Die Ärzte - 13

 

13

 

Die Ärzte

Veröffentlichungsdatum: 25.05.1998

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 30.05.2018


Ein Hauch von Streamlining zwischen humoristischen Volltreffern und geschmacksverirrter Fadesse.

 

Es ist beinahe als musikgemeinschaftlicher Konsens zu betrachten, dass viele Rock-Helden der 60er und 70er ihr Waterloo im Heranbrechen des Jahres 1980 fanden. Die Folge war der qualitative Nadir für so verdammt viele von Bob Dylan über David Bowie bis zu Neil Young und Elton John. Was nicht oft genug im gleichen Atemzug genannt wird, ist das durchaus ähnlich anmutende Phänomen, das die Jahre um die millenniale Wende und in den Folgejahren gekennzeichnet hat. Übertüncht von explodierenden Verkäufen für Nu Metal, Pop-Punk, Boy und Girl Groups, büßten viele derer, die die 80er und frühen 90er auf rockiger Ebene belebt hatten, ihr Momentum ein. R.E.M. zeigten kreative Auflösungserscheinungen, Metallica drifteten ins schmerzhaft Mittelmäßige ab, The Cure fanden sich mit der Solidität ab, die Britpopper waren überhaupt Geschichte und der Grunge gebar mit dem Post-Grunge ein Monstrum ganz eigener Prägung. Mit Sicherheit eine merkwürdige Ära, in der auch ich musikalisch sozialisiert wurde und in der so nebenbei die Ärzte ihren Status als deutsche Rock-Heroen endgültig zementierten. Dafür Hauptverantwortlich: "13", Glücks- und Unglückszahl in einem, spirituell wie im Kanon der komödiantischen Dreifaltigkeit.

 

Die hat in den Jahren davor ja eine an Volltreffern und gleich darauf folgenden Irrungen reiche Schaffensphase erlebt, thematisch wie musikalisch eklektisch und doch so charakterstark, dass gar kein Name auf der CD stehen musste, um die Protagonisten zu erraten. Am Konzept ändert sich an und für sich auch wenig. Punk und Rock interpretieren Farin, Bela und Rod auch hier auf eine Art, die man musikalischen Liberalismus nennen könnte, weswegen zum einen einmal weit mehr als nur die drei zu hören sind, zum anderen alles zwischen Country und orientalischer Romantik abgeklappert wird. Das wiederum ist der Strong Suit der Band, dieses Tanzen auf allen greifbaren Hochzeiten, um zwischen straightem Rock für Erleichterung im Sinne halbgarer, aber auch bestenfalls halbernster Interpretationen der verschiedensten Genres zu sorgen. Das klingt vordergründig großartig, suggeriert auch, dass man dem Abwechslungsreichtum erliegt und von einem überraschenden Höhepunkt zum nächsten springt.

Die Realität schaut allerdings anders aus und das hat zwei größere Gründe. Durch eine fast gleichberechtigte Aufteilung der Songwriting-Credits auf Bela und Farin kommt man in den Genuss einer Überdosis Felsenheimer'scher Liedkunst. Komplett egal wäre das, würde Bela textlich und kompositorisch nicht immer zwischen belanglos und wirr herumirren. Zugegeben, das dank Rods Beteiligung mit der nötigen musikalischen Härte versehene Ignorama ist die schrägste Form eines Liebesliedes - for the lack of a better word -, die sich finden lässt. Immerhin, die komplette Wurschtigkeit gegenüber fast allem anderen ins Auge zu fassen, ist ein ausgefallener Ansatz und gerät überraschend gut, weil einigermaßen erbarmungslos in der Aufzählung und ohne infantilste Abstürze auf humoristischer Ebene. Auf der anderen Seite ist Der Infant ein starker Seitenhieb auf die Auswüchse des Kindgebliebenen im Freiraum des Erwachsenendaseins.

 

Was er sonst so zimmert, ist nur äußerst...durchwachsen. Mag sein, dass man dem Western-Charme von Goldenes Handwerk einiges abgewinnen kann, umso mehr dank der gelungenen Selbstverhöhnung. Nur wird einem da relativ rasch bewusst, dass man sich mit einer gewissen Vorhersehbarkeit abfinden muss. Selbst im Falle musikalischer Spagate wie dem jazzig angehauchten Opener Punk Ist... wirkt alles abgeschliffen. Den klanglichen Ausritten ist die Spontanität gleichzeitig mit der hyperaktiven Energie von zum Beispiel "Planet Punk" abhanden gekommen. Der Graf ist die erwartet nutzlose Bedienung von Belas Vampir-Faible, diesmal auch mit musikalisch verfehlter Gratwanderung zwischen den streicherbegleiteten, ruhigen Strophen und dem grausam schlechten Hard Rock des Refrains. Party Stinkt ist langweiliger Klavier-Rock ohne Punch Line, Liebe Und Schmerz dann überhaupt ein unerklärliches Stück Pop-Rock, dessen fader Sound leider noch vom nichtssagenden, pseudoromantischen Text überlagert wird.

 

Gut, es gibt Farin und der ist, wie gewohnt, eine relativ sichere Bank. Zumindest kann man sicher sagen, dass der finale Grotesksong eine seiner größten Perlen ist. Der Protestsong im 68er-Stil richtet sich nämlich gerade gegen die, verdammt das Gejaule von Friedensaposteln und Umweltschützern in bester Ärzte-Manier, ohne es wirklich ernst zu meinen:

 

"Und ihr schreibt keine Lieder, nein, ihr schreibt ein Gedicht

Schon 400 Strophen und kein Ende in Sicht

Ja, ihr prangert an und ihr singt von Problemen

Ich bin sicher, dass sich alle schlechten Menschen jetzt schämen

 

Und wenn mal wieder ein Atomkraftwerk brennt

Seid ihr voll in eurem Element

Und ihr steht laut jammernd vor dem Parlament

Und hinter euch flattert euer Transparent

Und ihr flennt"

 

Das ist die große Kunst des Farin U., der noch dazu kein Problem hat, den richtigen Moment für den Wechsel vom soften Akustik-Gedudel hin zum gitarrenwandigen Rock zu finden. Die härtere Schiene, üblicherweise lohnendes Betätigungsfeld der Band, kommt diesmal sehr kurz, findet aber immerhin in der wohl nicht ganz ernst gemeinten Ode an den pubertären Widerstand, Rebell, eine geniale Umsetzung. Und will man sich einfach dem locker-leichten Spaß hingeben, den man von den Ärzten noch immer erwarten konnte, bleibt der Blick auf das Spielsucht-Drama Nie Wieder Krieg, Nie Mehr Las Vegas!, das trockenen Pop-Punk anbietet, oder den mit Motown liebäugelnden Klassiker Männer Sind Schweine.

 

Das alles sind, zusammen mit Der Infant und Ignorama, Tracks, die in puncto Humor keinen Vergleich mit älterem Material scheuen müssen. Bei einer Stunde Laufzeit ist der sich rundherum aufbauende Rahmen an bestenfalls soliden, schlimmstenfalls grottig langweiligen Songs aber zu dominant, um von einer großartigen LP sprechen zu können. Hilfreich sind dabei weder Belas übermäßige Präsenz als Songwriter noch ein offensichtlicher Mangel an verschrobenen Momenten. Kein Mensch vermisst einen Song wie Omaboy, soviel ist sicher. Doch die grenzgeniale Kombination von Salsa und bizarrem Humor in Meine Ex(plodierte Freundin) oder lyrische Perlen des Merkwürdigen - mit Subtext und bunt! - wie in Mit Dem Schwert Nach Polen, Warum Rene? fehlen bis zum grandiosen Finale. Die Geradlinigkeit hilft aus und beschert einem sichere Treffer wie das Eingeständnis des Kommerz-Denkens in Ein Lied Für Dich oder eben Rebell. Trotzdem fehlt etwas, wo man hier einen Standard-Song wie Angeber oder das kaum atmosphärische Nie Gesagt bekommt, dessen emotionale Leere immerhin vom Abstecher Richtung orientalischem Pop abgefedert wird.

 

Das summiert sich nur nicht zu einem großen Triumph. Aber immer noch zu einem grundsoliden Album. Wobei das bei den Ärzten mit dem Soliden wiederum so eine Sache ist. Deren Alben setzen sich nie aus einer Ansammlung ordentlicher Tracks zusammen, es ist nie standardisierte Stärke, die man zu hören bekommt. Stattdessen ist es ein Auf und Ab, ein Hin und Her zwischen dem Gipfel musikalischen Humors und Songs, bei denen man nicht ganz sicher ist, ob sie jetzt als Geschmacksverirrung abqualifiziert werden dürfen - nur dass sie nicht viel hergeben, das merkt man. "13" bietet genauso beides und pendelt sich daher dort ein, wo ein Ärzte-Album meistens zu landen hat. Trotzdem ist die LP ein Heraufdämmern des rundum Mäßigen, das die folgenden Alben - abgesehen von "Geräusch" - ausmachen sollte. Spannung und wirkliche Überraschung kommen fast nirgendwo auf, selbst ausgefallenere Ideen wirken so, als wären sie bewusst dezent gehalten. Das macht dann auch den straighten Rock relativ zahm. Das Gesamtpaket überzeugt auch deswegen nur in Maßen.

 

Anspiel-Tipps:

Ein Lied Für Dich

Rebell

Grotesksong