Puddle Of Mudd - Come Clean

 

Come Clean

 

Puddle Of Mudd

Veröffentlichungsdatum: 28.08.2001

 

Rating: 3.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 12.04.2014


Sie wollten unbedingt wie Nirvana sein und sind doch bei Nickelback stecken geblieben.

 

Die letzten 20 Jahre haben uns so manch unliebsame musikalische Strömung beschert. Peinlicher Poser-Hip-Hop erreichte Ende der 90er und Mitte des letzten Jahrzehnts ungute Ausmaße, Techno und Dance haben uns mit all ihren nahen Verwandten aus der Elektronik-Abteilung bis heute nicht mehr verlassen und nicht zu vergessen auch das unsägliche aus-dem-Boden-Sprießen zuerst von Boy und Girl Groups und dann einer nicht enden wollenden Reihe von Casting-Entdeckungen, die besser unentdeckt geblieben wären. Dabei vergisst man leider oft die Post-Grunge-Welle, die die Welt dank Creed und Nickelback um das Millennium erfasste. Identitätslose, pseudo-depressive und auf Erfolg getrimmte Rock-Bands machten die Charts unsicher und Puddle Of Mudd waren zumindest in dieser Rubrik ganz, ganz vorne dabei.

 

Dabei kann man deren Frontmann Wes Scantlin tatsächlich als einen der Cobain-Verehrer betrachten, der schon viel früher mit seiner allzu ähnlichen Stimme und den allzu ähnlichen Riffs Songs auf den Markt warf. Geklappt hat's aber erst mit "Come Clean" und einer Art Musik zu machen, die einen in Wahrheit nur den Kopf schütteln lässt. Denn wer sich diese knappe Stunde zu Gemüte führt, bekommt keineswegs ein neues "In Utero" präsentiert. Nein, viel eher gehen die elf Tracks in Richtung von Chad Kroeger, unserem heimlichen Rock-Gott. Das bedeutet, es gibt harte Riffs, die fast durchgehend so weit abgeschliffen wurden, dass selbst Bob Rock nur mehr staunend daneben stehen würde und kaum mehr übrig bleibt als Songs, die zu jeder Zeit in jedem Land aus allen Radiostationen und Fernsehern herausgepresst werden müssen.

 

In diesem Fall übernehmen diese Rolle vor allem Blurry und She Hates Me. Es stimmt einen schon misstrauisch, wenn die bekanntesten Songs einer Grunge-Band eine weniger als lauwarme Trennungsballade einerseits, ein mäßig witziger Trennungsrocker mit bemerkenswertem Ohrwurm-Potenzial andererseits sind. Keine düsteren Zeilen, keine von Selbsthass zerfressenen Performances. Stattdessen Material für 12-jährige Mädels und 16-jährige besoffene Party-Gäste. Zumindest den Party-Gästen kann man nicht allzu viel vorwerfen, wenn sie She Hates Me mögen, denn der lässt wenigstens ordentlich die Sau raus.

 

Wer nun glaubt, Scantlin würde andauernd solches Zeug produzieren, der irrt. Denn abseits davon wird dann doch oft genug versucht, es den Idolen nachzumachen. Out Of My Head beginnt mit kernigem Nirvana-Riff, Nobody Told Me schielt zu Beginn sogar ziemlich ins Alt Metal-Eck und Abrasive ist dann tatsächlich der Versuch eine ordentlich dreckige Nummer abzuliefern. Es bleibt allerdings bei den Versuchen. Denn die Fehlerquellen sind so vielfältig, dass sie alles an guten Ideen wegspülen.

Zum einen denkt die Band äußerst selten daran, einen Song vor der 4-Minuten-Marke auslaufen zu lassen, traut sich bei Nobody Told Me und dem lächerlich langweiligen Piss It All Away sogar auf fünfeinhalb vor. Die meisten Bands mit Punk-Anleihen haben allerdings irgendwann begriffen, dass Power Chords eine niedrige Halbwertszeit haben und halten sich von solchen Längen fern. Natürlich wäre das zu kompensieren, würde das Konzept der Songs nicht beinahe durchgehend schon nach dem ersten Refrain vollends abgehandelt sein. Auf ruhige, mit polierten Gitarrenspielereien verfeinerte Strophen folgt der allzu vorhersehbare laute Ausbruch im Chorus, der aber weit weniger Energie vermittelt als geplant.

Daran nicht ganz unbeteiligt ist Scantlins Stimme, deren frappante Ähnlichkeit zu der von Kurt Cobain kaum hilft, vor allem weil er tatsächlich zu sehr versucht ein guter Sänger zu sein. Der steckt schon irgendwo in ihm, nur braucht's ihn auf dem Album eigentlich nie. Statt mitreißender Power kommen lasche Harmonien an. Das wollen wir - ich spreche hier, glaube ich, stellvertretend für die meisten von uns - nicht.

Noch weiter getrübt wird das Bild durch kaum gelungene Versuche, Abwechslung in die Platte zu bringen. Das Außergewöhnlichste, der orientalisch anmutende Akustik-Sound von Piss It All Away passt zur LP, wie...ach, pfeif auf den Vergleich, er passt einfach nicht. Die akustischen Minuten tragen überhaupt wenig zum Gesamtbild bei, wird doch Drift & Die ähnlich wie bereits Blurry und mehr als die rockigen Tracks zu einer wahrlich zähen Angelegenheit.

 

Ich hab mir die gute Seite aber auch bis zum Schluss aufgehoben. Denn zwischen faden Arrangements, ohne Nachdruck vorgetragenem Rock und ab und an schlicht peinlichen Zeilen - nie hat Depression weniger ehrlich geklungen als hier -, gehen die gelungenen Nummern fast unter. Opener Control, seines Zeichens erfolgreiche Leadsingle, ist eine denkbar unpassende Eröffnung, gibt die Band doch hier einmal trotz fehlendem Tempo so Gas, wie man es auf Gesamtlänge von ihnen erwarten würde. Für Produktion und Monotonie hagelt es auch hier Abzüge, eine ordentliche Darbietung bleibt's aber allemal. Nahe dran am wirklichen Top-Song ist dann sogar Bring Me Down, der tatsächlich völlig unerwartet Nirvana-Stimmung aufkommen lässt. Da gibt's positive Erinnerungen an "Nevermind", die zwar in Form eines etwas zu geradlinigen Tracks münden, dafür wird aber Power, Wut und Energie abgeliefert.

 

Leider bleibt's aber auch dabei. Deswegen und wegen ach so vieler anderer Problemchen steht mit "Come Clean" kein Meilenstein des Rock an. Das Album scheint eher eine Lehrstunde im Fach 'Wie mache ich aus viel ungleich weniger?' zu sein. Die guten Ansätze kann man einigen Songs hier nicht absprechen, es wird aber schlicht nichts daraus gemacht. Diese dreizehn Songs sind beinahe durchgehend ein Ausbund an Langeweile, der einen wenigstens nicht im Übermaß stört, wenn man ihn nur so nebenbei laufen lässt. Wer genau hinhört, muss sich aber zwangsläufig fragen, wo denn die Millionenverkäufe herkommen.

 

Anspiel-Tipps:

- Control

- Bring Me Down