieht. Was immer es letztlich auch ist, es wird dem Albumcover äußerst gerecht: Mit fast animalischer Angriffigkeit pflegt man auf der LP einen präzisen und doch impulsiven Stil, dem es weder an Emotion, noch an Abgeklärtheit mangelt.

 

Das Ergebnis sind Songs wie Vikingman oder Juan Loco. Abrupt und doch ohne jegliche Übergangsschwierigkeiten wechselt man von schnellen, aber doch gemütlichen Flamenco-Passagen zu druckvollen Tempo-Exzessen, die trotz ihrer grazilen und klanglich sonnigen Art tatsächlich viel eher Power Chords und harte Metal-Riffs in Erinnerung rufen als übliche Latin-Töne. Wer von den beiden nun führt und wer folgt, scheint unmöglich zu bestimmen. Doch Gabriela scheint als die, die an ihrer Gitarre für die Percussion zuständig ist, die zu sein, die das Fundament legt für die klar definierten Stilbrüche, die man sich erlaubt. So wie etwa die kurze, abgebremste Classic Rock-Duftmarke in Juan Loco, die völlig ohne ihr Getrommel auskommt, während rundum auf diese tiefen Klänge nicht zu verzichten ist.

Wobei das wiederum fast so klingt, als wäre das ein einziges Percussion-Fest. Mitnichten! Das Duo bespielt nicht umsonst zwei Gitarren, die vollendete Fingerfertigkeit der beiden ist in fast jedem Song spürbar. Am allerfeinsten klingt sie gleich zu Anfang, im makellosen Tamacun, das zwar geradliniger gerät als die meisten umliegenden Tracks, dafür aber inmitten des kraftvollen Gezupfes die stärkste Hook und den Latin- bzw. Flamenco-üblichsten Sound des Albums bietet. Man verzichtet trotz auf wenige Sekunden beschränkter rockiger Passagen auf große Stil-Wanderungen, gibt sich stattdessen ganz einer rundum dynamischen und feinfühligen Flamenco-Melodie hin, die sich nur gegen Ende in ihre Einzelteile auflöst, um dem großartigen, leicht düsteren Percussion-Finale Platz zu machen.

 

Die Vorliebe für härtere Klänge wird an anderer Stelle hervorgehoben, allen voran in den Coverversionen von Stairway To Heaven und Metallicas Orion. Erstere gerät erwartbar schwierig, ist doch das Led Zeppelin-Original nicht zu verbessern. Vielleicht auch deswegen erlauben es sich die Mexikaner, den Song markant abzuändern, ihm ein höheres Tempo einzuflößen und ihn so auf knapp fünf Minuten zu stauchen. Gelungen ist das allemal, technische Mängel lassen sich keine Feststellen. Doch trotz aller spielerischer Qualität zerbricht die Version etwas am großen Vorbild, kann weder deren Atmosphäre, noch deren Eleganz voll einfangen. Ganz anders gestaltet sich Orion. Dem sphärischen, leicht spacigen 'Blues-Metal' entrückt, wird das Instrumental hier zu einer genialen, percussion-lastigen Akustikübung, die auch ohne Bass-Soli für ein markantes Mehr an atmosphärischer Kraft sorgt. Dabei hilft, dass den Song und die Instrumente hier mehr als im Original eine drückende Schwere bestimmt, die ihn klanglich schon fast in die Nähe des Mittelalter-Rock bewegt. Was herauskommt, ist ein furioser Auftritt, treu zum Vorbild und doch einen ganz anderen Eindruck vermittelnd und auch als klar längstes Stück des Albums ohne jegliche Langatmigkeit.

 

Ein, zwei Mal kommt die vielleicht doch auf. Closer P.P.A. gerät da schnell ins Blickfeld und das, ohne sich wirklich etwas zu Schulden kommen zu lassen. Nein, handwerklich wird auch da erstklassig gearbeitet. Das leichte Gezupfe zu Beginn wirkt elegant wie eh und je, die Percussion kommt mitunter dramatischer und druckvoller daher als irgendwo sonst. Trotzdem funkt es nicht so ganz, die fehlenden zündenden Ideen für neue, unerwartete Brüche könnten ausschlaggebend sein. Man hat es davor schon gehört, nicht zwingend besser, aber interessanter. Und das sich vom Stillstand zum absoluten High-Speed steigernde Finale wirkt eher pflichtbewusst eingestreut als ähnlich leidenschaftlich und spontan wie das vorangegangene Spektakel.

 

Das ist allerdings argumentativ ein Herumwandeln auf sehr dünnem Eis. Dass dieser LP nicht einfach ein gerader 10er überreicht wird, liegt in einer hoffentlich einleuchtenden Feststellung begründet: Zwei typengleiche Instrumente sind einfach verdammt wenig Material, um auf Albumlänge wirklich allumfassend voll zu punkten. Eine solche Leistung wäre mehr als ein riesiges Kunststück und wie nahe Rodrigo und Gabriela, die mexikanischen Gitarrenkünstler, da herankommen, ist schon Beweis genug für deren Brillanz. Neben einer fast fehlerlosen technischen Umsetzung bleibt mit "Rodrigo Y Gabriela" vor allem die nicht zu leugnende Leistung, ein Album geschaffen zu haben, das vom Latin-Liebhaber bis zum Metal-Fanatiker und natürlich mittendrin den Folk-Rock-Freund eigentlich alle ansprechen kann.

 

Anspiel-Tipps:

- Tamacun

- Vikingman

- Orion

- Juan Loco