The Vines - Winning Days

 

Winning Days

 

The Vines

Veröffentlichungsdatum: 23.03.2004

 

Rating: 4.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 05.03.2021


Gefangen in der endlosen Langeweile des Craig Nicholls und seines Psychedelic-Garage-Grunge.

 

Es gibt ganz einfach Bands, die es nicht zustande bringen, etwas anderes zu sein als fad. Das lässt sich ziemlich sicher nicht vermeiden, dass es solche Exemplare gibt, nachdem manche davon auch wirklich nur dafür zu leben scheinen, im Radio gespielt zu werden und dabei trotzdem möglichst eindruckslos im Hintergrund zu verschwinden. Und es soll und darf sie gerne geben, die The Fray oder Jack Johnsons dieser Welt. Immerhin bringen die trotzdem hier und da starke Songs hervor und haben sogar solide Alben im Repertoire. Und den Rest der Zeit stören sie wenigstens nicht. Schwieriger ist es da schon mit denen, die eigentlich gar nicht langweilig sein wollen oder sollten, die sich lautstark Gehör verschaffen und musikalisch wie abseits der Musik durchaus verhaltensauffällig sind, dann aber trotzdem nie wirkliches Interesse wecken. Dass das überhaupt geht, ist zwar durchaus bemerkenswert, aber doch kein Erfolg im eigentlichen Sinne. Aber es wirft die Frage nach dem Warum auf. Im Falle der Vines, die immer noch da sind, ohne dass es jemand merkt, könnte die Ursache dort zu finden sein, wo die Band nicht nur Fadesse auslöst, sondern schon höchstselbst die meiste Zeit in ihrem Tun verdammt gelangweilt klingt. "Winning Days" ist dahingehend ein unrühmlicher Höhepunkt.

 

Deswegen ist die LP aber noch nicht zwingend schlechter als das, was die Australier sonst noch so abgeliefert haben. Zwar mangelt es den Songs eindeutig an der knackigen Kürze und dem zumindest teilweise spürbaren Nachdruck, den wenig später "Vision Valley" zu bieten haben sollte. In Anbetracht dessen, wie unterwältigend bereits das hier und da gefeierte Debüt "Highly Evolved" schon war, ist dessen weniger erfolgreicher Nachfolger aber eigentlich nur eine Bestätigung bereits bekannter Schwächen. Trotzdem lässt sich einwandfrei feststellen, dass man hier noch einmal etwas weniger Spannung und Energie geliefert bekommt. Stattdessen versinkt man in dieser höchst merkwürdigen Mischung aus grungigem Garage Rock und psychedelischem Pop, die es schafft, den Punch von ersterem und das fantasievolle Potenzial von zweiterem nahezu komplett abzutöten. Die Vines klingen nie wirklich ideenreich noch sonderlich vor Kraft strotzend, sieht man von einzelnen Ausnahmen ab. Stattdessen ist es eine skurrile Lethargie, die einen hier anspringt, insbesondere in jedem vermeintlich atmosphärischen, melancholischen Moment des Albums. Autumn Shade II, Amnesia oder der höllisch belanglose Jangle-Pop von Rainfall sind dermaßen spannungsfrei, dass man sich auf dem langweiligsten LSD-Trip aller Zeiten wähnt. Es ist ein ausdrucksloses, lahmes Genöle, das Nicholls da ins Mikro singt. Ungefähr so emotionsgeladen und mitreißend wie ein weißes Blatt Papier, einschläfernd müde, gleichzeitig aber klanglich so unverfeinert, dass man an eine Kurt-Cobain-Parodie glauben könnte.

 

Tatsächlich klingt die Band in ihren ruhigeren Minuten aber eher so langweilig wie Creed. Während man Creed allerdings wenigstens nachsagen kann, dass sie immerhin mit voller Leidenschaft langweilig waren, weil sie alles auf die Karte des schmalzig-pathetischen, harten Pseudo-Grunge gesetzt haben, wollen die Vines eigentlich etwas Cooleres kreieren, scheitern aber einfach kolossal daran. Man erweckt aber auch weder den Eindruck sonderlich Coolness noch irgendeiner kreativen oder emotionalen Tiefe, wenn man einen Song Sun Child betitelt und dann in luftig-gitarrenlastiger, Beatles-esquer Schwermut und Melancholie dahintrabt, ohne auch nur den Versuch zu starten, aus Kilometern Entfernung an die Finesse der Fab Four heranzuriechen. Da bleibt dann nur tödliche Langeweile als Ergebnis übrig, außer man findet die Erfüllung in diesen spannungsfreien, unatmosphärischen Riffs, die irgendwann in etwas lauteres, aber glattes Geschredder ausarten, ohne an Tempo oder Härte wirklich zu gewinnen.

Da fragt man sich doch zwangsläufig, was das eigentlich soll. Angeblich ein Mehr an persönlicher Note auf der textlichen Ebene soll es sein. Die Vines klingen aber einfach so, dass einem die Texte komplett egal sind. Wenn der eigene Frontmann in seinen ruhigeren Minuten nie den Eindruck macht, als wäre es ihm in irgendeiner Form wichtig, was er da singt, oder als würde ihn das irgendwie emotional berühren, warum sollte das dann irgendwen anderen jucken? Nicholls vermittelt stattdessen das Gefühl vollendeter Apathie und Lethargie, jault sich tonlos und schwerfällig durch die Songs.

 

Insofern gilt es, den Mann am Mikro mit der instabilen Psyche tunlichst nur in schnelleren, hingerotzten oder angriffigeren Tracks einzusetzen. Dort passt er rein, weil an seinem mangelnden Gesangstalent und seiner fehlenden Emotionalität und Ausdrucksstärke wenig auszusetzen ist. Ride ist als solches ein ähnlich gelungener Opener wie der vom Debüt, kommt mit der eingängigsten Hook des Albums daher, parkt Nicholls genauso jaulend zwischen locker-flockigen Garage-Riffs, wie er ihn hier und da über röhrenden Gitarren komplett ausrasten lässt. Das geht ins Ohr und vermittelt nicht nur einen gehörigen Energieüberschuss, sondern auch die nötige Vitalität. Verstärkt wird der Eindruck noch dadurch, dass "Winning Days" in diesen Momenten zwar eindeutig etwas geglätteter als der Vorgänger anmutet, gleichzeitig aber gelungen mit der Distortion und ein paar Stimmeffekten spielt, um den Track zumindest kurzfristig ein bisschen surrealer zu machen. Während man mittendrin bei She's Got Something To Say To Me auch mitkriegt, wie ordentlich, aber doch banal, dieser Garage Rock ohne Härteeinlagen und ein bisschen Irrsinn klingt, bekommt man pünktlich zum Abschluss der LP in Form von F.T.W. noch einen solchen musikalischen und gesanglichen Ausraster serviert. Der tritt mit höllisch einfacher, aber cooler Bassline an, mutet auch wegen der unspektakulären Drums wie eine weniger zündende Aufbereitung vom kleinen Hit des Vorgängers, Get Free, an, wandert aber immerhin kurzzeitig auch in eine dynamische Spät-60er-Psychedelic-Bridge ab. In Wirklichkeit muss man sich hier allerdings, wie schon beim Debüt, eigentlich mit einem einzigen Treffer begnügen. TV Pro ist als solcher aber immerhin einer, dem es gelingt, die beiden prägenden Facetten der Band, den entgleisenden, grungelastigen Stumpfsinn und die schwerfällig schwebenden, psychedelischen Anwandlungen, erfolgreich zu verbinden. Textlich stupid und auch nur mit sechs Zeilen ausgestattet, erspart man sich netterweise jegliche Pseudo-Tiefe und paart stattdessen einen unerwartet stimmigen, gemächlichen Drogentrip mit Nicholls' wortlosem Geschrei inmitten der dröhnenden Riffwände des Refrains. Das Ergebnis mag inhaltsarm sein, es ist aber ein wichtiger Weckruf auf einer trägen LP, ein Zeichen für die Vereinbarkeit der beiden Gesichter der Band und ein herrlich erratisches, kompromisslos irres Ganzes.

 

Was einen zu dem Schluss bringt, dass eventuell ein Mehr solcher Zügellosigkeit von Nöten wäre, um aus den Vines noch irgendwann einmal ein solides Album herauszuholen. Natürlich kann man sich mehr Inhalt erwarten, die Band ist allerdings in ihren vermeintlich nachdenklicheren, gedankenvollen Momenten um nichts mehr ernstzunehmen und zudem noch sterbenslangweilig. Insofern wäre eine Hingabe zu mehr Härte, mehr Tempo, vielleicht auch etwas mehr Kontrollverlust und Wahnsinn - und sei beides auch nur gut inszeniert - sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Auf "Winning Days" passiert er nicht. Stattdessen ist die LP zwar mit ähnlich vielen oder besser wenigen Lichtblicken wie das Debüt gesegnet, vermittelt dabei aber ein noch müderes, uninteressanteres, lethargischeres Gefühl. Daraus ergibt sich bei Nicholls und den Seinen nichts Positives, es wird weder zu Stimmung noch Emotion erfolgreich transformiert. Eher bekommt man den Eindruck, da hätte eine Band den Spielspaß verloren, den sie ohnehin nie so wirklich gehabt haben dürfte. Ich hätte ihn jedenfalls hier nirgendwo gefunden.

 

Anspiel-Tipps:

- Ride

- TV Pro

- F.T.W.


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