Evanescence - Fallen

 

Fallen

 

Evanescence

Veröffentlichungsdatum: 04.03.2003

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 14.04.2018


Das stimmkräftige Poster-Girl eines Genres als einziger Trumpf inmitten kantenloser Alltagskost.

 

Will ein Kind der Jahrtausendwende in musikalische Nostalgie verfallen, so birgt das zumindest in Fachkreisen gewisse Risiken. Es ist jetzt nicht so, als wäre nicht auch in diesen Jahren das eine oder andere weithin anerkannte Meisterwerk entstanden, doch die popkulturell prägenden Figur dieser Ära waren neben almost nobodies darling Marshall hauptsächlich Leute wie Britney, Billie Joe oder Chester. Während nun Eminem damals auch der Kritikerjubel sicher war, verhält es sich mit den Anführern strikt auf ihre kurze Chartdominanz beschränkter Genres nicht ganz so. Anders formuliert: So etwas wie Pop-Punk, insbesondere aber Nu Metal ist kommerziell betrachtet seit längerem ausgestorben und mit ihrem Ableben war beiden auch die Häme fast aller Beobachter sicher, sieht man von wenigen Glückseligen ab. Kurzum, die Kinder dieser Zeit, die vielleicht wirklich noch blink-182 oder Linkin Park anhimmeln, stehen ein wenig im Abseits und können schon fast auf Mitleid der gesegneten Zeitgenossen zählen, die noch zu Zeiten von Smells Like Teen Spirit oder gar Stairway To Heaven aufgewachsen sind. Und doch muss klar sein, dass sich auch die kommerzialisierteste Form eines altehrwürdigen Musikstils verteidigen lässt, hat man nur die nötige Chuzpe. Also dann: Auf ins Gefecht!

 

Bewaffnet mit einer LP, die ihrem Zeitgeist entspricht, in ihm aber auch ein bisschen gefangen ist. Das könnte man hinreichend damit belegen, dass die musikalische Weltherrschaft von Evanescence gerade einmal ihr Debütalbum überdauert hat und bereits mit "The Open Door" komplett ad acta gelegt war, weswegen kaum jemand mitbekommt, dass die Band heute immer noch am Veröffentlichen ist. Auf alle Fälle war 2003 das Jahr, in dem sich der Nu Metal ein letztes, äußerst erfolgreiches Mal gegen den drohenden Untergang gewehrt hat und einerseits in Form von "Meteora", andererseits eben durch den Auftritt des einzig wahren Poster-Girls dieses Genres alles abräumen durfte. Fernab von Fairness und mit einer guten Portion Häme könnte man behaupten, Frontfrau Amy Lees größter Trumpf ist bereits ihre Weiblichkeit, ist gerade die doch eine Seltenheit im Genre geblieben und generell nicht so fest verankert im Metal-Alltag. Es ist auch nicht zu leugnen, dass die für die 00er-Jahre klassisch abgeschliffenen, trotzdem aber röhrenden Riffwände nur deswegen aus der Masse herausragen, weil in ihrer Mitte die glockenhelle, ausdrucksstarke Stimme von Lee thront.

In der Praxis heißt das, dass sich einem mit Opener Going Under ein verführerisches Gesamtpaket präsentiert. Man kommt nicht umhin, die Musik mit den etablierten Kräften des Genres, allen voran Linkin Park und Papa Roach zu vergleichen. Allerdings führen der beinahe komplette Verzicht auf Rap-Parts und Lees effektvoll emotionsbeladene Stimme zu einem melodischeren Ganzen, zu einem Hauch beinahe orchestraler Klarheit, der sich in den großräumigen Gitarrenexzessen ausbreitet. Und während man mit den hymnischen Refrains archetypisch agiert, sich auch bei den Songlängen an strengste Chartvorgaben hält, vermittelt das eine oder andere Gitarrensolo genauso wie manch ein unaufdringlich eingeflochtener Einsatz von Streichern den eigenen Charakter der Band, der auf recht bemerkenswerte Art gleichzeitig einen Schritt in Richtung Pop und in Richtung Gothic Rock zulässt.

 

Funktionieren kann das, soviel verrät einem die LP in ihrer Gesamtheit definitiv, trotzdem nur mit gebotener Härte und dringendst notwendiger, leicht verdaulicher Hook. Beides paart sich höchst selten und am effektivsten auch gleich beim ersten Welthit der Band, Bring Me To Life, der dank Gast-Duettpartner Paul McCoy tatsächlich einen ordentlichen Rap-Part sein Eigen nennen darf und mit mächtigem Refrain aufwarten kann, der das zerbrechliche Klavier-Intro verdammt schnell vergessen macht. Von Originalität fehlen erkennbare Spuren, was auch darin begründet liegt, dass auch Lees Texte von einer egozentrischen Depressivität geprägt sind, die die Emo-Welle in Maßen zum Vorbild hat und mit in ihrer plakativsten Form darbietet, ohne wirklich Teil davon zu sein. Die Lamentos von Betrug, Einsamkeit, Verlust, Herzschmerz und Selbstfindung sind auf alle Fälle nur insofern effektiv, als dass sie von Lee dermaßen leidenschaftlich vertont werden, dass man nur von Authentizität ausgehen will. Früchte trägt sowas trotzdem nur bedingt, gerade die Klavierballade My Immortal bezeugt trotz starker Hook und Vocals relativ deutlich, wie herkömmlich die Zutaten sind, mit denen man arbeitet. Dass da eine fähige Sängerin am Werk ist, merkt man, dass sie sich umringt vom Piano und Streichersätzen aber in allzu melodramatischen Gefilden bewegt, wird auch bald klar. Das macht einem die Entscheidung, ob man da jetzt Tränen vergießen oder einfach nur großes Kino vermuten soll, nicht wirklich leichter. Effektfrei sind die Minuten aber so oder so nicht.

 

Die brachialen Tracks scheinen trotzdem das Rückgrat des Albums zu sein, lassen aber genauso all das vermissen, was einen guten Song zu einem wirklichen Volltreffer machen könnte. Gerade Tourniquet ist ein Beleg für die Stärke beider Gitarristen, weiß noch dazu gut mit den wenigen elektronischen Manipulationen umzugehen, die für den Nu-Anteil am Metal sorgen. Taking Over Me und Everybody's Fool sind andererseits so straight-forward, dass man der Mischung aus Stakkato-Riffs in den Strophen und den hymnischen Ausbrüchen wenig ankreiden kann. Aber die Kurzweile, die man "Fallen" meist zugestehen kann, ist eine ohne erkennbaren Höhepunkt. Diesen Mangel behebt nichts, weder ein rappender Gast, noch die theatralischen Orchestereinlagen im finalen Whisper.

 

Man kann es sich einfach machen und schlicht darauf beharren, dass das Debüt der US-Amerikaner zu kommerziell gepolt ist, um sich die Kanten zu bewahren, die für das gewisse Etwas sorgen könnten. Etwas eher trifft man den Kern der Sache vielleicht mit der Feststellung, dass eine überzeugende Frontfrau wie Amy Lee zwar ausreicht, um Papa Roach alt aussehen zu lassen, allerdings wenig gegen die eher antiklimatische Aufmachung der Musik machen kann. Es fehlen der Nachdruck, zu Teilen die textliche Schärfe, irgendwo auch einfach die nötige wütende Präsentation, um dem harten Grundgerüst des Sounds die Eindringlichkeit für nachhallende Momente zu geben. So beständig nämlich die gute Arbeit der Band auch sein mag - wirkliche Ausfälle sind trotz wiederkehrender Fadesse nicht auszumachen -, es brennt sich nichts ein. Es ist dieser Umstand, der dann auch ganz schnell die weitere Geschichte der Band besiegelt. "Fallen" kann mit durchaus berechtigten Hits aufwarten, die sich nicht vor der genreinternen Konkurrenz verstecken müssen, beeindrucken kann einen aber hier so gar nichts.

 

Anspiel-Tipps:

- Going Under

- Bring Me To Life

- Tourniquet