White Lies - Ritual

 

Ritual

 

White Lies

Veröffentlichungsdatum: 17.01.2011

 

Rating: 5.5 / 10

von Mathias Haden, 05.02.2014


Auf seinem zweiten Album verabschiedet sich das Trio aus London vom düsteren Sound des Debüts, die Achtziger und Melancholie bleiben.

 

Auf den Spuren von Genrehelden Joy Division, Echo & the Bunnymen und The Cure wandelten die White Lies, als sie mit ihrem Debüt To Lose My Life... einen trostlosen Mix aus karger Melancholie und atmosphärischen 80s Post-Punk/New Wave-Klängen anstimmten und über Nacht zu einer dieser gehypten Revival-Bands von der Insel wurden. Mit dem Gespür für düstere Klangwelten und gleichermaßen animierende Sing-Along-Hooks hatte das Trio rund um Frontmann Harry McVeigh mit dieser unkonventionellen Mischung sogar in den Charterfolg, das Album erreichte den ersten Platz der UK-Charts.

 

Zwei Jahre später steht die Gruppe schließlich vor der Aufgabe, einen akkuraten Nachfolger zu präsentieren. Waren die Briten 2009 schon viel zu spät dran, um im sogenannten Post-Punk-Revival Anfang des Jahrtausends eine Rolle zu spielen, so war ihr kommerzieller Erfolg während des allmählichen Verfalls des Genres mit großem Respekt zu betrachten. Eine erneut totgesagte Musikrichtung aber ins neue Jahrzehnt zu tragen, stellte sich schlussendlich auch als Sisyphusarbeit heraus.

Besonders dann, wenn man es mit der gleichen Masche wie beim Debüt versucht, ohne aber dessen Energie mitzunehmen. Schnell wird klar, dass hier ein Trio am Werk ist, dem die Zusammenstellung der zehn Tracks nicht leicht gefallen sein kann. Mit viel Keyboard soll dieses Energiedefizit überbrückt, die Hooks noch ein wenig stadiontauglicher gestaltet werden. Alles kein Beinbruch, zumal die 'Notlügen' in ihrer kurzen Bandgeschichte schon einige große Hallen gefüllt hatten.

 

Am Erstwerk orientierte sich die Band noch an Joy Division oder den Editors, auf Ritual blieben Schmerz und Melancholie zwar erhalten, das spannende, dunkle Element musste allerdings einem pompösen Pop-Sound weichen, der die drei Briten noch mehr in die Achtzigerschublade steckt als bereits zwei Jahre zuvor.

Wenn dann aber Songs leblos und unkreativ daher siechen, dann hilft da auch die bombastischste Produktion nicht. Die orchestrale Hymne The Power & The Glory fällt einem da ein, oder der Elektro-Pop von Holy Ghost. Während ersteres zumindest als belanglose Hitparadensingle mit Mitpfeifpotenzial durchgeht, wirkt letzteres wirklich fehl am Platz; besonders das Fade Out kommt ein bisschen verstörend. Dazu reihen sich noch die triefenden Pathosanleihen im trägen Turn The Bells, das ähnlich wie der Rest der LP wie ein riesiger, überproduzierter und ideenloser Klumpen an Ideenlosigkeit anschwimmt. Apropos riesig: Unter 4 Minuten geht auf LP #2 ohnehin nichts, so erstrecken sich die zehn Tracks auf 50 Minuten. Problematisch wird das aber erst, wenn einzelne Stücke wirken, als wären sie einfach in die Länge gezogen um einen noch aufgeblaseneren Klang zu erzeugen. Das hätte man nun wirklich nicht gebraucht.

 

Dass Harry McVeigh, Charles Cave und Jack Lawrence-Brown aber nicht alles verlernt haben, was sie vor kurzem noch auszeichnete, beweisen die starken Momente der LP, zu finden beispielsweise auf dem melodischen Strangers, auf dem McVeighs raunzender Bariton und verträumte Synthies ein entspanntes Gesamtbild erzeugen. Auch Streetlights, das zwar wie einiges anderes hier einen großen Kontrast zum Debüt darstellt und einen eher bescheidenen Text ("Can anybody hear me? Is anybody out there? Not a soul in a street light / This might be love") aufweisen kann, funktioniert mit seinem poppigen Refrain, würde in abgespeckter Form als Single ganz gut taugen. Ach ja, die bekannteste, Bigger Than Us, sollte man auch nicht vergessen, ist es doch eine der wenigen Reminiszenzen an den früheren Sound und liefert ein paar gelungene Zeilen ("I don't need your tears, I don't want your love / I've just got to get home"). Und mit Is Love hat man ein nicht ganz so unbewegliches Ungetüm als Opener platziert, auch wenn der einige Zeit braucht, um in Fahrt zu kommen. Alles Momente die bezeugen, dass die White Lies mit diesem 80s-Bombast-Pop-Rock mit New Wave-Elementen ganz gut umgehen können. Schade nur, dass sich sämtliche genannte Positivbeispiele auf Seite 1 befinden und ab der Hälfte somit ein deutlicher Qualitätsabfall einsetzt.

 

Der Rest ist, im Prinzip genau wie die Lyrics, mittelmäßig, bestenfalls unscheinbar. McVeigh spielt seine emotionale Stimme geschickt aus, die Band spielt ganz ordentlich ohne irgendwo nach oben oder unten auszubrechen und die Produzenten lassen mit dichten Klangteppichen nicht viel anbrennen, den Songs allerdings wenig Freiraum zum Atmen, aber das hat seinerzeit auch niemanden - man erinnere sich an Disintegration von The Cure - gestört.

 

Ginge es darum, die größte Palette an Ohrwürmern zu präsentieren, das Trio aus London wäre ein heißer Anwärter für das Album des Jahres. Lässt man diese kleine Überlegung beiseite, bleibt ein weiterer Nachfolger eines starken Debüts, der das Niveau nicht halten konnte. Hat man ja schon oft beobachten können.

Die White Lies verabschieden sich vorerst von Joy Division und Interpol und docken mit ihrem zweiten Album bei 80s-Pop wie Ultravox oder Depeche Mode an. Den Erwartungen nach ihrem überzeugenden Debüt werden die Briten zwar nicht gerecht, mit ihrem Talent für melodische Songs und einprägsame Hooks kratzen McVeigh und seine zwei Kollegen aber noch die Kurve und verharren im Durchschnitt. In etwas abgespeckter Form wäre hier sicher mehr möglich gewesen, aber so war es diesmal nicht geplant.

 

Anspiel-Tipps:

- Strangers

- Bigger Than Us

- Streetlights