+44 - When Your Heart Stops Beating

 

When Your Heart Stops Beating

 

+44

Veröffentlichungsdatum: 13.11.2006

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 12.10.2013


Alles neu und doch 'business as usual' für Hoppus und Barker.

 

Endlich bekommt auch Mark Hoppus seine Zeit mit Travis Barker. Ein bisschen hat das Ganze ja doch an einen Scheidungskrieg erinnert, als anno 2001 das Projekt Box Car Racer ohne den Bassisten von blink-182, dafür aber mit Tom und Travis ins Leben gerufen wurde. Noch viel mehr nach Scheidungskrieg hat dann die Auflösung der Band im Jahr 2005 geschmeckt. Tom DeLonge sei ein egoistischer Kontrollfreak mit dem beide nicht mehr zusammenarbeiten können, so das Fazit nach dem Ende. Und während besagter Kontrollfreak seinen Ego-Trip in Form von Angels & Airwaves auslebt, um damit das "beste Rock-Album seit Jahrzehnten abzuliefern" (O-Ton DeLonge) macht der verbliebene Rest der Pop Punk-Helden ihr Ding. Und das nennt sich +44, sollte mit mehr Elektronik und mehr Tiefgang aufwarten und bietet im Endeffekt doch wieder beinahe eine blink-LP.

 

Denn das in dem Zwischenprojekt irgendwo ein eigener Charakter steckt, das ist nicht ganz wegzuleugnen. Allerdings verraten die Singles Lycanthrope und Titelsong When Your Heart Stops Beating wenig davon. Zwar beweist Hoppus, dass in ihm ganz offensichtlich mehr steckt als der Autor von Songs wie What's My Age Again?, trotzdem ist das Ganze zumindest musikalisch nichts Neues. Altbekannte Pop Punk-Riffs mit altbekannter Drum-Stärke vom Meister der Sticks, Travis Barker. Nicht revolutionär, aber gut. Das ist nicht ganz unwichtig, denn auch wenn abgesehen von Tom DeLonges Fehlen im Titelsong alles nach blink-182 schreit, zur Nummer 1 der LP schafft er es trotzdem. Warum? Der Riff sitzt, Hoppus klingt hier, wie auf dem ganzen Album, stimmlich nicht so eintönig wie bei seinen früheren Auftritten und hängen bleibt dieser Refrain allemal. Ähnlich ist es mit Cliff Diving oder eben Lycanthrope. Pop-Punk, der nicht zum Dahinschmelzen ist, aber eben doch seine Qualitäten hat.

 

Vielfach werden aber eher Erinnerungen an das ruhigere Self-Titled-Album von blink wach als an die früheren Tage. So bei Baby, Come On, dem Song über das "sad and lonely girl", das man in einer Bar trifft. Und irgendwie weiß man bei dem merkwürdigen Sprung von leise auf laut im Refrain und Zeilen wie: "The past is only the future with the lights on", dass hier mehr rauszuholen ist als aus The Party Song, den er Jahre früher abgeliefert hat. Am deutlichsten merkt man das beim bedrückenden Little Death, dessen ruhiger Gitarreneinsatz kombiniert mit dem simplen Drums in den Strophen vor allem deswegen funktioniert, weil Hoppus es tatsächlich schafft, einen Track stimmlich zu tragen. Unterstützt vor allem auch von seinen lyrisch vielleicht besten Momenten: "Your cry for inspiration never reaches ears on distant stars / And every night, our lonely planet slides across the universe, and I won't pretend I understand". In den ruhigeren Momenten verstecken sich mit den großen Langweilern des Albums, Weatherman und Chapter XIII, zwar auch eindeutige Schwachstellen, insgesamt imponiert jedoch der Versuch, den persönlicheren Ton von "blink-182" noch weiterzuentwickeln.

 

Und bei allem, was an frühere Zeiten erinnert, zumindest etwas komplett Neues hat sich auf die LP gerettet. Make You Smile heißt der Track, der als Duett von Hoppus mit Carol Heller und massivem Elektronik-Einsatz den Ursprung von +44 vor Augen führt. Und es klappt. Überraschenderweise funktioniert sowohl die weibliche Gaststimme als auch das ungewohnte Zusammenspiel von Barkers Getrommel mit elektronischen Drums wirklich gut. Lediglich der etwas platte Text wirkt vor allem angesichts der durchaus ansehnlichen Lyrics auf den übrigen Songs etwas störend. Trotzdem, der Beat in den Strophen, komplett am Computer erstellt, und Travis' kurzer Auftritt im Refrain, das kann zusammen schon Einiges. Ähnlich wie die nicht ganz unbekannte Abrechnung mit Tom DeLonge mit dem bezeichnenden Beginn: "Please understand, this isn't just goodbye, this is 'I can't stand you'". No, It Isn't heißt der Song und schlägt in die gleiche Kerbe wie alle Mid-Tempo-Tracks auf dem Album. Erwachsener ja, aber gerade nicht gut genug, um vollends zu begeistern. Musikalisch interessant, aber doch nicht neu genug, um einen auf lange Zeit zu fesseln.

 

Ein Problem das sich durch alle zwölf Songs zieht. Denn abseits von Make You Smile hinterlässt hier nichts den Eindruck, man hätte etwas wirklich Frisches gehört. Das bedeutet jetzt nicht, dass einen "When Your Heart Stops Beating" langweilt, das mit Sicherheit nicht. Es führt aber dazu, dass die LP ein bisschen ein Schattendasein fristet. Selten finden sich schwache Momente, genauso wenige Glanzpunkte bringt das Quartett aber auch hervor. In Wirklichkeit gibt's keinen Track der an Story Of A Lonely Guy, I Miss You oder gar Adam's Song heranreicht.

 

Es gibt aber auch verdammt viele Bands, die das nie hinbekommen. Insofern soll das mal kein großer Vorwurf an Hoppus, Barker und Co sein. Denn das wohl auf längere Zeit einzige Album von +44 schafft es auf durchaus nette Art, sowohl Spaß zu machen, als auch genug Tiefgang zu haben. Zwar fehlt da musikalisch recht viel auf einen echten Meilenstein, gute Arbeit hat die Band trotzdem geleistet, vor allem dann, wenn man es mit dem Erstling von Angels & Airwaves vergleicht. Da hätte doch ein interessanter Nachfolger kommen können, stattdessen haben wir 2011 nur blink-182's Comeback "Neighborhoods" präsentiert bekommen.