Bloodhound Gang - One Fierce Beer Coaster

 

One Fierce Beer Coaster

 

Bloodhound Gang

Veröffentlichungsdatum: 03.12.1996

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 31.08.2018


Zu wenig Witz und Charme, um monotonen Rap-Metal und Alt-Rock auf Albumlänge aufzufrischen.

 

Innerhalb der Musik, die man gemeinhin als populär bezeichnet, scheint jedes Jahrzehnt so sein Plätzchen in der Wahrnehmung der interessierten Mehrheit zu haben. Irgendetwas, das der jeweiligen Dekade ein Standing verschafft und sich als essenzielle Eigenschaft für die Entwicklung der Musik herausarbeiten lässt. Das ist zwar das Ergebnis einer radikalen Verknappung in einer Form, wie sie sonst nur von rechtspopulistischen Wahlkampfsloganpoeten zustande gebracht wird, aber es kann Spaß machen. Insofern seien die 60er gepriesen als das Jahrzehnt des Rock-Erwachens, weil der Rock zwar vorher schon da war, aber erst mit Byrds, Beatles, Stones, Hendrix, Velvet Underground und all den anderen wirklich seine Facetten gewonnen hat und mutig geworden ist. Die 80er wiederum sind das Jahrzehnt des synthetischen Grauens. Es gibt auch bei aller Sympathie niemanden, der als Gesicht dieser Ära besser passen würde als Phil Collins. Diese Mischung aus Unnatürlichkeit und Kitsch. Bei aller Sympathie für genügend Songs von ihm, sowas darf nicht. Nicht einmal Metal und Hard Rock haben das Jahrzehnt heil überstanden und wurden zu Karikaturen ihrer selbst. Die 90er gelten dafür als Renaissance von fast allem, was im Rock gut und richtig ist. Da sind alte Ideale wiederauferstanden und Rebellion und authentische Kreativität durften wieder. All das sind klischeehafte Übertreibungen, aber gerade die 90er mit ihrem Eurodance-Boom, mit ihrem Techno, ihrer Boy- und Girl-Group-Dominanz und dem permanenten Feiern von dümmlicher Simplizität verdient vielleicht am ehesten ein Rebranding. Jimmy Pop und die Bloodhound Gang möchten da ein bisschen mithelfen.

 

Man muss natürlich eingestehen, dass dieses Quintett des Juvenilen nicht das Gardemaß für die 90er sein kann. Dafür war der Erfolg dann doch etwas zu klein. Aber die Million an Alben wurde locker an den Mann gebracht und trotz eines Mangels an Welthits in einer Zeit, wo eine Platin-Auszeichnung längst zur Normalität geworden war, erkennt man in den US-Amerikanern ein Amalgam so vieler Strömungen der Dekade. Da wäre der aus dem vorangegangenen Jahrzehnt hinüber gerettete Hip-Hop-Background, dazu die wiedergefundene Härte in Form forscher Riffwände, die irgendwo zwischen Grunge und Hair Metal stecken, und natürlich die Endstadium textlicher Anbiederung an die Pubertierenden dieser Welt. Sowas funktioniert schon, vor allem bei jemandem, der genau damit aufgewachsen ist. Allerdings ist die Bloodhound Gang ein Two Trick Pony, dem das Rüstzeug oder das schlichte Interesse daran fehlt, ein solides musikalisches Gerüst um die wenigen starken Lichtblicke zu basteln.

 

Aber nun zu den zwei Tricks: Natürlich ist der klassisch kindische Toilet Humor einer davon, wobei man ihn nie so wirklich mögen kann. In diesem Sinne sind Jimmy Pop und seine Mitmusikanten sowieso das Paradebeispiel einer Band, die man zu mögen hasst, selbst wenn es nur um minutenweise Sympathien geht. Es wird einem aber auch mitunter einfach elendiglich langweilig, wenn man den lyrischen Exzessen rund um asoziale Gewaltwünsche, Sexfantasien, Homophobie und Geschichten über die eigene Unfähigkeit zuhört. Das ist am Anfang etwas weniger der Fall, wobei das hauptsächlich an der generellen klanglichen Frische der LP und insbesondere eines Songs wie Lift Your Head Up High (And Blow Your Brains Out) liegt. Der ist aufgrund seiner Verwurzelung im Hip-Hop von musikalischen Parodien großteils verschont geblieben und wartet stattdessen mit knackigem Beat, passenden Claps und starkem Sample rund ums Keyboard auf. Das beflügelt Jimmy Pop zu seiner aller Wahrscheinlichkeit aktivsten und engagiertesten Performance seines Lebens, birgt noch dazu eine angekündigte, starke Judas-Priest-Persiflage mitsamt rückwärts abgespielter Message in sich. Und tatsächlich kann man sich auch mit einem Titel wie I Wish I Was Queer So I Could Get Chicks anfreunden, weil darin nicht nur die gängisten Schwulenklischees durchaus treffend verarbeitet werden, sondern auch Jimmy Pops eigene Unfähigkeit und Hässlichkeit ihren würdigen Platz findet. Dass der Rest eher mäßiger Rock zwischen Pop-Punk und Rap-Metal ist, sei verziehen.

 

Aber die Frische ist bald draußen und selbst die eindeutig stabilste LP der Band hält sich nicht wirklich über dem Durchschnitt. Das hat damit zu tun, dass man zwar einen zweiten Trick hat, den aber immer wieder auf unattraktive Art verarbeitet. Die Sound-Parodien der Bloodhound Gang sind an und für sich eine starke Sache, wenn passend umgesetzt. Irgendwie gilt so etwas für die eröffnende Heavy-Metal-Darbietung von Kiss Me Where It Smells Funny, deren Maiden-esquer Touch zumindest so lange gut klingt, bis plötzlich unstimmiges und schlicht nerviges Brian-Johnson-Gedenkkreischen einsetzt. Gleichzeitig sind Performances wie die von It's Tricky, dessen Überangebot an Power Chords, Gitarrenwänden und Distortion irgendwo zwischen KoRn und Nirvana anzusiedeln ist, immerhin lebhaft und energisch genug, um einen kurzzeitig mitzureißen.

Genau dort findet man aber auch die Achillesferse der Band, die viel zu viele Momente beeinträchtigt und potenziell starke Minuten sabotiert. Die Bloodhound Gang klingt einfach viel zu oft gelangweilt oder unmotiviert. Ob das humoristische Qualität haben soll oder einfach nur die tatsächliche Einstellung zur eigenen Musik widerspiegelt, ist schwer herauszubekommen. Aber die Fadesse, die sich in Tracks wie Fire Water Burn oder Why's Everybody Always Pickin' On Me? auf einen überträgt, schadet dem prinzipiell ordentlichen Sound, den vor allem ersterer mitbringt. Natürlich wäre es ein Leichtes einfach zu sagen, dass Jimmy Pop eben gern gelangweilt klingt, weil das als Antithese zu gefühlsbetonten und gerade im Rock so oft kraftvollen Performances ganz witzig ist. Nur ist es das nicht und das erklärt immer noch nicht, warum mitunter auch die Musik dahinter so müde und hilflos monoton klingt. Why's Everybody Always Pickin' On Me? ändert sich einfach nicht, nie. Und das tut jazzigem Gedudel genauso nichts Gutes wie der elendiglichen, siebenminütigen Scheintoten-Vorstellung Your Only Friends Are Make Believe, deren Grunge-Aufbau mitsamt plötzlicher Gewaltakte im Refrain an Lethargie kaum zu überbieten ist.

 

Dazwischen verendet man musikalisch netterweise nicht so, was einen immerhin in den Genuss des passablen Hip-Hop von Shut Up mitsamt ordentlichem Bläser-Sample und zumindest anfangs frisch klingendem Akustik-Riff und Synth-Einwürfen bringt. Dass man sich aber auf den stampfenden Beat von Asleep At The Wheel und dessen hingerotzte Vocals als Höhepunkt der zweiten Hälfte einigen muss, ist kein Qualitätsmerkmal höchster Güte mehr. Produktionstechnisch geht der Track zwar ordentlich ins Ohr und sorgt mit dem musikalisch positiv überfrachteten Refrain für ein ordentliches Lebenszeichen. Ein bisschen mau ist die Sache in puncto Songwriting allerdings doch.

 

Andererseits reden wir von der Bloodhound Gang und in diesem Sinne sollte man vielleicht mit der Suche nach faszinierend geschriebenen Songs ein bisschen vorsichtig sein. Eigentlich würde es sowieso reichen, wenn die Band einfach einmal durchgehend wirklichen Humor beweisen oder einen zumindest nicht so konsequent phasenweise langweilen würde. Das gelingt ihnen einfach immer und "One Fierce Beer Coaster" ist jetzt nicht unbedingt die große Ausnahme, auf die man immer gewartet hat. Viel eher ist es die LP, die man immer erwartet hat. Eine mäßige Ausbeute an Songs, die tatsächlich musikalisch frisch und pointiert wirken, einsame Ausreißer mit tatsächlich wahrnehmbarer humoristischer Qualität. Rundherum regiert eine Mischung aus spürbarer Motivationslosigkeit und biederem Durchschnitt. Darin wird sich in diesem Leben nichts ändern, wobei ich ohnehin überzeugt bin, dass es der letzte Review eines Albums der Bloodhound Gang hier sein wird. Was ganz einfach damit zu tun hat, dass ich nicht sicher bin, ob das Internet wirklich noch so lange existieren wird, damit die US-Amerikaner in ihrer selbsterklärten Faulheit ein neues Album weit genug fertigstellen können, um es zu veröffentlichen.

 


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