Denk - Laut

 

Laut

 

DENK

Veröffentlichungsdatum: 17.02.2006

 

Rating: 5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 28.09.2018


Dem Titel zum Trotz ein Album voller zahmem Pop-Rock, der nur sporadisch eigenwillig klingt.

 

Zweifelsohne wäre jetzt eine passende Gelegenheit nach mehr starken Frauen in der Pop- und Rockwelt zu schreien. Allein, ich werd es nicht tun und das aus einem einfachen Grund: Es gibt sie schon! In Wahrheit sprießen sie mittlerweile aus dem Boden, dominieren die Charts oder inspirieren abseits der großen Hits mit einer Kreativität, von der sich die meisten männlichen Kollegen ein Scheiberl abschneiden können. Manche haben nur einen Namen (Björk, Mitski, Beyoncé, Adele), andere rücken wie Courtney Mary Andrews gleich mit drei an, wiedere andere nennen sich eben Lorde, St. Vincent, Fever Ray oder in Österreich auch einmal Soap&Skin. Und da streifen wir ja immer noch nur bei denen an, die sich als Solisten behaupten, und noch gar nicht bei denen, die wie Karen O, Lzzy Hale, Hayley Williams oder Lauren Mayberry die coolen Frontfrauen ihrer Bands geben. Es mangelt auf alle Fälle nicht an charakterstarken Vertreterinnen der Weiblichkeit in der Musik. Insofern sei das außen vor gelassen, stattdessen wird sich der Musik gewidmet. Die spricht nur leider nicht wahnsinnig für DENK.

 

Dabei spricht aus der Band rund um Leitwölfin und Sängerin Birgit Denk schon eine gewisse Aufmüpfigkeit gegen das Normale. Zumindest verbal hört man so etwas in der Art heraus, man kann es mit einigem guten Willen auch in den Texten herauslesen. Musikalisch bleibt nur mit "Laut" und damit dem ersten Besuch in den heimischen Charts wenig davon über. So Standard, wie das meiste hier in den zugegebenermaßen beinahe endlosen Weiten des Pop und Rock klingt, ist es mitunter schon unbequem. Böse Zungen würden einen Gutteil des Albums als vorbeitrottendes Mid-Tempo-Gedudel abqualifizieren. Das wäre etwas ungerecht, die spektakuläre Spannung springt einen aber zweifelsfrei weder auf der melodischen Ebenen, noch auf der instrumentalen an. Da wird zwar mit dem einen oder anderen lautstarken Bläsereinsatz oder latent in der Hochphase des Rock fischenden Keyboards ausgeschmückt, das lahmende Viergespann, das die klassische Rockinstrumentierung übernimmt, prägt aber lange Zeit das Bild. Deswegen hört man eine erste Albumhälfte, die so ziemlich zum Vergessen ist. Ein Hauch von Swing zu Beginn von Wos Sogst Do Dazua oder der überquellende Kitsch in der Klavierballade Vaknoid sind keine ausreichende Kompensation dafür, dass man jeglichen Antrieb und jede atmosphärische Anziehungskraft in den Songs vermisst. Trocken und doch glatt abgemischt, spielt die Band latent an einem vorbei, weil man absolut nicht an Ecken oder Kanten zu spüren bekommt und eine Eindruckslosigkeit entsteht, die selbst die zunehmende musikalische Blässe von Wanda noch fast mutig wirken lässt - und das, obwohl DENK schon ein Jahrzehnt vorher einen pseudoromantischen Song namens Columbo im Repertoire hatten, der noch dazu besser klingt als der lähmende Charthit.

 

Jetzt gibt es Songs, die federn das gekonnt ab. Interessanterweise sogar gleich ganz zu Beginn, weil der Titeltrack in Wahrheit stilistisch mit dem Metal kokketiert und die schleppenden Rhythmen mit härteren, abgehackten Riffs stark akzentuiert. Dass man das vom langgezogenen, komplett vom Keyboard dominierten Refrain nicht sagen kann, sei in diesem Fall ignoriert. Der Gesamteindruck leidet auch kaum darunter. Wobei man bereits hier den Plafond in Reichweite wähnt und der in der Folge nicht wahnsinnig nach oben wandern sollte. Zugegebenermaßen gibt sich die zweite Hälfte angriffiger und mutiger, erlaubt sich ein paar musikalische Freiheiten und vor allem findet man das Heil in der Aktivität. Deswegen klingen Songs wie I Hoit Di Nimma Aus oder 1-2-3 lebendig und erweisen sich trotz geschliffenen Sounds als relativ charakterstark. Zu verdanken ist das natürlich auch dem markanten Organ von Birgit Denk, deren helle, aber in Ansätzen raue Stimme ein ordentlicher Farbtupfer im mondänen Klang ist. Die fehlende zündende Idee beim Songwriting gleicht das zwar nicht wirklich aus, der Bass in 1-2-3 trabt aber trotzdem ordentlich dahin und verträgt sich auch gut mit den knarzenden Riffs, genauso wie das höhere Tempo von I Hoit Di Nimma Aus dem Gesang ordentlich auf die Sprünge hilft und noch dazu mehr Harmonie von Rhythm Section und Gitarre durchscheinen lässt als die gemächlichen Minuten.

Folglich rehabilitiert sich die Band sicher nicht durch ein mäßiges Schunkel-Duett von Denk und Manuel Ortega in Mia Zwa, sondern wohl eher über die Hook von Sun, die trotz schleppernder Strophen für den einzigen Anflug von Einprägsamkeit sorgt. Dass man sich in den mit E-Orgel-Sound verstärkten Refrains da nah dran wähnt an einer gelungenen Rückbesinnung auf den popgetränkten Classic Rock, kann auf alle Fälle kein Schaden sein. Zwar kommt auch da nicht umhin, sich an der relativ konturlosen Produktion zu stören, weil die außer ein paar kernigeren Gitarrenriffs genau nichts erlaubt, wirklich gelungen ist das aber allemal. Dank der positiv eigenwilligen, nostalgisch angehauchten Semiballade Campariplakat und dem billigen, aber ordentlich instrumentierten Thriller-Cover Trilller rundet man also die zweite Hälfte der LP als eine durchwegs ordentliche ab.

 

Wobei sich darin auch schon die Schwierigkeit versteckt: Über passable Arbeit schafft man es kaum hinaus. Sind es drei Songs, die mehr schaffen, urteilt man wahrscheinlich schon wohlwollend. Ein bisschen überraschend ist das, weil die unverfälschte Performance von Denk sowohl gesanglich als auch textlich mehr erwarten lassen würde. Allerdings mangelt es den Ergüssen, die sie sich einfallen lässt, zu oft an Humor und dem nötigen Biss. Der eine oder andere Seitenhieb in Richtung Konformismus, Machismus schauen heraus, genauso wie man sich über manch anachronistische und herrlich bodenständiger Zeile erfreut:

 

"Die Oide am Campariplakat is no imma so sche wie vor fuffzehn Joar

Da söbe Grinser, die söben laungan Hoar

 

Ka graue Strähne, ka Foitn zum sehn

Sie hoit no imma ihr'n Campari

Owa schaut ma genau hi

Noch fuffzehn Joar Alk, soit ma des ned sehn"

 

Aber sowas federt eben nicht alles ab. In Wirklichkeit bügelt es ziemlich wenig aus, weil man auf beinahe einer Stunde Musik gerade einmal eine sehr großzügige Handvoll solcher Treffer findet. Dem gegenüber stehen eine lyrische Schwachsinnigkeit wie Kumm Net Her, die leider nicht mehr als dümmliches Schmachten besingt, oder aber süßliche, letztlich emotionsfreie Schmalztexte wie die von Fan oder Vaknoid.

 

Die Masse endet wiederum im Graubereich, in dem sich "Laut" letztlich insgesamt viel zu oft bewegt. Zwar blitzt an mancher Stelle durchaus Positives auf, wird entweder kurz in andere Genres abgewandert oder zumindest dem Rock im eigenen musikalischen Universum ausreichend gefrönt. Zusammenfassend bleibt aber ein Album, dessen qualitativer Querschnitt frappant an eine LP von Christina Stürmer erinnert. Zugegeben, Birgit Denks phasenweise gewinnende Aura und die spürbare Eigenwilligkeit in ihr lassen ein Abrutschen in die austauschbarsten und kitschigsten Tiefen aus Stürmers Repertoire nicht zu. Gleichzeitig hat Stürmer mit ihrer Band selten aber doch Treffer gelandet, die hier nicht in Reichweite sind, allein schon wegen des gefahrlosen und ideenarmen Sounds, der hinter der Frontfrau zelebriert wird. Gerade der ist äußerst schade, weil man sich immer dann, wenn man sich mehr einfallen lässt, auch durchaus gut anhört. Warum dann trotzdem fast alles klingen muss, als wäre man seit zehn Jahren bei einem Major Label und würde nirgends anecken wollen, bleibt hinter einem großen Fragezeichen versteckt.

 

Anspiel-Tipps:

- Laut

- Sun

- I Hoit Di Nimma Aus