The Cure - Disintegration

 

Disintegration

 

The Cure

Veröffentlichungsdatum: 01.05.1989

 

Rating: 9 / 10

von Kristoffer Leitgeb & Mathias Haden, 06.10.2013


Um Großartiges zu schaffen, muss man offensichtlich ganz knapp am kompletten Reinfall vorbei.

 

Es ist schwierig, wirklich schwierig. "Disintegration" gehört zu den CDs, bei denen man sich kaum traut etwas dazu zu sagen, geschweige denn zu kritisieren, weil einem klar ist, dass da irgendetwas sehr, sehr richtig gemacht wurde. Aber es muss gesagt werden: Robert Smith ist hier nur knapp daran vorbeigeschrammt einen Flop zu fabrizieren. Denn zwischen erschreckend beklemmender und doch fesselnder Stimmung, mächtigen Texten und Smiths Fähigkeit, die Musik perfekt als Bühne für seinen Gesang zu nutzen, tun sich ab und an Schlaglöcher auf.

 

In Wirklichkeit kommen die sogar vom ersten Moment an zum Vorschein. Opener Plainsong ist mit den Keyboardwänden und dem fast gänzlichen Fehlen einer Melodie einfach 'too much'. Genauso wie die störrische Drum-Keyboard-Kombi in Closedown, die bei Zeiten alles andere überlagert, oder der neuneinhalb Minuten lange Track The Same Deep Water As You, der selbst so manchem Metal- und Prog Rock-Freund zu lang sein wird. Und so geht es einem als Hörer eigentlich die meiste Zeit. Da gibt's wenig, was als Ohrwurm taugt, kaum einmal ein Track, der nicht irgendwo zwischen lähmender Langweile und übermäßig großen Arrangements herumschwimmt. Einzige Ausnahme ist die Erfolgssingle Lovesong, deren lockerer Up-Beat-Sound und simpler Keyboard-Loop genau das bieten, was hier sonst nichts hat, nämlich die Fähigkeit einen auf Tage und Wochen zu verfolgen. Was noch sofort positiv heraussticht, sind Smiths Texte, die auch den abgehärtetsten Emo Punker noch erschrecken können. Nicht nur das, liest man sich das Ganze im Booklet durch, merkt man, dieser Robert Smith dürfte einer der besten Texter im Musikbusiness sein.

 

Um aber jetzt nochmal auf den ach so unsympathischen Großteil des Albums zurückkommen. Der ist so nebenbei in Wirklichkeit nahe an der Perfektion. Denn auch wenn es sicher Zeit braucht, um sich an dieses merkwürdige Etwas, genannt "Disintegration", zu gewöhnen, hat man die Phase hinter sich, kann man sich in den 70 Minuten verlieren wie in kaum einem anderen Album. Natürlich muss man etwas übrig haben für depressionsgetränkte Texte, träge Melodien und die offensichtliche Melodramatik. Wer sich da allerdings wiederfindet, den werden Balladen wie Pictures Of You oder der aggressivere Titeltrack nicht kalt lassen.

 

"Disintegration" ist gewöhnungsbedürftig, ohne Frage. Und es ist viel mehr ein in sich geschlossenes Gesamtkunstwerk als eine Zusammenstellung einzelner mächtiger Songs. Da finden sich wenige Ausreißer nach ganz oben, in Wahrheit wohl nur Lovesong. Dafür aber zwölf Songs, die einen kaum eine Minute enttäuschen. Insofern darf man "Disintegration" ruhig feiern, man muss es nur nicht übertreiben, nicht jeder wird da dahinschmelzen.

 

K-Rating: 8 / 10

 


Die Rückkehr des Gothprinzen, Episode 2.

 

Disintegration. Ein Titel, der bereits soviel aussagt und verspricht. Heutzutage von Frontmann Robert Smith als zweiter Teil seiner Trilogie der essentiellsten The Cure-Alben beschrieben und nebenbei wichtigster Meilenstein und erfolgreichste Stunde der Band. Nach einigen Jahren der künstlerischen Entwicklung und zugänglicheren Popmusik zogen The Cure, die sich besser Robert Smith & The Cure hätten nennen sollen, einen Schlussstrich. Zurück zu den düsteren Wurzeln der frühen Achtziger. Das Rezept: Viel Keyboard, Synthesizer und bedrückende Texte.

 

Das Ergebnis war das wohl atmosphärischste Album seiner Zeit, bis heute hoch einflussreich für Gothic-Bands aller Art und als Leitfaden abertausender Emos, sofern es die noch immer gibt. Und während sich mein Vorredner auf die verzweifelte Suche nach einer kleiner Ungereimtheit machte, muss ich es einfach sagen: Das Album ist in sich geschlossen und auf seine Weise perfekt.

Vom ersten Ton von Opener Plainsong wird man behutsam in die verrückte Welt des Robert Smith gezogen und auf die kommenden 70 Minuten vorbereitet. 'Too Much' dürfte auf diesem Album tatsächlich etwas sein, nämlich die Gesamtlänge der mit 2 Extrasongs versehenen CD-Version von Disintegration, mitnichten aber die herrlich melancholische Hymne mit der das Abenteuer 'Melodramatik' beginnt. Denn ohne die beiden Nachzügler Last Dance und Homesick wäre bzw. ist das Album hervorragend ausgekommen. Natürlich kann man auch auf einem Meisterwerk immer die eine oder andere Kleinigkeit bemängeln. Oft hat man tatsächlich das Gefühl, Smith übertreibt es ein bisschen. Nicht selten sind die einzelnen Songs wie etwa Closedown oder Fascination Street mit zu dichten Klangmustern versehen, haben kaum Zeit zu atmen. Jede freie Sekunde wird gnadenlos mit dem einen oder anderen Keyboardklang oder Gitarreneffekt zugekleistert. Aber auch das nimmt man natürlich gern in Kauf, zu fesselnd (da gebe ich dir gerne Recht) die Stimmung, zu packend die Trostlosigkeit in Tracks wie Disintegration oder Prayers for Rain.

 

Wer sich bei längeren instrumentalen Passagen freudig die Hände reibt, für den dürften sich hier wunderbare Möglichkeiten auftun, das klappt hier unerwartet gut. Richtig problematisch wird es nämlich nur mit The Same Deep Water As You, den mein Kollege schon vollkommen richtig als kleines Negativbeispiel hervorgehoben hat. Nicht so zielsicher agierte Besagter allerdings bei der kleinen Rüge an dem wundervoll beklemmenden Closedown, der mit seinen prägnanten Drum- und Keyboardeinsätzen nur so sprudelt, wie ein Geysir. Ebenfalls wunderbar natürlich die allseits bekannten Pictures Of You und Lovesong, sowie das heimliche Highlight des Albums, der Titelsong.

 

Wie also mein Vorsprecher schon richtig analysiert hat: Disintegration ist sehr gewöhnungsbedürftig. Wer sich aber darüber traut, und diesem intensiven Häufchen Melancholie eine faire Chance gibt, der kann es eigentlich nur lieben. Oder hassen, genau. Viel Spielraum zwischen den Extremen lässt einem das Album tatsächlich nicht, zu sehr polarisieren die für manche Geschmäcker überarrangierten Stücke und depressiven Texte des Gothpropheten. Was nichtsdestotrotz bleibt, ist die Erkenntnis, dass 'kommerzieller Suizid' auch ganz anders aussehen kann: "and it's so cold / it's like the cold if you were dead' / and then you smiled for a second"...

 

M-Rating: 9.5 / 10