blink-182 - Neighborhoods

 

Neighborhoods

 

blink-182

Veröffentlichungsdatum: 27.09.2011

 

Rating: 4.5 / 10

von Mathias Haden, 29.11.2013


Nach 8 Jahren melden sich die ehemaligen Skate-Punker als 'Blink & Airwaves' zurück.

 

Yeah, Blink-182! Kennt die noch jemand? Gibt irgendjemand zu, die mal gemocht zu haben? Pop-Punk Bands sind ja mit dem Vorurteil behaftet, eine geringe Halbwertszeit aufzuweisen. Klar eigentlich, denn die (meist) pubertären Anhänger wachsen schnell aus ihren Kinderschuhen und für die nächste Generation stehen schon neue Pop-Punker in den Startlöchern, dieser alte Mist ist ja 'uncool'. Und wenn eine Band wie Blink-182 ganze acht Jahre lang auf einen neuen Longplayer warten lässt, dann kann das eigentlich nichts Gutes verheißen. Und wenn man als infantilste Band mit großem Erfolg als seriöses 2010s-Dance-Pop Trio zurückkommt, ist das noch viel bemerkenswerter. Seriös wurde die Band ja schon auf dem selbstbetitelten Album (2003) vor der temporären Trennung.

 

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Hoppus und Barker hatten in der Zwischenzeit ihren Spaß mit der Band +44 und im Fernsehen ('Meet the Barkers', wirklich übel), während DeLonge am Vorhaben scheiterte, mit seiner neuen Band Angels & Airwaves das pompöseste Album der Musikgeschichte zu erschaffen.

So treffen auf dem sechsten Longplayer drei charismatische Musiker wieder aufeinander, die sich in den letzten Jahren mehr oder weniger vom typischen Blink-182-Sound verabschiedet haben und ein bisschen frische Musikluft schnuppern konnten.

Umso weniger überrascht es, dass Neighborhoods mehr wie eine Mischung aus A&A und +44 klingt als nach einem bandeigenen.

 

Wer leise Hoffnungen hegt, die Jungs könnten an ihre dynamische Performance auf dem besten Album der Gruppe, Enema Of The State, anknüpfen, der darf sich schon beim Opener Ghost On The Dancefloor eines besseren belehrt fühlen. Der hat nun wirklich nichts gemein mit irgendetwas, das man mit dem Trio in Verbindung bringen würde. Aber wer nach einem Albumcover, das eher in Richtung Hip-Hop und Rap schielt, überhaupt Hoffnungen entwickeln kann, darf einem eigentlich nur leidtun.

 

Wenn es darum ginge, einfach reifer und erwachsener zu klingen, man könnte der Band nur gratulieren, das gelingt eindrucksvoll. Mit der Thematik der Liebe und der düsteren des Todes (Barker überlebte als eine von zwei Personen einen Flugzeugabsturz) wühlen Hoppus und Konsorten nicht in thematischem Neuland, aber wirken deutlich weiter als noch im banalen Text von What's My Age Again?, das als Beispiel für das infantile Blink der Hochzeit immer herhalten darf.

Dennoch verleugnen sie ihre Wurzeln nicht zu 100%. Auf Natives, dem musikalisch dank gelungenem Zusammenspiel zwischen Gitarre und Bass wahrscheinlich stärksten Track des Albums, verkündet Hoppus in seiner unverwechselbaren, tiefen Stimme:

 

"I'm just a bastard child,

don't let it go to your head

I'm just a waste of your time,

maybe I'm better off dead"

 

Und schon fühlt man sich ins Jahr 1999 zurückkatapultiert, in dem die Welt noch heil war für die gute Laune verbreitenden Blinker. Ansonsten überwiegen Ups and Downs, die meistens in Richtung unten gehen. Von diesen Herrschaften konnte man sich aber bekannterweise niemals spannende Epen oder einen Hang zur Poesie erwarten. Wie sieht es dann mit der Musik aus?

 

Das größte Problem, das sich auf Neighborhoods ausmachen lässt, ist, dass die energielose (mit Ausnahme von Barker, der ist in Topform), musikalisch recht helle Vorstellung nicht zu den ernsteren Texten passt. Der Sound, der über weite Strecken dominiert, zehrt sehr an DeLonges Einflüssen aus seinem 'Nebenprojekt', dem er in Wirklichkeit mittlerweile mehr Bedeutung zugesteht als seiner Jugendliebe. So klingen besonders Ghost On The Dancefloor oder Lead-Single Up All Night wie ein paar lockere, sich selbst nicht allzu ernst nehmende A&A-Outtakes. Besonders Wishing Well zeigt, dass die A&A-Einflüsse auch ganz gut funktionieren können, auf den Skate-Punk Mitte der 90er deutet hier, wie auch am Rest des Albums, nichts mehr hin.

Uninspiriert und lasch erstrecken sich so die 36 Minuten. This Is Home verbockt es sich mit hässlichen Synthies, und Closer Love Is Dangerous ist eine wahre Tortur.

Zumindest zweimal kommt der alte Spirit wieder auf: Auf dem von Hoppus vorgetragenen MH 4.18.2011, mit seinem Blink-lastigen Refrain und auf Heart's All Gone, auf dem zumindest wieder ein wenig gerockt wird.

 

Comebacks stellen immer eine Riesenherausforderung dar. Auch wenn DeLonge, Hoppus und Barker mit ihrem sechsten Album hinter den Erwartungen der verbliebenen Fanbase zurückbleiben dürften und ihr schwächstes Album seit dem Debüt in den Ring werfen, so scheitern sie nicht völlig an der besagten Herausforderung. Irgendwie ist man dann doch froh, dass die drei Männer noch zusammen was auf die Beine stellen können.

 

Um abschließend noch auf die eingangs gestellten rhetorischen Fragen selbst zu antworten: Ja, die Band kennt man noch. Und Ja, denn die waren um die Jahrtausendwende ein großartiger Act. Richtig, "waren", denn Neighborhoods kann über die gesamte Länge eigentlich nur selten wirklich überzeugen. Hoppus dürfte die Pause nicht gut getan haben, seine besseren Songs befinden sich auf dem +44-Album. Und was Tom DeLonge betrifft, der scheint in Gedanken wohl eher bei bombastischen Album-, Film- und Musicalideen mit seiner neuen Liebe A&A zu sein. Nach dem ganzen höchst ambitionierten Pathos der letzten Alben, wirkt er auf diesen geerdeten Blink-182-Songs wie ein Gast. So bleiben die Schulterklopfer für Herrn Barker übrig, der wie gewohnt sein starkes Getrommel abrufen kann und den einzigen Leistungsträger darstellt. Solange dieses Trio nicht hundert Prozent hinter dem Projekt Blink steht, sehe ich auch schwarz für die kreative Zukunft der Gruppe.

 

Anspiel-Tipps:

- Natives

- Wishing Well

- MH 4.18.2011