Wanda - Bussi

 

Bussi

 

Wanda

Veröffentlichungsdatum: 02.10.2015

 

Rating: 4.5 / 10

von:

Kristoffer Leitgeb

 

am:

04.02.2017


Genauso wie die Lieder von gestern, aus den trüben Nestern, in denen Fusel und der Beischlaf regieren.

 

Ein dreifaches Hoch auf das Wienerische! Die Welt kennt keine bessere sprachliche Regionalblüte, die deutsche Sprache schon überhaupt gar nicht. Wem sonst außer mir könnte man ein qualifiziertes Urteil hier zutrauen? Und überhaupt: Wer wos aundas sogt, soi scheißn geh'! Genau das ist es nämlich, dieses Tiafe, das sich zu einer majestätischen Mischung aus Zynismus, Grantlertum und Grundzügen fundamentalistischer Misanthropie erhebt, dabei aber nicht ihren liebenswürdig patscherten Charakter einbüßt. Vastehst? Nun kann es gut sein, dass sich auch Wanda - die heimische Antwort auf...wen eigentlich?! - mit ihrem klischeebehafteten Rock und Zeilen für die besoffenen Stunden rauchiger Eckbeisln auf die Suche nach der stolzen Höhe im allzu Tiefen machen wollen. Vielleicht wollen sie auch einfach nur auf der Bühne stehen und zufällig gefällt ihnen dann eben die Musik, die sie zusammenzimmern. Wahrscheinlicher und für meine Position auch vorteilhafter, denn so bleibt nur "Bussi" hinterfragenswert, während der Dialekt vor Kritik geschützt ist.

 

Mit dieser Ausgangslage fällt es auch relativ leicht, gleich einmal den überhasteten Release der LP generell zu bekriteln. Warum unbedingt ein Jahr nach dem Durchbruch einen Haufen Songs raushauen, die sich im Endeffekt zu nicht mehr als einer B- und vielleicht gar C-Sides-Sammlung summieren? Wahrscheinlich ist das der damals noch frischen Popularität und also der höheren Erfolgswahrscheinlichkeit geschuldet. Es hilft aber erwartungsgemäß niemandem, der sich das Album dann wirklich anhört. Von Veränderung ist einmal keine Spur, obwohl in kleinen Dosen die Synthesizer verstärkt eingesetzt werden, alles noch ein bisschen poppiger und auch ruhiger wirkt. Weniger positiv könnte man den Zwölferpack aber genauso als einigermaßen blutleer beschreiben. "Bussi" kennt keinen Refrain wie den von Bologna und keinen Anreißer wie Luzia, stattdessen plätschert schon der Opener 1, 2, 3, 4 höhepunktslos dahin. Am meisten schadet das Marco Michael Wanda. Dessen, in euphemistische Wort gepackt, charakterstarke, naturbelassene Performances sind im Mid-Tempo-Pop, der merklich dominanter geworden ist, nur noch deplatzierter und vorzugsärmer. Ein ziemlich tonloses Krächzen und Jaulen, mit dem er phasenweise Bon Scott und Wolfgang Ambros zu channeln versucht, das aber schon mit der eröffnenden Parole "Ich bin ein trauriger europäischer Geist" unweigerlich komödiantische Züge annimmt.

 

Andere mögen das charismatisch nennen, vielleicht verkenne ich auch einfach nur eine coole Sau, die da am Mikro werkt. Es passen aber auch die Einzelteile des Wanda-Pakets nicht sonderlich gut zusammen. Ein sexistischer Hauch umwabert manchen Song, gelebter Hedonismus springt einen an, gleichzeitig jammert sich der Frontmann aber durch manch definitionsloses Unglück, halbwegs als amourös wahrnehmbar, nur um es mit einem Refrain wie

 

"Genauso wie die Flaschen von gestern

Meine beiden Schwestern

Ich schau dich gern von rechts an

Hin und wieder stehen wir uns nah"

 

in lächerlicher Form zu umschreiben. Auf "Amore" hat noch die Musik zeitweise dafür gesorgt, dass man sich solcher Probleme weniger bewusst war oder sogar urplötzlich sympathische Züge im großen Ganzen entdecken konnte. Voll mit Klischees und einer übermäßig vereinfachten Wiederaufbereitung jahrzehntealter Rock-Gepflogenheiten war das, aber dem Beat von Luzia war halt trotzdem kaum zu entrinnen. Diesmal ist das alles irgendwie nur mehr zum Mitschunkeln. Mit böser Zunge könnte man behaupten, es sei von Rock durchzogener Schlager, den man da vorgesetzt bekommt. Freimütig an der Oberfläche mit inhaltlich und gesanglich hingerotzten Texten, ultimativ allerdings nicht viel mehr als eine Endlosschleife von "Bussi Baby", wie es die gleichnamige Leadsingle vormacht. Und ganz ehrlich: So weit hat es Justin Bieber als 15-Jähriger auch gebracht, dass er einen Refrain für Gedächtnislose trällert.

 

Natürlich, hin und wieder ist etwas zu spüren von netten Ansätzen. Gib Mir Alles versucht an der Gitarrenfront zu jangeln, bringt eine potenziell starke Melodie mit, ertränkt sie aber in unnötigen Keyboard-Einsätzen und hat einen ordentlichen Energiemangel. Es bleibt dann nicht so gar viel, auch wenn man ganz gern zu dem Song zurückkommt. Genauso wie man Nimm Sie Wenn Du's Brauchst kommentarlos mitnimmt, weil sich mit der Rückkehr des italienischen Städtchens Bologna auch eine ungewöhnliche Harmonie breit macht. Wandas alkoholgestähltes Organ steht der gemächlichen Ballade besser als den übrigen Songs, überlagert zwar die recht ordentliche Arbeit am Sechssaiter, geht aber im Klavierpop auf.
Trotzdem steht dann das starke Lieber Dann Als Wann relativ allein da. Ein Einzelfall, in dem sich die Rhythm Section traditionellem Rock 'n' Roll und ein bisschen Western-Touch hingibt und zum ersten Male tatsächlich erfrischender Zynismus durchblinzelt:

 

"Wenn du du selber bist

Bist du so fad, dass niemand mit dir spricht

Es schaut dich niemand an

Wenn du dich selbst nicht spielen kannst

Also lern es lieber dann als wann"

 

Nur das in Richtung Nino aus Wien abdriftende Kein Herz Im Hirn kann da halbwegs mit. Zwar klingen die Retro-Keys dort so billig, dass es fast schmerzt, dafür bietet man ansonsten einen Hybriden aus Indie-Pop und althergebrachtem heimischem Liedermachertum, der das Album mit dessen einziger frischer Idee beschließt.

 

Was man davor noch so vorgesetzt bekommt, ist ein Haufen hookarmer Müdigkeit. Wenigstens klingt das nur einmal so miserabel, dass Sterne rauskommt. Das ist entweder das Produkt des farblosesten und gleichzeitig wirrsten Rausches, den man sich vorstellen kann, oder aber in all seiner beschwingten, unstimmigen Trägheit das Ergebnis einer schwer verunglückten musikalischen Vision. Wobei zusammenfassend die Existenz einer solchen Vision bei Wanda durchaus in Zweifel gezogen werden kann. Es wäre ja vollkommen vertretbar, wenn alles so klingen würde, wie es auf dem Debüt getönt hat, nur war das schon ziemlich schwierig. Viel hat sich in diesem einen Jahr nicht geändert, sodass im Endeffekt außer einem Mangel an Energie, Ideen und Hooks nur mehr der unsympathische Schmalspur-Rock bleibt, der bei positiver Betrachtung eine passionierte Imitation dessen ist, was in den (frühen) 60ern musiziert hat, bei nüchterner Betrachtung allerdings eher einer Parodie eines altgedienten Genres gleichkommt. Pop können sie trotzdem noch halbwegs, aber das wird nicht reichen, wenn man weiterhin klingt, als würde man Schlager-Show und Falco verbinden wollen.

 


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